Festivals in NRW

Vom Wettergott verschmäht – von den Musen geküsst |

2. Herner Jazzfestival 2014

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Herne, 22.08.2014 | Überträgt man die Erfahrung aus dem literarischen Bereich, nach der sich ein schriftstellerischer Durchbruch erst in einem Erfolg auch des zweiten Werks zeigt, auf den Bereich von Jazzfestivals, dann kann man das 2. Herner Jazzfestival als Zeichen für ein gelungenes Unterfangen heranziehen. Um es vorwegzunehmen: Durchweg hochkarätige Künstler gaben dem Publikum in einem abwechslungsreichen Programm in dem stimmungsvollen Innenhof von Schloss Strünkede ein Open Air-Konzert erster Güte.

Den Opener macht das Szelag-Altemeier-Trio, ein Familientrio mit dem 14-jährigen Alt-Saxophonisten und Jugend jazzt-Preisträger Johannes Altemeier mit seiner Mutter, der Jazz-Sängerin Bettina Szelag, und dem Vater Heinrich Altemeier an der Gitarre. Lob gebührt den Veranstaltern, dem Herner Kulturbüro und der Marketing-Agentur Wunderbar aus Bochum, jungen Jazzern aus der Region eine Bühne zu geben und in diesem Sinne Nachwuchsförderung zu betreiben. Sicherlich lässt sich damit auch durchaus eine jüngere Zielgruppe für den Jazz gewinnen.

Im zweiten Set mit dem Sven Bergmann Quartett war hocheleganter Modern Jazz zu vernehmen. Der Bandleader, Komponist und Pianist versammelt mit dem Recklinghäuser Kontrabassisten Stefan Werni, der amerikanischen Schlagzeug-Legende Bill Elgart und Mathias Bergmann am Flügelhorn bis auf Letzteren die Quartett-Mitglieder seiner letzten CD Seasons um sich. Aus der CD wurden denn auch Stücke wie Ant Race oder Spy Girls gespielt. Vor allem die Hommage an Kenny Wheeler (Beautiful As You Are) zeigt die Virtuosität und einen wunderbar lyrischen Ton, mit dem Mathias Bergmann mit seinem Blechinstrument das Quartett bereichert. Die Vier bestechen insgesamt in den Kompositionen von Sven Bergmann und dessen unaufdringlicher wunderbar perlender Begleitung am Piano mit intelligenten Harmonien. Im Opener Ladder to fortune beispielsweise wechseln raffiniert die Tonarten im Pedalpoint-Modus, die Bossa-Ballade Bittersweet Melancholy oder der Jazz-Walzer Through The Storm oder die an Chick Corea gemahnende Latin-Nummer Pure and Simple demonstrieren die rhythmische und harmonische Kunstfertigkeit des Quartetts, auf dessen neue CD (erscheint Anfang nächsten Jahres) man gespannt sein darf.

Im nächsten Act wartet das Jazzfestival mit einem Hochkaräter auf: Silvia Droste – eine der ganz großen Jazzstimmen im Jazz aus Herne – tritt bei ihrem „Heimspiel“ und übrigens 40-jährigen Bühnenjubiläum mit dem ebenfalls renommierten Martin Sasse Trio auf, mit dem sie seit zwölf Jahren gemeinsam live und bei CD-Einspielungen musiziert. In kurzweiliger und launiger Präsentation gelingt es Silvia Droste mit ihrer umwerfenden Vokaltechnik, mit „Klassikern“ wie Lullaby Of Birdland oder A Little Taste oder Love Come On Stealthy Fingers – übrigens alles Titel ihrer CD Piano Portraits – das Publikum in den Bann zu ziehen. Ihre wandelbare und nuancenreiche Alt-Stimme deckt das ganze Spektrum an Jazzgesang einschließlich Scat-Einlagen ab. Den Cole Porter-Klassiker Just One Of Those Things präsentiert sie als Hommage an Hildegard Knef in der von dieser verantworteten Textversion. Das Martin Sasse-Trio mit den Kölnern Martin Sasse am Piano und Henning Gailing am Kontrabass und dem Niederländer Joost van Schaik an den Drums ist dabei ein wunderbar eingespielter und raffiniert groovender Begleiter – ein Begriff, der den drei Ausnahmemusikern nicht ganz gerecht wird. Deutlich wird dies neben ihren Soli in dem Instrumentalstück ohne Gesang, einem „ChaChaCha-Twist“, oder etwa in den herausragenden Duetten von Henning Gailing mit Silvia Droste, bei denen der international tätige Bassist über die Rolle des souveränen Taktgebers deutlich hinausgeht und mit seinem feinsinnig groovenden und singenden Bassspiel in einen mitreißenden Dialog mit der Sängerin eintritt.

Nach einer kleinen Pause ist Party, genauer: Jazzparty angesagt. Die umtriebige Bochumer Tatort Jazz-Kuratorin und Sängerin Milli Häuser bringt mit Uwe Kellerhoff (dr), Caspar van Meel (b) und Matthias Dymke (p) und dem herausragenden ukrainischen Gastsolisten Dmitrij Telmanov (tr) eine andere Farbe ins Festival: Schon der Opener mit dem Bob Marley-Reggae Jamming, aber auch mit Feeling Good oder Roxanne oder dem Monk-Titel Rhythm-A-Ning zündet die Gruppe ein jazziges Feuerwerk von funkiger, karibisch angehauchter Musik, die zum Tanzen, zum Mitmachen, zum Aufwärmen anregt und in diesem Sinne mitzieht. Dies kommt beim Publikum gut an, meint doch der Wettergott es leider auch bei der zweiten Auflage des Herner Festivals nicht allzu gut mit der Open Air-Veranstaltung. Es regnet zwar nicht, aber es fegt ein für den Monat August atypisch kühler Wind, da ist jede Form musikalisch-rhythmischen Einheizens hochwillkommen.

Der letzte Act gilt dem aktuell überaus erfolgreichen Schweizer Sänger SEVEN - mit bürgerlichem Namen Jan Dettwyler. Angekündigt wird SEVEN als jemand, der seine R&B- und Soul-Songs in einem jazzigen Modus präsentiert. Begleitet wird er in Herne ausschließlich von der Rhythmusgitarre. Die ersten Takte lassen einen verwundert die Ohren reiben: Eine äußerst durchdringende, bis ins Falsett gehende überaus kräftige Stimme lässt im wahrsten Sinne aufhorchen. Eine solche Stimme ward lange nicht gehört, eine solche kraftvolle Intonation kommt gerade in der kärglichen Begleitung äußerst konzentriert an. Die Songs erinnern an die Vorbilder von SEVEN, etwa an Stevie Wonder, George Michael, Michael Jackson, Prince, Marvin Gaye, tragen aber durch die Performance von SEVEN eine sehr eigenwillige und eingängige Signatur. Nach anfänglicher nicht ganz unberechtigter Verwunderung im Publikum („Kein Jazz!“) endet das Konzert mit standing ovations.

Mit den verschiedenen Klangfarben und musikalischen Akzenten von verschiedenen durchweg herausragenden Musikern kann der zweite Akt des Herner Jazzfestivals als voll und ganz gelungen angesehen werden. Gratulation! Vielleicht ist der Wettergott ja im nächsten Jahr etwas gnädiger und ermöglicht der Open Air-Veranstaltung auch eine klimatisch angemessene Unterstützung für die küssenden Musen. Verdient hätte dies das Festival allemal.