Festivals in NRW

"Sechzehntelsequenzen" |

17.Jazz-Festival der TU Dortmund

Text: Ingo Marmulla | Fotos: Kurt Rade

Dortmund, 19.01.2013 | Ich treffe mich mit dem Fotografen Kurt Rade im Fritz-Henßler-Haus. Diesen Abend wollen wir gemeinsam dokumentieren und besprechen. Immer wieder treffen wir Bekannte und kommen so schon vor dem Konzert in gute Laune. Ack van Rooyen hätte ich persönlich gern mal wieder getroffen - daraus wird leider nichts, das Konzert muss wegen der Erkrankung Jiggs Whighams ausfallen. Für Ersatz ist gesorgt: Michael Sagmeister kommt.

Um 19 Uhr ist Einlass. Das zahlreiche Publikum, von „Les Jeunes Bohèmes“ mit „Sweet Georgia Brown“ begrüßt, verteilt sich auf die drei Räume, in denen teilweise zeitgleich die Gruppen auftreten. Wir gehen zunächst ins „Café“. Hier spielt das Lu-Künzer-Quartett. Die Band spielt modernen Swing, teilweise eigene Kompositionen aber auch ausgewählte Standards in originellem Gewand. Auch wenn der Pianist Jerry Lu und der Saxophonist Sven Ziebarth im Fordergrund stehen, machen alle eine gute Figur und überzeugen mit ihrer ehrlichen Musik. Einziger Mangel: der Sound. Warum lässt man den Pianisten nicht auf einem ordentlichen Klavier oder Flügel spielen? Das hätte Lu verdient.

„The Dangerous Kitchen- Zappa-Tribute-Band“ dürfte vor allem Zappafans erfreut haben. Und wer sich mit dieser Musik beschäftigt hat, weiß um die Komplexität der Klänge. Zappa, immer ein unberechenbares Glied zwischen nonkonformer Rockmusik und konzertanter Avantgarde, hat Zeit seines Lebens eine konsequente Fangemeinde um sich geschart, die seine Musik gefeiert und bejubelt hat. Ich war und bin selbst von der Musik begeistert und konnte den Meister in der 70er in der Grugahalle bewundern. Wenn man an diesem Abend die Ruhrgebiets-Mothers gesehen hat, war man doch angetan. Zappas Sohn wandelt auf den Spuren seines Vaters, aber die Musiker auf dieser Bühne des Gartensaales waren wirklich gut. Der einzige, der tatsächlich fehlte, war Zappa selbst.

Im Studio ist mittlerweile die Bigband der Glen Buschmann Jazzakademie unter der Leitung von Uwe Plath am Start. Auf Grund der Erkrankung von Whigham fallen heute die Gastsolisten aus. Das Programm musste kurzfristig umgestrickt werden. Aber Plath hat für gleichwertigen Ersatz gesorgt. Schön zu sehen, wie Plath die jungen Musiker mitreißt und spielen lässt. Die ausgefeilten Arrangements, meist in schwungvollen Tempi vorgetragen, bieten Raum für die beiden Solisten Raphael Klemm (Posaune) und Ryan Carniaux (Trompete). Hier erweist sich auch Plaths Ansage als richtig: „Diese Bigband ist ein Sprungbrett zu einer musikalische Karriere.“ Diesen beiden Blechbläsern, immer wieder neu präsentiert, kann man eine solche Zukunft ruhigen Gewissen voraussagen. Ein weiterer Solist ist die Sängerin Dian Pratiwi. Den Zuhörern zugetan singt sie „I wish you Love“ und zum Schluss „Take the A-Train“. Dabei lässt sie das Publikum mitmachen, die Lokomotive ist in voller Fahrt und muss doch für den Umbau gebremst werden. Schade, einmal dabei, hätte man diesem tollen Ensemble von verheißungsvollen Talenten unter Plaths Regie ruhig noch weiter zuhören können. Wir begeben uns zurück ins Café für eine kleine Musikpause...

...Mittlerweile hat Michael Sagmeister die Bühne betreten. Live habe ich ihn noch nie erlebt. Hier bietet sich nun die Gelegenheit. Begleitet wird er von seinem alten Weggefährten Michael Küttner am Schlagzeug und von Domonique di Piazza am E-Bass. „Little Sunflower“ von Freddie Hubbard ist das erste Stück. Sagmeister muss sich nicht lange warm spielen und legt gleich voll los. Nach der Eröffnung geht es im Uptempo weiter mit „Donna Lee“ und „Tenor Madness“. Unisono -Themen, durchgehende – aber immer abwechslungsreiche – Sechzehntelketten bilden das Grundgerüst von Sagmeisters Improvisationen. Das Tempo steht vital, ständig angeheizt durch den Drummer, der oft brillieren kann. Und da ist natürlich noch der französischen Starbassisten di Piazza, der schon mit McLaughlin spielte. Die rasante Spielfreude von Gitarre und Schlagzeug wird ergänzt durch Basssoli, die in ihrer Geschwindigkeit teilweise die Gitarrenläufe noch übertreffen. Erstaunlich, da bleibt den Gitarrenfreunden die Spucke weg.

Aber was ist, wenn man kein Gitarrenfreak ist?

Sagmeister bringt Antonella Dorio und erweitert die Band zum Quartett. „You don’t know what Love is“ ist ihr Einstand. Allerdings kann man schnell feststellen, dass der Jazz nicht die native Ausdrucksform dieser versierten Sängerin darstellt. So geht die Reise nun ins Folkloristische, in karibische Tanzrhythmen (Mambo) oder in die Gefilde der Popmusik:„The look of Love“. Das tut der Performance keinen Abbruch, zumal Sagmeister seinem Stil treu bleibt mit zuverlässiger, routinierter Perfektion dem Konzert seinen Stempel aufdrückt. Wo die reine Gitarrenartistik leicht hätte zu viel werden können, bindet Antonella Dorio mit ihrem besonderen Charme das Publikum in die Darbietung ein.

Ein kleiner Nachteil des Festivals: Man kann nicht alles gleichzeitig hören, man muss sich entscheiden bzw. zwischendrin wechseln. Für letzteres fällt unsere Entscheidung. „Soulfood Organ Quartett“. Die Gewinner des „Folkwangpreises 2012“ erinnern mich ein wenig an die Musik des amerikanischen Organisten Larry Young. Kein typischer Hammondstil, eher introvertiert, untermalend und dezent eingesetzt. Die Solisten Fritz Dinter (Git) und Niklas Walter (Tenor) kommen so gut zur Geltung in den interessanten Eigenkompositionen.

Im Studio tritt derweil „Mesalla“ auf. Dortmund war schon immer gut für lokale Kultbands mit überregionaler Wirkung. Angefangen mit Cochise, über Mardi Gras Band bis zu den Conditors – und mittendrin: Mesalla. Für den 2011 verstorbenen Uli Steinert fand sich der Urgitarrist Pit Stäbner ein. Die Band nahm das ausgewählte Publikum (häufig schon ältere Semester) mit und brachte es mit ihrer Musik, die eher wenig mit Jazz zu tun hat, in eine entspannte Stimmung. Nach den vielen anstrengenden Jazzpassagen der Jazzer konnte man hier sein Gemüt baumeln lassen.

Zeitgleich im Gartensaal „Freistil“, die ich zum Abschluss noch mit funkigen Melodien und Rhythmen erleben konnte. So sollte ein Festivalabschluss auch sein, etwas weniger für den Kopf, dafür etwas mehr für Herz und Hand (Fuß).

... Ein gelungenes Fest.