Highlights am Fließband | 21. Jazz Baltica 2011

Salzau, 9.7.2011 | Jazz Baltica ist kein Jazzfestival wie jedes andere. Es ist ein Festival, ein Treffen und eine Kreativschmiede zugleich. Seit nunmehr 21 Jahren treffen sich Jazzmusiker, vornehmlich aus den skandinavischen Staaten und der Bundesrepublik, aber auch aus den USA in Salzau, einem Landgut unweit der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel, um gemeinsam mit dem stets enthusiastischen Publikum ein Jazzfest zu feiern, dass in der Welt seinesgleichen sucht.

Da gibt es z.B. das traditionelle Jazz-Baltica Ensemble, dem jedes Jahr ein anderer Jazzmusiker vorangestellt wird, um in wechselnden Besetzungen neue und bekannte Kompositionen in neuen Arrangements zu präsentieren. Darüber hinaus werden stets neue Formationen zusammengestellt oder finden sich während des Festivals spontan. Und immer kommen neue, spannende Line ups zustande, die aufgrund der Namen und dem Dargebotenen den Zuhörer die Gänsehaut aufstellen lässt.

Welchen Stellenwert dieses Festival für die Jazzwelt hat sieht man allein daran, dass manche herausragenden Jazzmusiker manchmal nur für einen 20minütigen Part während eines Konzerts den Weg in die schleswig-holsteinische Provinz finden. Jazzlegenden wie Esbjörn Svensson sind hier groß geworden oder, wie Bunky Green, für die Jazzwelt wieder entdeckt worden.

Aber das alles wundert den kundigen Salzau-Fan nicht. Denn maßgeblich an der Planung des Festivals ist neben Rainer Haarmann auch der Posaunist Nils Landgren beteilgt.

Aber auch das Jazz-Baltica ist von den hirn- und planlosen Kürzungen der schleswig-holsteinischen Landesregierung im letzten Jahr nicht verschont geblieben, obwohl dieses Event in den Medien eine besondere Beachtung findet. So sind in jedem Jahr das ZDF, 3SAT und der NDR vor Ort, um dieses Festival aufzuzeichnen. Aber noch im Dezember letzten Jahres war nicht klar, ob und wo das Festival stattfinden würde. Für die Planung eines Festivals eigentlich ein Supergau, wenn man sich vorstellt, welche und wessen Termine für ein solches Festival in dieser Qualität unter einen Hut gebracht werden müssen. Aber was schert die Politik schon das Thema Planungssicherheit.

So musste bereits in diesem Jahr das Festival gänzlich ohne öffentliche Subventionen auskommen, was durch die Kürzung des Programms (von zwei auf eine Bühne) und viel Engagement der Planer, Musiker und Sponsoren und natürlich aufgrund der hohen Verlässlichkeit des Publikums, noch so leidlich klappte. Im nächsten Jahr allerdings droht zudem noch das Aus für den traditioniellen, wunderbaren Standort des Festivals, dem Kulturzentrum Salzau.

Begonnen hatte das diesjährige 21. Jazz Baltica allerdings zunächst mit einer kleinen Enttäuschung. Den Auftakt machte die NDR-Bigband gemeinsam mit Joe Sample. Wären da nicht die hervorragenden Solisten gewesen, wäre wohl dieses Konzert keinem der Zuhörer in Erinnerung geblieben. Mit wenig Gehalt und relativ lustlos spulte Joe Sample sein Programm "Children of the sun" vom Blatt ab. Am Abend folgte jedoch schnell die traditionelle Dance Night, bei der Trombone Shorty Bühne und Publikum zum brodeln brachte. Gut 2 Stunden schoss er mit Posaune und Trompete seine rockig-funkige, vom traditionellen Jazz beeinflusste (schließlich kommt der 24-jährige aus New Orleans) Musik auf das Publikum ab. Dabei versprühte er, zusammen mit seiner 6-köpfigen, eigentlich wie eine Schulband wirkende Formation eine Energie, die beim Publikum noch lange nachwirkte.

