Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft |

Bugge Wesseltoft im stadt.bau.raum Gelsenkirchen

Text: Stefan Pieper | Fotos: Ingo Marmulla

Gelsenkirchen, 14.04.2014 | Bugge Wesseltoft weiß sich in seinen Projekten immer wieder neu zu erfinden und bleibt sich selbst in jedem Moment treu dabei. Aktuell befinde er sich in einem Übergangsstadium, bekundete der Norweger im Gespräch vor seinem Konzert im Gelsenkirchener Stadtbauraum: So habe er sich in den letzten Jahren besonders stark auf akustisches Spiel und puristische Jazz-Stilistiken besonnen. Aktuell jedoch würden wieder "elektronischere" Projekte in den Vordergrund treten. Was er diesem Abend im unvergleichlichen Ambiente des Stadtbauraumes vorhabe, benannte er mit einem einfachen Wort: "Improvisieren".

Und was dies heißt, erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer in den abgedunkelten Maschinenhalle der ehemaligen ausverkauften Schachtanlage hautnah. Wesseltoft hat ein stattliches Arrangement aus Fender Rhodes, Minimoog-Syntheszier, Laptops und Mixern neben dem Flügel aufgebaut und doch bestreitet er seinen Auftritt zunächst über weite Strecken rein akustisch: Ganz verträumt und intim modelliert Wesseltoft seine Melodien und Harmonien. Seine Art, Töne und Tasten zu behandeln, dieses Timing und dieser Klang geben seinem Spiel einen extremen Wiedererkennungsfaktor. Bluesskalen und sphärische Klänge drumherum gehören zu den Ingredienzen. Viel repetitives treibt eine hypnotische Verdichtung unaufhaltsam voran. Er spielt nie einen Ton zu viel, aber weiß umso besser um deren wohlkalkulierte, sinnliche Wirkung.

"Ewige" Jazzstandards, die er liebt - bzw. sehr subtil eingestreute Spurenelemente daraus - sind die Fixsterne in diesem fantasiereichen Kosmos, der den ersten Konzertteil bestimmt. Für Wesseltoft sind diese alten Stücke das Grundelixier seiner musikalischen Sozialisation. Auch sein Vater war Jazzmusiker. Zeit seines Lebens hat Wesseltoft die alten Stücke für sich gespielt. Erst jetzt, in einer gereiften Schaffensphase musiziert er dieses tief verinnerlichte und umfassende reflektierte Material öffentlich. Das erzeugt so viel Nähe zu seinem Publikum an diesem Abend. Das Zeiterleben scheint ausgeschaltet. Viele haben die Augen geschlossen. Hingabe an eine musikalische Energie, die aus der Ruhe erwächst, füllt den Raum. So funktioniert Musik, wenn sie Tiefenschichten des Bewusstseins durchdringt. Immer wieder mal reizt der Norweger in punktuellen mächtigen Crescendi das ganze dynamische Vermögen des mächtigen Steinway-D-Flügels aus. Auf einem solchen hatte er für dieses Konzert ausdrücklich bestanden. Wohlüberlegt steuert Wesseltoft auf dieserm emotionalen und imaginären Trip eines seiner bekanntesten Stücke an: "Yellow Colours" ist eine große lyrische, ein beredeter Song. Und wohl das bekannteste Wesseltoft-Stück, das sogar schon den Weg in manche Hintergrundbeschallungsmusik im öffentlichen Raum gefunden hat! Aber dieser Musiker weiß, das Stück so ganz unverbraucht aus dem Hier und Jetzt heraus zu entwickeln.

Bugge Wesseltoft bleibt voll und ganz er selbst, als er in die zweite Phase des Konzertes eintaucht und eine aufregende Metamorphose passieren lässt. Sie demonstriert eindrücklich, wie elektronische Musik überhaupt funktioniert. Das macht verblüffend deutlich, woraus diese erwächst. Hier "beantwortet" ein elektronischer Improvisationspart gewissermaßen die vorausgehende akustische Spielstrecke. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berühren sich. Laptops als elektronische Instrumente standen gestern im Zentrum. Heute erlauben Wlan-gesteuerte Tablets einem Musiker wie Wesseltoft so viel mehr Beweglichkeit. Töne, die noch den Flügelsaiten entspringen, werden bearbeitet, verfremdet, verbogen. Eine Spielfigur wird gesampelt und in einem repetitiven Loop unvergänglich gemacht. So hat Wesseltoft die Hände für anderes frei, denn er spielt und improvisiert so live und so handwerklich wie nur irgend möglich. Off-Beats und Breakbeats kommen hinzu. Klangfiguren aus dem Moog und von einem Fender Rhodes blitzen in einem bizarrer werdenden Szenario auf. Es bebt, poltert, knarzt und wummert. Pianistischer Wohlklang löst sich in harschem Noise auf, Metren finden sich im Drum and Bass-Stakkato zerhackt und atomisiert. Füße der Zuhörer geraten ins Wippen, aber das reicht bei weiten nicht aus für alles, was jetzt an überkochenden rhythmischen Impulsen abläuft. Punktuell ergreift auch der Steinwayflügel in kurzen kommentierenden Einsätzen des Wort. Wesseltoft schwenkt und reißt dass Tablet in der Luft herum, ist in Fahrt, wenn er auf diese Weise musiziert und improvisiert. Und lässt dabei in jedem Moment ein Maximum an Konzentration unerschütterlich auf den Punkt kommen.

Ein ausgiebiges Interview mit Bugge Wesseltoft gibt es in Kürze in der Rubrik Jazzreports zu lesen.