Samstag Abend, ein Heimspiel.

Witten, 5.3.2012 | Der Wittener Jazzclub steht jetzt im neunten Jahr; vorher im Cafe Fritz, dann ein kurzes Exil im reimanns und im le coq, die beide so nicht mehr existieren und seit dem 28.11.2007 zurück an alter Stelle, Jazz nun im Casa Cuba am Rathaus.

Im Alltag Raucherlokal im vorderen Raum, nicht so an den Abenden mit Musik. Dann für die Musiker und Gäste – rauchfrei. Alles Cuba oder was? Fidel trifft man nicht, doch Che wirkt allgegenwärtig im Casa, wie es gern von den Gästen genannt wird, die kubanischen Farben; hoch an der Wand, große Bilder, der alte Mann mit Hut und Zigarre; natürlich. Verschnörkelte Leuchter an den Decken, warme, weiche Farben. Der Massivholzboden zeigt deutliche Nutzungsspuren. Die ganze Einrichtung liebevoll von der Inhaberin Sabiah Ayda zusammengetragen. Berührungsängste darfst du hier nicht entwickeln, dicht an dicht stehen Tische und Stühle, man kommt sich näher, zwangsläufig. Die Kellnerinnen haben es nicht leicht an so einem Abend. Die Musiker stehen im Schaufenster, das ansonsten zwei abgenutzte tiefe Ledersessel, aus denen manche Menschen nur mit Hilfe eines Hebewerkzeugs heraus können, aufnimmt. Der Blick geht auf den Rathausplatz, den jemand den größten Jugendclub von Witten nannte. Das Casa Cuba gibt sich mal als Kneipe, mal Jugendtreff, dann als karibische Bar und einmal im Monat als Wittener Jazzclub mit deutlich anderem Publikum.

Alte Gesichter, neue Bekannte, der Club hat seine treuen Gäste; drängendes Stimmengemurmel. Voll geworden, aber wer voll werden will, muss etwas Geduld mitbringen, Getränke dauern was und um 20.20 Uhr geht es los mit Jost Edelhoff an der Gitarre, Michael Thomas am Bass und Carsten Steinkämper am Schlagzeug. Die Drei sind Indigo, der Kern. Das Plus heute Abend sind Dian Pratiwi, die Stimme aus Bali und aus der Ukraine, bereits lange in Deutschland, Dimitrij Telmanov, der Trompete und Flügelhorn mitgebracht hat. What`s going on?, Marvin Gaye, gesungen von Dian, peace or war, no war. Ausdrücken, um was es geht auf dieser Welt. Georgia gibt es mit den Soli von Dimitrij, Jost und Dian; das Energiebündel, versteht es gekonnt und routiniert das Publikum einzubinden, fordert sehr bewusst, aber auch mit Gefühl für den Moment. So ein Wirbelwind, diese kleine, zierliche Person, aber mit Pfeffer, sind es doch die Gene der Herkunft? Tanzt, bewegt sich, spielt und leidet mit der Musik, schreit es heraus. Sie lenkt selbstbewusst ihre Mitmusiker, auch Jost Edelhoff, der sonst eindeutig als Frontman von Indigo auftritt. Dimitrij Telmanov, den ich aus dem Thealozzi in Bochum kenne, als er in der Reihe Tatort Jazz von Milli Häuser ein Gastspiel gab. Rein optisch und in seinem Wesen ein zurückhaltender Mensch, sparsam in seiner Mimik, aber mit einer konzentrierten musikalischen Wirkung, ein Hinhörer. Klar und präsent. Kann aber auch schmutzig, zart gedämpft und überraschen. Auf einer Augenhöhe mit Dian, auch wenn die beiden keine gemeinsame Probe hatten und sich an diesem Abend erstmalig begegnen. Spontangäste, so wie die junge rothaarige Amerikanerin Eileen, bittet Dian für Summertime auf die Bühne und später, für die Zugabe, Heike Kehl, die bei Dian Gesangsunterricht nahm. Gemeinsam tragen sie vor Sunny nach all den anderen Standards des American Songbook. What`s going on in Witten? Lasst euch unterhalten.

Text & Fotos: wj