"Charlie Mariano: Last visits" |

Filmpremiere und Konzert

Text: Vera Marzinski | Fotos: Vera Marzinski, Gerhard Richter

Köln, 30.11.2013 | Melancholie ist in seinem Klang und Charlie Mariano sagt im Film selbst: "Es ist ein Teil von mir". Als "Tears of Sound" bezeichnete der berühmte Bassist Charlie Mingus seinen Klang. Charlie Mariano, in Boston am 12. November 1923 geboren als Kind italienischer Einwanderer spielte in den USA mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie. In den 70iger Jahren kam Charlie Mariano nach Europa und blieb - und wurde zur Inspiration von Generationen junger europäischer Musiker. Einen kleinen Einblick in das Leben des Ausnahme-Saxophonisten gibt Axel Engstfeld mit seinem Film "Charlie Mariano: Last visits". Es sind Marianos letze Jahre, in denen der Kölner Regisseur den Musiker begleitete. Charlie selbst erzählt von seiner Kindheit, seinen ersten Jahren als Musiker, seinen Ehefrauen. Bis zu seinem Tod im Juni 2009 lebte Mariano 23 Jahre lang in Köln. Nachhaltig prägte er das Jazzleben in der Domstadt und arbeitete mit vielen dort lebenden Musikern zusammen – allen voran mit dem Pianisten und Keyboarder Mike Herting. Der erlebte ihn immer als "100 % Musiker". Und wer mit ihm spielte, von dem erwartete Mariano auch, dass er diese volle Prozentzahl einsetzte. Er spielte mit Seele und hatte nie Lampenfieber: "Ich gehe auf die Bühne und lebe weiter" – sie war sein Wohnzimmer.

Ob Backstage-Konzertbesprechungen oder Interviews mit befreundeten Musikern, alles in diesem Film gibt einen Blick auf das Leben und sein besonders Charisma. Auch mit über 80 wirkt er noch wie ein ganz junger in seinem Spiel. Gerade die kurzen Konzertausschnitte sind besonders und zeigen seinen besonderen Stil, denn Mariano bläst sein Altsaxofon mit einer intensiven Phrasierung und einem expressiven Tonfall. Und das war immer so: Gleichgültig, ob er auf dem Alt- oder Sopransaxofon zu hören war (und später auf dem Oboen-ähnlichen, indischen Instrument Nagaswaram), oder ob er Modern Jazz, Fusion oder Weltmusik spielte: Stets hat Mariano seine Improvisationskunst emotional aufgeladen,

Auch wenn der Film nur die letzten Besuche im Leben des Charlie Mariano zeigt – es ist faszinierend diesen grandiosen Musiker zu "erleben". Herrlich auch der Disput mit Gitarrist Philip Catherine vor dem Konzert zum 85. Geburtstag in Stuttgart. Hier war Axel Engstfeld "just in time" vor Ort. Nach der Film-Premiere in Köln verrät Engstfeld, dass dies nur fünf Minuten von fast einer Dreiviertelstunde der Diskussion waren, in die später auch noch Jasper van't Hof einstieg. Engstfeld ist immer ganz nah dran. Dass merkt der Zuschauer insbesondere bei den Konzerteinspielern. Mit den Musikern, die nach der Filmpremiere zu "Charlie Mariano: Last Visits" im Stadtgarten spielten, war Mariano im Film bei einem Konzert zu sehen. Fast hätte man applaudiert, weil es so authentisch war – wie mitten drin im Konzert mit Mariano, der da vorne gerade seine brillanten Stücke spielte gemeinsam mit Matthias Schriefl (Trompete, Flügelhorn), Mike Herting (Klavier), Robert Landfermann (Bass), Ramesh Shotham (Percussion, Schlagzeug).

Im exzellenten Konzert nach der Filmpremiere kam noch Florian Bramböck (Altsaxophon) hinzu. Dorothee Mariano, die im Stadtgarten kurz auf die Bühne kam, sagte, dass Charlie sich sicher gefreut hätte, hier mitspielen zu können. Und zu Bramböck sagte sie: "Sie sind ein sehr gelungener Nachwuchs!". Das "By, by babe" aus Charlie Marianos Feder hatte er allerdings nicht für sie komponiert, wie Matthias Schriefel kommentierte. Zu "Anissa" kam Oud-Gitarrist Chaouki Smahi dazu. Viele Mariano-Stücke spielten sie, aber man hätte mehr als einen Tag mit seinen Kompositionen füllen können. Dabei war Mariano sehr sparsam mit neuen Stücken, wie er im Film verraten hatte. Er wolle sich nicht wiederholen oder anderes kopieren. Grandios natürlich sein "Christal Bells" oder das Stück über die Inseln vor Boston "Plum Island" - und dann endlich als Zugabe "Bangalore". Wunderbar das "May your smile upon us" von Mike Herting. Geschrieben nach einem Besuch bei Charlie Mariano, als er schon nicht mehr sprechen konnte – "aber sein Lächeln war noch da", so Herting. Auch Matthias Schriefl hatte der Saxophonlegende ein Stück gewidmet: "Pfiat di Charlie". "Und das heißt nicht hallo", erklärte der aus Kempten im Allgäu stammende Jazztrompeter.

Das Filmplakat zur Premiere im Stadtgarten fand nach dem Konzert schnell eine neue Besitzerin. Petra Herriger-Angelmahr vom "Badehaisl" in Wachenheim/Pfalz nahm es mit und erzählte, dass Charlie Mariano seine letzte Live-CD mit Dieter Ilg im "Badehaisl" 2009 aufgenommen hatte. Nach zwei krankheitsbedingten Absagen war es damals doch zum Auftritt gekommen. Charlie Mariano begeisterte – seine offene, ehrliche und direkte Art, die auch im Film zu erspüren war, und wer ihn nicht zu Lebzeiten live erlebt hatte – hier bekam er die Möglichkeit, diesen besonderen Menschen das nachzuholen. Der Film "Charlie Mariano: Last visits" kommt im Februar 2014 in die Kinos – u.a. in der "Filmpalette Köln".