Hommage an deutsche Schlager und Filmmusik |

Tatort Jazz mit Hartmut Kracht

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 03.06.2014 | Der Tatort Jazz - von der umtriebigen Milli Häuser organisiert und betreut - war wieder einmal im Kunstmuseum Bochum zu Gast. Der Tatort hat mittlerweile im Museum einen festen „Gast-Standort“ gefunden, erfreulich ist dabei die Kombination von Musikabend und Führung durch Sepp Hiekisch-Picard durch die aktuelle Ausstellung zu Hans-Jürgen Schlieker. Beeindruckend ist, wie es Milli Häuser gelingt, aus dem Museumsraum mit Dekoration und Beleuchtung Atmosphäre zu schaffen und das Publikum so auf einen im positiven Sinne unterhaltsamen Abend einzustimmen.

Zu den Mitgliedern der Tatort Jazz-Hausband, Roman Babik (p), Alex Morsey (b), Uwe Kellerhoff (dr), konnte als Gastsolist Hartmut Kracht gewonnen werden. Dieser ist von einem vielseitigen Jazz-Bassisten zu einem virtuosen E-Gitarristen mutiert, in Bochum stellt er in der genannten Konstellation das Material seiner CDHommagevor: Schlager und Filmmusiken der zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, der Hochzeit des beginnenden Tonfilms, vor allem des Berliner Nachtlebens mit ihren Revues, dem Kabarett und Tingel Tangel bis hin zu den Durchhalteschlagern der Nazi-Zeit. Der CD-Titel und auch der des Abends in Bochum ist Programm, handelt es sich doch bei den vorgestellten Titeln um „Klassiker“ von Friedrich Hollaender (Reizend, Ich bin die fesche Lola) und von Theo Mackeben (Nur nicht aus Liebe weinen, Belami) und von Lothar Brühne und dem wohl produktivsten deutschen Schlagertexter Bruno Balz (Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n, Kann denn Liebe Sünde sein). Die präsentierten Schlager werden jedoch nicht mitsingfähig nachgespielt, sondern zum Teil stark verfremdet:Kann denn Liebe Sünde sein kommt als Reggae daher,Bei dir war es immer so schönin rockiger Version, Ich bin die fesche Lola ist bis zur Unkenntlichkeit verformt – Hartmut Kracht macht daraus ein Publikumsquiz. Belami– der Opener der CD – fungiert beim Live-Konzert als Schlussstück und stellt sich als Uptempo-Nummer dar. Nostalgisch-seliges Schwelgen in der Musik der „Goldenen Zwanziger (und Dreißiger)“ kommt nicht auf, das teilweise singende Gitarrenspiel von Hartmut Kracht, seine teilweise rock-orientierten Phrasierungen und effekt-vollen Einsätze und flinken Läufe nehmen das Material der Schlager-, Film- und Durchhaltemusik auf, transformieren es jeweils in eine rhythmisch und harmonisch verfremdete Version und dekonstruieren so die möglicherweise aufkommende Schlagerseligkeit. Die ironische Brechung wird in der launigen Moderation von Kracht ebenso deutlich wie in hüstelnder Distanzierung bei den Songs etwa bei Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Ein wenig zu kritiklos geht Kracht in seiner Hommage dabei mit seinen musikalischen Referenzen um, hier hätte man sich vor allem für das durchaus auch junge Publikum ein wenig mehr Information etwa zu Hollaender gewünscht, der 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verließ, während Mackeben in der Nazi-Zeit an Unterhaltungs- und offenen Propagandafilmen mitarbeitete. Allerdings gibt Hartmut Kracht einen Hinweis auf die Autorenschaft von Bruno Balz an dem Heintje-HitMamaund auf die Verfolgung des Schlagertexters während des Nationalsozialismus als Homosexueller.

Während Hartmut Kracht auf seiner CD die Schlager, Gassenhauer und Filmmusiken im Trio mit Stefan Werni am Kontrabass und Patrick Hengst am Schlagzeug einspielt, erfährt die Combo im Bochumer Kunstmuseum eine erweiterte Instrumentierung durch das Piano. Der Thürmer-Konzertflügel mit Roman Babik übernimmt – souverän und mit erfrischend individuellen Farben - den Part des Harmonieinstrumentes, er lässt Hartmut Kracht anders als auf der CD somit einen etwas freieren Umgang mit seinem Instrument, was dieser in ein wundervoll lyrisch singendes, swingendes, aber auch rockig krachendes (das kalauernde Wortspiel sei erlaubt) Spiel umsetzt. Alex Morsey ist wie immer ein verlässlicher und feinsinniger Begleiter am Bass, ebenso Uwe Kellerhoff an den Drums. Man kann insgesamt das Tatort Jazz-Trio nur für seine immer wieder kongeniale ad hoc-Begleitung von Gastmusikern und seine Arrangements loben, die Musiker können sich immer wieder der jeweiligen Stilistik der Gäste anpassen und dabei phantasievoll mit ihren eigenen Stärken solieren.
Denjenigen, die beim Konzert nicht dabei sein konnten, sei die CD empfohlen. Man wird feststellen: Nicht nur das All American Song Book eignet sich als unerschöpfliche Quelle, als Ausgangsmaterial für eigene Interpretationen im Jazz-Idiom, dies gilt auch für die deutsche Schlager- und Filmmusik, auch wenn sie zum Teil politisch umstritten ist. Dem Hartmut Kracht-Trio ist dies mit seiner Hommage jedenfalls voll und ganz gelungen.

Hartmut Kracht Trio: Hommage JazzSick Records 2010