Festivals in NRW

Jazz – keine Generationenfrage |

WDR3 Jazzfest 2014

Text: Stefan Pieper, Rainer Schmidt | Fotos: Rainer Schmidt, Bernd Zimmermann

Gütersloh, 04.02.2014 | "Learn the Standards first!" Unter diesem Motto könnte der erste Abend des WDR3 Jazzfestes gestanden haben. Im Gütersloher Theater zeigten internationale Jazzgrößen, was man mit dem Material aus Musical, afroamerikanischem Jazz und den angeschlossenen U-Musik-Instanzen so anstellen kann. Da war glamouröser Vokaljazz mit den Sängerinnen Melba Joyce und Carmen Bradford ebenso vertreten wie süffige Montagen von Gassenhauern aus aller Welt durch den italienischen Piano-Zappelphilipp Stefano Bollani.

Den Anfang machte Virginia Mayhew aus New York, mit ihrem Quintett und einer Hommage an die stilprägende Pianistin Mary Lou Williams. Deren Weg von urtümlichem Blues über Bebop hin zu spirituellen Klangreisen vollzog die Band mit schlichten bluesbetonten Stücken nach, die ihren Drive aus quirligen, harmonisch interessanten Turnarounds bezogen. Das von klarem, schlankem Ton geprägte, flüssige Linienspiel der Leaderin am Tenorsax und Noah Bless an der Posaune wurde kongenial ergänzt durch Ed Cherrys flexible, am Blues geschulte Gitarren-Begleitarbeit und solistische Künste, die an den Altmeister Kenny Burrell erinnerten. Eine unterhaltsame Tour de Force am Bass bot Harvie S (Swartz) in einem Tribute an den amerikanischen Flugpionier Orville Wright. (Mary Lou hatte es einst dem Saxophonisten Orlando Wright zugedacht – Mrs. Mayhew war auch hinreichend aufgeregt, den Namen des Programmleiters nicht mehr parat zu haben – eine heitere Seitennote).

Nicht nur für mediale Aufbereitung gesorgt hat ein Stab von 50 Mitarbeitern der Rundfunkanstalt, die dem Publikum vor dem Theater einen hell beleuchteten roten Teppich ausgelegt hatten. Auch das sonst nüchterne Foyer bot bunt illuminiert Messeflair. Atmosphäre war auffallend oft Thema in Zuhörergespächen. Etwas kühl, professionell und gezwungen war sie ja im Saal. Vielleicht war die Musik nicht fordernd genug, um drüber hinwegzusehen? Keine Probleme das Publikum um den Finger zu wickeln hatten Melba Joyce und Carmen Bradford als überschäumend gut gelauntes Mutter-Tochter-Duett mit einem Trio, aus dem Pianist Kirk Lightsey herausstach. Der 76jährige begleitete und solierte transparent und mit makellosem Timing, sorgte mit gewitzten Verschiebungen um den Beat für unvergleichliche Spannungsmomente.

Bradford hatte bereits 1997 für den WDR gesungen, mit der Bigband und dem von Ray Brown angeführten Superbass-Trio. Sie hat seither Druck rausgenommen, sang hoch emotional und zugleich mit entspannter Musikalität Nummern aus dem "Great American Songbook", komplett mit selten gehörten "Verses". Eine getragene Fassung des Swing-Standards "Am I Blue" als erstes Gesangsduett war spektakulär. Im folgenden zeigte sich Melba Joyce solo stimmlich weit souveräner, als jüngere Archivaufnahmen vermuten ließen. Die seltene Zwei-Generationen-Konstellation pries Tochter Carmen, als sie eines kleinen Mädchens im Publikum ansichtig wurde, auf rührende Weise als Lebenselixier für den Jazz.

Wenn Steffen Schorn und sein „Norwegian Wind Ensemble“ musikalische Berge versetzt, kann man alle Vorstellungen von „Bigbands“ locker über den Haufen werfen. Da gleißen Klangfarben, die direkt von Bartok oder Strawinsky kommen, treiben hypnotische Themen wie eine bezwingende Logik durch die neun Sätze seiner Suitenkomposition „Tiefenträume“. Und es schienen im Gütersloher Theater die Klänge der tiefsten Holzblasinstrumente der Welt, etwas eines Subkontrabass-Saxofones oder eines B-Tubaxes manchmal direkt aus der Unterwelt zu kommen.

