Unter Druck gehalten |

"Selvhenter" bei "Dienstag unten" im Bunker

Text & Fotos: Rainer Schmidt

Bielefeld, 13.12.2013 | Seit einem Jazzfestival im österreichischen Wels vor gut einem Jahr finden vier junge Däninnen auch in Mitteleuropa große Aufmerksamkeit für ihre sehr geräuschvolle Interpretation des Themas "Kleinformation mit Blasinstrumenten und Schlagzeug". Was die Musikerinnen von "Selvhenter" vorerst auch in kleine Clubs wie den Bunker Ulmenwall mitbringen, zielt deutlich auf große Rockfestival-Bühnen: Saxophonistin Sonja LaBianca und Posaunistin Maria Bertel haben jeweils einen ernsthaft großen Röhrenverstärker im Rücken, zwei komplette Schlagzeugsets sind vorhanden.

An denen klopfen Jaleh Nagari und Anja Jacobsen im Team kleinteilig ziselierte Rhythmen oder treiben mit dem ökonomischen Schwung von Langstreckenläuferinnen geradlinige Grooves vor sich her. So ganz mag man das mit den Festivals nicht glauben angesichts des eher introvertierten Auftretens des Quartetts: die Bläserinnen stehen direkt gegenüber, nur eine Bühnenhälfte ist belebt. Sie scheinen ihre Töne in den Bühnenboden versenken zu wollen, beziehungsweise beschäftigen sich viel mit den Effektkästchen die vor ihnen liegen und die Töne bis zur Unkenntlichkeit verflüssigen und mit viel Verzerrung anreichern. Dazu will ein Horn stetig unter Druck gehalten werden, wenn die Rückkopplungen nicht dominieren sollen. Für interessante Harmonien und Spannungsaufbau bleibt keine Zeit, die auf der Bühne ohnehin schneller zu vergehen scheint als beim Zuhörer.

Eine Pause haben die Bunkermacher den Musikerinnen abgerungen ("das Publikum hat Pause gemacht" berichtete eine Besucherin über das letzte "Dienstag unten spezial", bei dem das Zodiak-Trio in einem Set durchspielte). Das erweist sich als goldrichtig: auf einmal sind die jungen "Schnäppchenjäger" da, die für geringeren Eintritt teilhaben wollen, ergänzen das Publikum zu einer ansehnlichen Schar, lassen aufgekratzte, emotionale Stimmung aufkommen. Und Selvhenter lässt sich nicht lumpen: Die Beats werden strukturierter, entwickeln die Anmutung von Rockstücken und Technotracks mit der zusätzlichen Würze von gegeneinander verschobenen Metren, die Bläserinnen erzeugen Echoschleifen, die sie über die Effekte filtern und verfremden. Chaos und Struktur springen gemeinsam in einen kreativen Pool, alle sind zufrieden. Geradezu belagert wurde die Band anschließend am Plattenstand, der eher einer Boutique glich, indem luxuriös bedruckte LP-Cover sämtlicher Nebenprojekte die einzige als CD erhältliche Scheibe in eine verschämte Nische drängten.