30 Jahre "Jazz in Essen" |

Question Quartet, Nils Wogram und Richard Galliano

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Essen, 01.04.2014 | Essen feierte den Jazz– Essen hatte dazu einen besonderen Anlass und schenkte sich und dem Publikum zwei wunderbare Konzertabende. Der Anlass: Die Reihe "Jazz in Essen" feierte ihr 30-jähriges Bestehen und gab dazu am letzten Samstag ein Doppelkonzert und am Sonntag im ausverkauften Grillo-Theater ein Konzert mit dem grandiosen Richard Galliano. Vorneweg: nrwjazz beglückwünscht die Essener zu dieser Reihe mit über die Jahre wirklich beachtlichen und herausragenden Konzerten mit dem Who is Who des nationalen und internationalen Jazz. Glückwunsch besonders an Berthold Klostermann als Leiter der Reihe, dem Intendanten des Grillo-Theaters, Christian Tombeil, als "Hausherrn" und Unterstützer der Reihe.

Die Geburtstagsfeierlichkeiten zeigten eine beziehungsreiche und allein deswegen schon attraktive Programmierung: Den Konzertreigen eröffnete das ‚Question Quartet' mit Musik von Peter Herborn. Letzterer hat bekanntlich die Reihe "Jazz in Essen" vor dreißig Jahren begründet und bis 1991 geleitet. Er gehört sicherlich zu den führenden Arrangeuren und Komponisten im europäischen Jazz. Heute ist Peter Herborn Professor an der Folkwang-Hochschule. In dieser Eigenschaft – und damit schließt sich der Kreis – komponierte er für seine Ex-Studenten Sven Decker am Tenorsax, Mike Roelofs am Piano, Caspar van Meel am Kontrabass und Hermann Heidenreich an den Drums sechs Stücke wie "Why Is It?", "Where Are We?" – alle mit fragendem Titel, allerdings ohne die rhythmische Struktur des (Modern) Jazz in Frage zu stellen, dafür aber die "typische" Jazzharmonik: Die Musik arbeitet ausschließlich in mit im Jazz eher "vergessenen" Dur- und Moll-Harmonien. Die vier jungen Musiker setzen dies in eine souveräne Performance um und zeigen dabei auch ihr solistisches Können.
Es folgt eine größere Besetzung, für die die Bühne im Grillo-Theater den idealen Rahmen bietet: Der vielgerühmte und vielseitige Posaunist Nils Wogram war einst an Peter Herborns Orchesterprojekt "Large" beteiligt, heute gehört er zu den interessantesten, für verschiedene Projekte offenen Jazzmusikern, Komponisten und Bandleadern in Europa. Zum Essener Jubiläum spielt er mit seiner Combo 'Root 70 with Strings' die Titel der neuen CD ‚riomar'. Wie die Ankündigung bereits nahelegt: Root 70 mit Hayden Chisholm am Altsax, Jochen Rückert an den Drums und in Essen mit Phil Donkin am Kontrabass wird bei ihrem sechsten gemeinsamen Album um eine Streicherfraktion erweitert: Gerdur Gunnarsdottir an der Geige, (übrigens ebenfalls Folkwang-Professor:) Gareth Lubbe an der Viola und Adrian Brendel am Cello. Die drei kommen unverkennbar aus dem Bereich der Neuen Musik und bringen ihre Erfahrungen und ihre perfekte Technik in eine ausgesprochen interessante Öffnung der Jazzsprache ein – eben nicht wie sonst so häufig als Zuckerguss, um einem jazzfernen Publikum die Akzeptanz für die improvisierte Musik zu erleichtern und in diesem Sinne sich auch einem vermeintlich breiteren Publikumsgeschmack anzupassen. Nein, Nils Wogram wird der Erwartung eines innovativen Ansatzes gerecht, mit Hilfe der Streicher seine wandlungsfähige Posaune mit ihren Glissandi- und mikrotonalen Möglichkeiten um das gleiche instrumentelle Potenzial der Streicher und um entsprechende Klangräume zu erweitern. Dies gelingt hervorragend, wenn etwa das String-Trio den Groove mit dem Bogen oder im Pizzicato unterstützt, wenn Gareth Lubbe im betörenden Obertongesang synchron zur Viola "schwingt" und entsprechende Vibrations an die Gruppe weitergibt, oder wenn ein hohes dissonantes Tonspektrum einen schrillen Effekt erzeugt. Die Streicher sind kein Fremd-, sondern bilden gemeinsam mit dem Quartett einen wundersam homogen klingenden Klangkörper – vor allem durch Nils Wograms Posaune, aber ebenso durch den kristallklaren Sound von Hayden Chisholms Altsax. Überhaupt: Ein solch "cooles", nach Paul Desmond und Westcoast klingendes Altsaxophon wie von Hayden Chisholm hat man lange nicht gehört, sein trotzdem nicht angestaubt-antiquiert klingendes Spiel mit individueller Phrasierung und Bop-, Blues- und Free-Elementen ist ein Faszinosum.

