Festivals in NRW

salonfestival in Bochum |

Julian & Roman Wasserfuhr Quartett

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 20.06.2014 | Selten hat man das Glück, ein gutes Konzert in einem interessanten Ambiente zu erleben, das räumlich und atmosphärisch einen erheblichen Anteil an der gesamten Erlebnisqualität hat. Am letzten Sonntag gab es genau diese Koinzidenz im Bochumer Maschinenhaus mit dem Julian & Roman Wasserfuhr Quartett. Möglich wurde dieses Konzert im geradezu privat-intimen Rahmen durch die nicht nur für den Jazz hochinteressante Reihedas salonfestival. Es handelt sich hierbei um ein deutschlandweit agierendes privates Netzwerk, das die Tradition des Salons wieder aufleben lässt und in diesem Sinne Musik und Literatur in privaten Räumen und Denkmälern in einen besonderen Erlebniskontext setzt.

Mit den Wasserfuhr-Brüdern aus dem Bergischen Hückeswagen (Julian an der Trompete und dem Flügelhorn, Roman am Flügel) und ihren Rhythmusbegleitern (Benjamin Garcia Alonso am Kontrabass und Oliver Rehmann an den Drums) haben die Veranstalter, Katja Leistenschneider für die Festivalleitung Bochum, Nina von Harpke von der Programmleitung Musik, eine gute Wahl getroffen: Die Jazz-Brüder gehören mit ihren mittlerweile vier erfolgreichen Alben zu den renommiertesten Jazzmusikern und Hoffnungsträgern in Deutschland – und das mit Mitte Zwanzig!. Das Quartett bringt mit seinen eigenen Kompositionen und den Coverversionen einen ausgesprochen passenden Live-Auftritt in das loftartige Wohnzimmer der Familie Anders - na ja, es handelt sich eher um einen kleinen Saal. Musik und Auftreten der Musiker korrespondieren wundervoll zu diesem räumlichen Umfeld, ihr entspanntes und unprätentiöses Spiel mit viel Understatement, die sympathische Anmoderation, v.a. ihre Musik passen zu dem Rahmen einer kleinen Form. Ist die 2013 erschienene CD Running, aus denen sie Stücke spielen wieBachelor/Over The Ear Look,Behind Blue Eyes,Adonis,Hilmarund7 Gegner, noch zum Teil mit Streichern und Vater Gerald Wasserfuhr an der Klarinette und dem Sänger David Rynkowski „angereichert“, wirkt das Live-Konzert des Quartetts in Bochum konzentrierter und damit auf den musikalischen Kern der einzelnen Stücke reduziert. Das bekommt der Musik und ihrer Performance durch die Vier sehr gut. Die Reife der CD wurde vielfach gelobt, zu Recht. Dies gilt jedoch noch mehr für den aufs Wesentliche kondensierten Live-Auftritt: Dieser ist (bergisch-)bodenständig beim jeweiligen Einführen des Themas und in der rhythmisch-harmonischen Begleitung, aber auch unprätentiös in den virtuosen Höhenflügen, wobei nicht nur Julian Wasserfuhrs Trompete und Flügelhorn gemeint sind, dies bezieht sich auch auf Roman Wasserfuhr am Flügel.

Das Konzert beginnt mit7 Gegner. Dieser Titel nimmt Bezug auf die sieben Vorzeichen des Stücks und verweist damit auch auf die musikalische Herausforderung. Es beginnt mit einem Pattern am Bass und Klavier, worauf der ruhig-lyrische Ton der Trompete einsetzt, allmählich wechselt man zu einer dynamischeren Ebene. Der melodisch orientierte und melancholisch stimmende Opener korrespondiert wunderbar mit dem entspannten Sommerabend und führt programmatisch in denselben ein. Das folgendeDušanwird launig als Hommage an den Kneipier der Bergischen Heimat deklariert, die Bert Kaempfert-BalladeL.O.V.Ekommt in einer sehr ruhigen Version. Hier zeigt sich die besondere Qualität des Quartetts, musikalische Spannung aufzubauen und zu halten.
Behind Blue Eyesvermag mehrere Generationen anzusprechen: diejenigen, denen das Original von The Who noch im Ohr ist, oder ein jüngeres Publikum, dem die Coverversion von Limp Bizkit eher geläufig sein dürfte. Einen solchen Chartererfolg im Jazzidiom zu covern, setzt sich leicht dem Kommerzverdacht aus, die ruhige balladeske Version des Quartetts entfernt sich auch nicht allzu sehr von der eingängigen und sattsam bekannten Melodielinie. Allerdings gelingt Julian Wasserfuhr dabei ein dermaßen herrlich melancholischer Ton, der eine etwaige Nähe zum Abgegriffenen schnell vergessen lässt. Auch bei der anderen Coverversion des Abends, StingsEnglishman in New York, wird die fast liebliche Melodie durch die virtuosen Einlagen der beiden Jazz-Brüder angenehm durchbrochen. In den anderen Eigenkompositionen wieSNCFoderHilmar(der Titel – so Julian Wasserfuhr – bezieht sich auf einen allerdings nicht an der Musik leidenden Musikerschüler des Vaters) oderAdonis(Widmung an den Bassisten Benjamin Garcia Alonso) oderBachelor/Over The Ear Look, einem rhythmisch anziehenden Stück mit eigenständigen Parts für Bass und Schlagzeug, zeigt sich die Qualität des Ausnahmequartetts: Trotz ihres jungen Alters handelt es sich um eine erstaunlich reife Gruppe, die Musiker „harmonieren“ und wirken wunderbar aufeinander eingespielt. Sie sind nie dem bloßen Effekt verpflichtet, sondern eher einem sentimental mood. Diese Tonlage wird von allen Vieren sehr gut getroffen. Herausragend ist sicherlich Julian Wasserfuhr. Sein entspannter, lyrischer, aber auch kraftvoller Stil lässt viel Don Cherry, natürlich Chet Baker, aber auch Miles Davis und Till Brönner erkennen. Längst tritt er jedoch aus dem Epigonalen seiner Vorbilder heraus mit einem eigenen, selbst bei hohem Tempo bestechenden und präzisen Ansatz wie zum Beispiel in der ZugabeToccatavon Lalo Schifrin. Die Musik passt wunderbar zu dem Salon-Ambiente und –Anspruch des Abends, sie ist wegen ihres musikalischen und interpretatorischen Qualitätslevels auch für ein nicht einschlägig jazzorientiertes Publikum ein Genuss. In dieser kleinen Form gelingt es somit leicht, mühelos vom Salon zum (Jazz-)Club überzuwechseln.

www.salonfestival.de