Interpretationen alter Motive | Rea & Boltro im domicil

Dortmund, 12.2.2012 | Man muss nicht Jazzfan sein, um den Weg in das domicil nach Dortmund zu finden. Dort kann man auch den Rotwein trinken und bei Bedarf eine Kleinigkeit essen, Menschen treffen und, wer es möchte, Musik hören. Genießen also. Ich bin dort gewesen, am Donnerstag.

Als musikalische Gäste waren Danilo Rea und Flavio Boltro im Rahmen der ACT-Tour angesagt. Piano und Trompete. Opera. Auf der Bühne der Flügel und all die notwendigen Requisiten und sonst viel Raum. Im Hintergrund rauscht der Verstärker, später abgelöst durch leise Musik. Einige Gäste nehmen an den aufgestellten Tischen Platz, trinken Weizen und unterhalten sich gedämpft. Erwartung. Ich will fotografieren und vielleicht einige Gedanken aufschreiben. Dann bittet die Glocke zum Beginn.

Zum Fügel kommt die Trompete; zwei Köpfe auf der Bühne und akustischer Raum, der gefüllt werden möchte. Danilo Rea, mit schwarzem Schal, kündigt Puccini an und die ersten Klänge lösen spielerisch die Spannung. Im Wechsel der Rhythmen und Tempi treiben sich Rea und Boltro voran in ihren Interpretationen alter Motive. Spätestens mit dem zweiten Stück, einem Walzer von Rossini, wird mir wärmer. Rea legt seinen Schal ab, „arbeitet“ stärker an den Tasten und auf seinem Hocker. Flavio Boltro wartet mit wiegendem Oberkörper auf seinen Einsatz und die Reflexionen seiner Trompete dringen in meine Bilder.

Auf Rossini folgt Monteverdi, das Klangbarometer verändert sich auffallend, nimmt mich stärker mit. Es wird schräger – experimenteller. Stampfend überträgt Rea mit den Füßen seine Leidenschaft, seine Spannung auf die Bühne und ein kehliges Stöhnen entlädt sich. Spielerisch und mit Leichtigkeit entsteht so etwas wie Genuss, Freude. Eine Ballade von Vincenzo Bellini schließt sich an und etwas daran erinnert mich an die Musik, die alten Stummfilmen hinterlegt wurde. Dann glaube ich Mozart zu erkennen. Bin nicht sicher. Egal. Opera trifft Jazz. Aus der alten Zeit in eine neue Welt gepflanzt. Ich vergesse mich und den Winter draußen und schließlich verstummt die Musik nach der Zugabe und die Bühne wird geräumt. Ich bleibe noch, trinke aus und schaue mir die Bilder an, die ich gemacht habe. Nebenbei, es war nicht der Herr Mozart, den ich dort hörte. Es war Gioachino Rossini. Der Barbier von Sevilla. Passt auch besser.

Text & Fotos: Walter Jonat