Die Arrangements voller Raffinesse – fast ausschließlich aus der Feder von Nils Wogram -, sowie die Spielfreude des Septetts werden vom Publikum als pure Hörfreude aufgenommen.

Am Sonntagabend dann gab es für die Essener ein Wiedersehen und -hören mit Richard Galliano, konnte dieser 2002 die Hommage an den Tango-Erneurer Astor Piazzolla nach Essen bringen ("Piazzolla Forever"). Für das Jubiläumskonzert hat der Vater des Jazz-Akkordeons und der Begründer der new musette wieder eine Hommage zusammengestellt, dieses Mal an den Filmkomponisten Nino Rota, dessen Soundtrack für Federico Fellinis ‚La Strada', ‚La Dolce Vita' oder ‚Amarcord' oder auch für Francis Ford Coppolas ‚Paten' geradezu als Klassiker der Filmmusik gelten. Mit seinen Mitstreitern Mauro Negri (cl), Sylvain Le Provost (b) und Mattia Barbieri (dr) führt Richard Galliano das Publikum in eine musikalisch-filmische Illusions- und Emotionswelt des klassischen Kinos und nicht zuletzt in eine ebensolche der italienità. Die Auswahl der Stücke ist aus der Galliano-CD ‚Nino Rota' bekannt. Die Präsentation der Filmmusiken bringt Elemente der italienischen Volks- und Tanzmusik, deren zirzensischen Charakter, auf jeden Fall ihren spezifischen melancholischen Schmelz ein. Dies gerät bei Richard Galliano nie zum Abdriften ins Kitschig-Abgedroschene, sondern wird wunderbar aufgenommen und in den Galliano-typischen Modus des new musette übersetzt. Der Akkordeonvirtuose findet in Mauro Negri an der Klarinette einen komplementär und verstärkend wirkenden Mitspieler: Der Ton von Negris Klarinette ist äußerst wandlungsfähig: mal sehr kräftig, mal leise umschmeichelnd, mal hochvirtuos. Er korrespondiert mit Rotas Ansatz und trägt zur sinnenfrohen Melancholie der Musik maßgeblich bei. Beim ‚Love Theme' aus dem ‚Paten' wird Gallianos Akkordeon dezent nur vom Kontrabass unterstützt, hier konzentriert Galliano den Ohrwurm auf seinen Melodiebogen und damit auf seinen emotionalen Kern. Steht Filmmusik immer im funktionalen Zusammenhang zu den Filmbildern, ist sie ohne die Filmspur auf ihre musikalischen Qualitäten angewiesen. Bei Nino Rota und erst recht in der Interpretation von Galliano und seinen Mitmusikern trägt die Musik zu den Fellini-Filmen gleichsam auch ohne Film und führt ein Eigenleben mit hoher Assoziationskraft und einer emotionalen Wucht, sie wirkt in diesem Sinne ausgesprochen cineastisch, sie ist eben großes Hörkino.

Zwei herausragende Konzertabende im Grillo-Theater. Nochmals: Herzlichen Glückwunsch den Essenern, wir freuen uns auf die nächsten dreißig Jahre "Jazz in Essen".

Die Festbroschüre mit einem persönlichen Blick von Michael Rüsenberg, einem Gespräch der beiden Leiter der Reihe, Peter Herborn und Berthold Klostermann, vielen Fotos und der beeindruckenden Liste der Konzerte von 1984 – 2014 ist für 5,- € erhältlich.