Festivals in NRW

Hör-Abenteuer wagen |

moers festival 2014

Text: Stefan Pieper | Fotos: Brinkmöller-Becker, Marmulla

Moers, 11.06.2014 | Es passte zu den Edward-Snowdon-Sympathieaufklebern, die am Infostand verteilt wurden, als Marc Ribot allein mit der Akustik-Gitarre seine eigene Sicht auf den American Dream formulierte. Auch der Nikolaus ist demnach eine Propagandalüge. Und noch viel mehr Ideen blitzen im Kosmos dieses querdenkerischen Geistes auf, der in der neuen Festivalhalle des Moers-Festivals allein mit seinem durchdringenden Sprechgesang und harschen Riffs aufbegehrte.

Moers ist ein Ereignis der Vielschichtigkeit – das war so und soll auch künftig so bleiben. Die Festivalmacher arbeiten auf jeden Fall mit bestmöglicher Kreativität daran, diesen Geist auch nach dem Wegfall der legendären Örtlichkeit im Freizeitpark weiterleben zu lassen.

Sogar ein idyllisch gelegenes Naturfreibad gibt es dafür gratis für die Festivalgänger – das leistete zu Pfingsten sein übriges und bot Kühlung, wenn man nach langem Musikgenuss in der Halle sich allzu gar gekocht fühlte.

Ein solches Urlaubsflair gab auch beim Debut am neuen Ort den konzentrierten musikalischen Erlebnissen ihre Moers-typische Leichtigkeit. Also erschlugen auch jene "Bass-Massen" nicht, als Sebastian Grams fast 50 Kontrabassisten aufbot und dabei vor allem auf klanglich subtile Raumwirkungen setzte.

So viele große Klangkörper standen einmal mehr für die Pluralität künstlerischer Ansätze. Schon fast erwartungsgemäß überwältigte die Band "Gravity" des Moers-Urgesteins Fred Frith. Eingetaucht werden durfte in einen schillernden Ozean aus musikalischer Abenteuerlust, voller verspielter Rock- und Folk-Anklänge, voller aufbegehrender Überraschungsmomente und immer wieder mit der berührenden Melodienschreibkunst des Gitarrenmagiers im Zentrum.

Nochmal zurück zum Geist von Moers: Der drängt sich in der neuen Halle nicht auf, man muss ihn suchen. Die Halle ist perfektioniert für konzentriertes Hören - das kommt der Musik zugute. Tatsächlich ist das Publikum aufmerksamer und disziplinierter. Das beschert vor allem den leisen Darbietungen eine neue Konzentration. (Und vielleicht lässt sich künftig noch das störende Geräusch irgendeines Gebläses reduzieren.)

Als das Sun Ra Arkestra seine Hymne "Space ist the Place" anstimmte und das Publikum die Melodie noch lange mitsang, als das Konzert schon vorbei war, hatte sich der Kreis gewissermaßen geschlossen: Zwischen dem puristischeren Ambiente des "neuen" Moers-Festivals, welches zum gepflegten Indoor Ereignis geworden ist – und all der Emotionalität und Wärme, die sich in vielen Jahrzehnten an diesem Ort angereichert hat. Auf jeden Fall waren die Klangfarben, die Soli und die Show-Einlagen so schillernd farbenprächtig wie die Gewänder der Ausführenden. Auch wenn der interstellare Aufbruch von Sun Ras Mitstreitern im Jahre 2014 bereits etwas Nostalgisches hatte. Oder vielleicht gerade deshalb?

In Perfektion musizieren, improvisieren und interagieren können so viele, wenn man wie in Moers unter Reiner Michalkes bestens eingespielter künstlerischer Leitung die internationale Spitzenliga in solchen Künsten unter einem Dach vereint. Die Kür liegt darin, aus all dem ganz viel Ausstrahlung zu schöpfen – und das leisteten viele, allen voran einige bemerkenswerte Duos: Haan Benninks illustre Possenreißerei am Schlagzeug traf auf die überaus lässige Pianistik des viel jüngeren Partners Oscar Jaan Hoogland. Beide inszenierten so viel scheinbar unmögliches, um dem Jazz seine Rolle als subversive Kraft zurück zu geben.

Noch zugespitzter, ebenso humorvoll und auch mit einer Prise Ironie veranstaltete die Truppe "Mostly other people do the killing" ganz viel verqueres und dies mit eigentlich ganz alten Musiken. Aber wenn diese Kultband in Sachen zeitgenössischer Jazz-Avantgarde durch unglaubliche Instrumentenbeherrschung Swing und Dixieland zitiert und verwirbelt, musste einfach die Luft brennen - auch wenn es ohnehin schon zu heiß war. Wie mögen es diese geschichtsbewussten Musikverrückten unter ihren Jackets und Krawatten ausgehalten haben?

Dass Paare, die zusammen leben sich nicht immer nur fetzen und reiben müssen, zeigte das Duo aus Joey Baron und Robyn Schulkowski. Hat man je solche symbiotisch verzahnten und sensibel miteinander eins werdenden Rhythmustexturen wie von diesen beiden Schlagzeugern erlebt?

Alarmstimmung kam später auf, als es in der Halle dunkel wurde. Jetzt sollte die radikal reduktionistische Welt des Duos Jaki Liebezeit und Markus Schmickler wieder an die Ursprünge von Technomusik versetzen bzw. man erlebte hautnah das konsequente Weiterdenken in repetitiven Mustern und hypnotischen Sounds. Liebezeit, dessen uhrwerkspräzise Schlagzeugfiguren so ziemlich jeden Drumcomputer alt aussehen lassen gab den Puls für die in einer Endlosspirale aufsteigenden Soundsamples – was mitunter fast schon gespenstisch an Sirenengeheul erinnerte.

Eines der atemberaubendsten Ereignisse kam spätnachts. Colin Stetsons Klangkaskaden auf dem Baritonsaxofon rieben sich atemberaubend mit den druckvollen Violinsounds von Sarah Neufeld. Dass es nun auch Nachtsessions an der Hauptlokalität gibt, ist eine der neuen, absolut Sinn machenden Errungenschaften der Festivalhalle - denn viele Musikbegeisterte haben nach Ende der Hauptkonzerte noch lange nicht genug!

Die Nachfrage nach unerhörten Klängen ist auf jeden Fall ungebrochen groß. Die Bilanz der Veranstalter bestätig, diesen Weg weiter zu gehen und die richtigen Weichen gestellt zu haben.

Am Pfingstsonntag war die neue, 2000 Menschen fassende Halle ausverkauft. In der Gesamtzählung sind circa 12000 Besucher aus dem In und Ausland vor Ort gewesen.