Animata und Hans Lüdemann |

Auftakt beim WDR-Jazzmeeting überwältigte

Text & Fotos: Stefan Pieper

Dortmund, 20.11.2014 | Hemmungslos direkt und mit beseelter Spiellust aufgeladen - so wünscht man sich ein packendes Jazz-Konzert! In dieser Hinsicht ließ der erste Abend beim WDR 3 Jazzmeeting definitiv keine Wünsche mehr offen! Dabei geht es gar nicht so sehr um große etablierte Namen, sondern um herausragende Konfrontationen auf der Höhe der Zeit.

So etwas leistet im Domicil das schweizerisch-deutsche Duo „Animata“. Stimme plus Schlagzeug ist hier die etwas aus dem „normalen“ Rahmen ausscherende Konstellation. Extroviert und gestenreich setzt Sara Buechi ihre Stimme gerne perkussiv und abstrakt ein, kombiniert solche Artistik aber auch mit Songstrukturen und immer Textphrasen aus ihrem eigenen experimentellen Lyrik-Kosmos. Und das alles behauptet sich mit fast schon punkiger Attitude gegen die Schlagzeugimpulse des Dortmunders Christoph Haberer. Trommelkunst und Gesang sind ja auch in der indischen Musik eng miteinander verwandt - und Sara Buechi hat viele ihrer Inspirationen vom indischen Karnataka College of Percussion bezogen, mit dem sie über längere Zeiträume hinweg zusammen gearbeitet hat.

Und dann definiert Hans Lüdemanns Trio „Rooms“, wie hellhöriger europäischer Jazz von heute sein muss, um den State of the Art als offene künstlerische Haltung zu definieren. Lüdemann am Piano sowie der charmant-impulsive Schlagzeuger Derjan Teciz (Kroatien) und Sebastian Boisseau (Frankreich) als empfindsamer Tonmaler am Bass bilden hier ein zupackend explosives und zugleich tiefenentspannt-sensibles Ganzes. Da verzahnt sich die Rhythmusgruppe symbiontisch mit Freejazz-Linien von Lüdemann, der bei Joachim Kühn studierte. Da gleitet die Band hinüber in lyrischen Mollphrasen voller leuchtender Sinnlichkeit, erwachsen aus so etwas dann wieder sehr organische Parts, in denen sich swingende Interaktion bis hin zum hitzigen Siedepunkt verdichtet. Mal singt Lüdemanns Piano zusammen mit dem Bassisten eine Ballade von Hanns Eissler und Bertold Brecht - bevor aus so etwas wieder ein treibender, afrikanischer Neunachtelgroove hervorbricht. Pianist greift Lüdemann auch gerne in die manipulative Trickkiste. Allerdings nicht so sehr durch Bearbeitungen der Saiten mit allem möglichen – viel mehr ist die mikrotonale Verfremdung, die schwebende Überlagerung mit „unreinen“ Tonabständen seine Sache. Hierfür setzt er ein spezielles Keyboard ein, womit er sich von einer festgelegten Stimmung unabhängig machen kann. Das macht eben den speziellen „Lüdemann-Sound“ aus, der sich gerne auch mal schräg gebärdet. Mit wachem Blick aus Quellen schöpfen, diese weiterdenken und mit eigener subjektiver Farbe ausmalen und all dies auf der Bühne im Hier und Jetzt zu bündeln – damit setzt Lüdemanns Trio an diesem Abend Akzente.