Steffen Schorn und das renommierte Traditionsensemble aus dem hohen Norden haben dem WDR 3 Jazzfest ein herausragendes Ereignis mehr beschert – und um solche geht es dem Programmchef Bernd Hoffmann ja auch ganz besonders. Für so etwas hatte die zweite Festivalausgabe mit dem neuen supermodernen Gütersloher Theater auch eine perfekte Infrastruktur. Zudem sorgt eine solide Kooperation mit der seit nunmehr vier Jahren von Heinrich Lakemper-Lührs kuratierten Gütersloher Jazzinitiative dafür, dass es organisatorisch und musikalisch rund läuft.

Und wieder war die Preisvergabe des WDR Jazzpreises direkt in das mehrtägige Programm integriert. Die Saxofonistin Christina Fuchs, der Pianist Florian Weber sowie die Nachwuchsband „JazZination“ der Iserlohner Gesamtschule wurden als herausragende aufstrebende Jazzer in einer großen Gala geadelt. Vorbildlich ist vor allem letzteres, wo der Jazz mittlerweile doch nicht selten als ein Kultursegment mit Nachwuchsproblemen gehandelt wird und da natürlich auch die Arbeit der Schulen gefragt ist.

Viele Künstler, die im Großen Haus und auf der raffiniert verglasten Studiobühne hoch oben musizierten und improvisierten, sind früher auch schon Preisträger beim WDR gewesen. Etwa Claudio Puntin, der charmant eine Liebeserklärung an eine behutsam restaurierte Altklarinette auf diesen Umstand zurückführte. Es war das Preisgeld von früher, dass ihm überhaupt erst die aufwändige Überholung seiner von ihm so getauften „Vermentina“ möglich machte- erzählt er augenzwinkernd. Denn er stellt mit Humor Nähe her, um damit die Ohren der Zuhörer für un-erhörtes zu öffnen. Diese sind ganz Ohr bei den skurillen Improvisationsabenteuern des Schweizers, wenn dieser modale Läufe psychedelisch verfremdet und manipuliert. Der Ton an sich ist für ihn ein lebendiges Faszinosum, das weiterentwickelt werden will. Die aktuelle Triobesetzung „ambiq“ geht hier noch einen Schritt weiter. Zusätzlich zum Schlagzeuger Samuel Rohrer bedient Max Loderbauer einen buchla-Modularsynthesizer, der im Gegensatz zu seinem Pendant aus Robert Moogs Schmiede auch den Umgang mit Mikrointervallen erlaubt. Zu dritt gehen sie auf die Suche nach dem reinen Klang, loten tiefen „Drones“ aus, entwickeln gehetzte Texturen, die manchmal wie Drum and Bass anmuten.

Schlagzeuger Jonas Burgwinkel, lässt sich ebenfalls auf die Herausforderung ein, ohne Band einfach nur sich selbst und seinem Publikum genug zu sein. Er demonstriert fabelhafte Trommelkunst in ganzen vielen Varianten. Vincent Peirani und Michel Portal gehören zur derzweit sehr angesagten Band Thrillbox. Nicht ganz so leicht hatte es diese, sich nach der elementaren Urgewalt von Steffen Schorns Großbesetzung Gehör zu verschaffen. Wer vollends in die extreme Intensität der Norweger eingetaucht war, sich von diesem Ozean aus Rhythmen, Klängen, Tönen und Ideen hatte forttragen lassen, der brauchte erst mal viel Zeit, um wieder herunter zu kommen. Da prallte das sensible, poesiegesättigte Musikantentum von Peirani und co. leider erstmal etwas ab – schade.

Ganz ruhig, fast sakral und ganz besonders nordisch wurde es am letzten Abend. Rebekka Bakken waltet wie eine Ikone zwischen Eivind Aarset und dem Elektroniker Jan Bang. Wie kann man immer leiser werden und dabei zugleich wachsende Erhabenheit, ja fast schon eine sakrale Aura entfalten? Rebekka Bakken singt ihre sphärischen Songs meist in ihrer Sprache, die für uns so rätselhaft mystisch klingt. Manchmal schwingt in ihrer Stimme ein Art Folk, wenn sie uralte nordische Songs interpretiert, dann wieder gewinnt ihr Organ an kehliger Tiefe und entfaltet eine dunkle Magie. Immer im sphärischen Gleichklang mit Jan Bangs dunklen Klanglandschaften und Eivind Aarset, der verfeinerte Schwingungen und kargte Figuren aus den Saiten holt - als einer der leisesten E-Gitarristen, den dieses Theater wohl bislang gehört hat.