Stimme ersetzt den Drumcomputer |

"Beasting" auf dem Nordsternturm

Text: Stefan Pieper | Fotos: Bernd Zimmermann

Gelsenkirchen, 14.07.2014 | So hat man Duke Ellingtons "Caravan" noch nie gehört: schleppende Beats treiben die Karawane mächtig voran und die schreitet auf einem abgrundtiefen Bassfundament unablässig weiter – man möchte ihr folgen, braucht eigentlich einen Dancefloor jetzt. Darüber liegt der warme Atem eines Saxofons, was Sehnsucht und Fernweh transportiert. In fliegendem Wechsel geht es weiter in Richtung "Summertime". Auch dieses allseits bekannt Gershwin-Stück findet sich in ein regelrecht futurisches Gewand gekleidet - so als wäre ein Dub-Produzent dieser Hymne persönlich zu Leibe gerückt.

Aber hier sind weder ein DJ noch eine große Band am Werk. Stattdessen agiert auf der kleinen Bühne hoch oben auf dem Gelsenkirchener Nordsternturm das Duisburger Trio "Beasting" – bestehend aus dem Saxofonisten André Meisner, dem Cellisten Daniel Brandl, sowie einem jungen Künstler, der sich allein mit seiner Stimme und seinem Gesangsmikro abarbeitet. "Köpi" alias Jens Kupschus betreibt Beatboxing, jene aus dem Hiphop kommende Kunst des vokalen Rhythmisierens durch die Imitation zahlloser möglicher und unmöglicher Schlagzeugsounds und anderer Effekte. Wie es aus Köpis Munde pulsiert, trommelt, knarzt, schnalzt und zwischelt, wie Breaks und Bassdrum-Kicks zusammenkommen, das muss man erstmal auf einem guten Drumcomputer, Sampler oder auch einem Schlagzeug hinbekommen! Auch Cellist Daniel Brandl leistet alles andere, als was man sich von einem klassischen Streicher oder auch einem fleißigen Absolventen der Jazzhochschule erwartet: Wenn sein Bogen mit so viel Energie über die Saiten fegt, dass diese heißzulaufen drohen, treiben frenetische Rockriffs voran, breiten sich sphärische Klangflächen aus und zaubern Flagoletts und Rückkopplungen eine manchmal fast schon psychedelische Aura. Locker streut Daniel Brandl auch mal die eine oder andere Folk-Nuance ein. Saxofonist André Meisners herrlich unangestrengter, schwereloser Ton schwebt so lyrisch und schwerelos über allem wie eine Singstimme. Das verdichtet jene Erhabenheit, wie sie allein schon von dieser Aufführungsstätte ausgeht.

Ganz hoch oben auf dem Gelsenkirchener Nordsternturm fühlt man sich dem Alltag doch außerordentlich stark enthoben. Die Musiker werden davon in ihrem Tun auf jeden Fall immens beflügelt, ebenso von der überaus dankbaren Publikumsreaktion. Nach der Pause verleiht das Beasting-Trio diversen aktuellen Titeln aus Zentrum und Randbereichen der Popmusik neue Dimensionen von Dramatik und Intensität. Jens "Köpi" Kupschus, der auch schon zum Deutschen Vizemeister in Sachen Beatboxing gekürt wurde, freut sich, dass sich die drei zusammengefunden haben - und sie wollen auch weiterhin nach besten Kräften Berge versetzen. Er selbst bringt es wie folgt auf den Punkt: "Wir sind jetzt oben auf der 18. Etage. Aber wir wollen noch viel höher hinaus!"

Hier findest Du ein Pausengespräch mit Jens "Köpi" Kupschus...