56 Stunden beim „Reykjavik Jazz Festival“

Reykjavik, 30.8.2011 | 56 Stunden Zeit für ein Festival, das 15 Tage dauert – das ist abenteuerlich wenig, in diesem Jahr aber nicht ganz so glückselige Realität. So blieb leider wenig Zeit, um Konzerte zu hören. Aber es blieb Zeit für Gespräche. Etwa mit Pétur Grétarsson, Schlagzeuger und seit fünf Jahren Leiter des „Reykjavik Jazz Festival“. Treffpunkt für den Plausch: Das Café von „Harpa“, dem ganz frisch eingeweihten, neuen Konzerthaus und Konferenzzentrum am Hafen von Islands Hauptstadt. Ein gewaltiger, imposanter Bau mit mehreren Sälen, der größte fasst 1.800 Leute. 2008, als die Krise über Island besonders heftig einbrach, war es fraglich, wie es mit dem Bau dieses Hauses, das ein wahres Kunstwerk geworden ist, weitergehen würde. 167 Millionen Euro kostete schließlich das Haus, mehr als doppelt so viel wie anfangs geplant. Der Staat Island und die Stadt Reykjavik übernahmen je zur Hälfte die Finanzierung. Jetzt ist man in Island stolz auf „Harpa“. Auch wenn aus Jazzmusikerkreisen schon zu hören ist: Viel zu teuer, um dort einen Saal für ein Konzert anzumieten! Pétur Grétarsson aber wirkt zufrieden, mit Harpa einen neuen, einen weiteren Spielort zu haben. Und er ist glücklich, dass sein Festival nach seinen fünf Jahren Leitung dort steht, wo es ist. „Das Festival hatte nämlich keinen Wert mehr, als ich es übernommen habe“, erinnert er sich zurück. Für internationale Besucher sei ein Besuch des Festivals mit dessen neuer Konzeption, weniger Konzerte an viel mehr Tagen, aber nicht so einfach. Das gibt Pétur Grétarsson gerne zu. Und deshalb plant er auch für den kommenden Winter einen auf ein Wochenende konzentrierten Winterjazz mit mehr internationaler Ausrichtung in Reykjavik.

Die Sommerausgabe rückte einmal mehr die einheimische Szene in den Vordergrund. Sicher, mit Unterstützung seitens der isländischen US-Botschaft konnte das Danilo Perez Trio nach Island geholt werden.Und auch der eine oder andere skandinavische Musiker kam nach Island. Wie der schwedische Gitarrist Hans Olding, der im Nordic House auf eine Band aus isländischen Musikern um den Saxofonisten Sigurdur Flosason traf und mit seinem lyrischen und melodieverliebten modernen Jazz, auch von seinem neuen Album „No Place Like Home“, bestens zu unterhalten wusste. Eine weitere Kollaboration zwischen isländischen und auswärtigen Musikern, Pétur Grétarsson liebt diesen Austausch, fand zwischen der Band „Elou Elan“ aus Dänemark und dem isländischen Saxofonisten Óskar Gudjónsson statt. Hinter „Elou Elan“ steckt in erster Linie die dänisch-norwegische Sängerin Eva-Louise Rønnevig, die mit einfach bezaubernden Liedern zwischen Jazz, Folk und Pop verzückte. Warm, melancholisch, irgendwie wie aus vergangenen Jahrzehnten klingen Rønnevigs Lieder, die noch richtig Zeit Zeit bekommen, nachzuschwingen.

Óskar Gudjónsson bildet mit seinem Gitarre spielenden Bruder Ómar auch eine Hälfte des Quartetts „ADHD“, benannt nach der englischen Abkürzung der gleichnamigen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die anderen beiden Musiker dieser großartigen Band sind der Schlagzeuger Magnús Trygvason Eliassen sowie Tastenmann und Bassgitarrist David Pór Jónsson. So zählen zu „ADHD“ vier der prägnanten Stimmen der aktuellen isländischen Jazzszene, die im neuen Konzerthaus „Harpa“ aus sehr atmosphärischen, träumerischen Klängen, elegant schwingenden Grooves, bluesy Vibes, schwer rockigen Momenten und kleinen elektronischen Zutaten mit jeder Menge Spielwitz spannende Songs schufen, die sicher nicht als hyperaktiv einzustufen sind.

Es gab noch so viel mehr live zu hören beim diesjährigen „Reykjavik Jazz Festival“ - wenn man nur mehr Zeit gehabt hätte. Zum Beispiel das außergewöhnliche Projekt „Strengur“ des Bassisten Tómas R. Einarsson, der in den letzten Jahren musikalisch mehr in Richtung Kuba schielte. „Strengur“, auch Titel der erschienenen CD+DVD, ist nun etwas völlig anderes - eine Reise zu den Orten seiner Vorfahren. Dort nahm Einarsson Wassersounds aus Bächen, Flüssen, Seen und des Meeres auf, integrierte sie in den Sound von Kontrabass und Perkussion (Matthias MD Hemstock) und widmete sich mit meditativen, sehr reduzierten Tönen und ruhigen Bildern auf eine besondere Weise seiner Familiengeschichte.

Text & Fotos: cg

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