Der zweite Tag bot Highlights am Fließband. Entgegen der sonstigen Tradition musste das traditionelle Jazz-Baltca Ensemble bereits am Mittag ran. Unter der diesjährigen Leitung von Nils Wülker und unterstützt von Dave Douglas (Trompete) und Donny McCaslin (Saxophon, Flöte) lieferte das Ensemble ein herrlich spritziges Programm ab. Dabei standen Stücke von Nils Wülker, die er speziell für Jazz-Baltica neu arrangiert hatte, im Vordergrund. Aber auch Dave Douglas steuerte zwei extra für das Festival komponierte Stücke bei. Herausragend das Saxophon-Duet von Donny McCaslin und Johannes Enders, als die beiden die hohe Kunst der Jazz-Improvisation vor dem gänzlich begeisterten Publikum zelebrierten. Bleibt zu hoffen, dass auch dieses Konzert, wie die Konzerte der letzten Jahre auf CD gepresst und so der Nachwelt erhalten bleibt.

Den Nachmittag gestalteten das Vijay Iyer Trio und Nik Bärtsch’s RONIN. Während das Vijay Iyer Trio mit seinem intelektuellen, ohne große Höhepunkte daherkommenden Klaviertrio, eine eher, für den Großteil des Publikums unzugängliche Musik bot, bot Nik Bärtsch mit RONIN und dem Programm der neuen CD "Llyria" nicht nur musikalisch sondern auch vom Bühnenbild einen Kontrapunkt zum bisher Dargebotenen. Garniert mit rhythmischen Grooves zauberte das Quintet ohne technisch-hochanspruchsvoll sein zu wollen phantastische Klangbilder in die Festival-Scheune.

Am Abend wurde dann mit gut 1 1/2 stündiger Verspätung (ein Flugzeug mit Musikern hatte sich verspätet) ein, in Gedenken an Esbjörn Svensson, dem vor 3 Jahren bei einem Tauchunfall ums Leben gekommenen Ausnahmepianist sicherlich nur in Salzau möglicher einmaliger Konzertabend geboten. Zu Beginn spielte die neue Formation des ehemaligen E.S.T.-Drummers Magnus Öström, im zweiten Set Tonbruket, die neue Gruppe des E.S.T-Bassisten Dan Berglund. Beiden Formationen war die Prägung durch die langjährige Zusammenarbeit bei E.S.T. anzuhören. Qualitativ reichten sie jedoch nicht an die alten Zeiten heran.

Magnus Öström war es dann auch, der durch das folgende dritte Set führte. Bei diesem Set blieb schließlich bei der Besuchern kaum ein Auge trocken. Über den Musikern eingeblendet Live-Fotos von Esbjörn Svensson, dazu ein Line up zum mit der Zunge schnalzen. Zu den schon erwähnten Öström und Berglund gesellten sich in zum Teil wechselnden Formationen keine Geringeren als Pat Metheny, Nils Landgren, Lars Danielsson und Victoria Tolstoy. An den Tasten Michael Wollny, Leszek Możdżer, Vijay Iyer und Yaron Herman.

Es war ein Abend voller Emotionen, der damit begann, als Rainer Haarmann begleitet von Eva Svensson die Bühne betrat. Zum ersten Mal nach dem Tod von Esbjörn standen Magnus Östrom und Dan Berglund wieder gemeinsam auf der Bühne. Beeindruckend auch, dass alle vier Weltklasse-Pianisten sich vor allem auch bei den E.S.T. Stücken auffällig zurückhielten und Pat Metheny, Nils Landgren und Lars Danielsson die Soloparts überließen. Dargeboten wurden Stücke von E.S.T. oder unter Beteiligung dieses Ausnahmepianisten entstanden sind.

Besondere Begeisterung rief am Sonntag dann noch das Konzert des gebürtigen Dortmunders Theo Bleckmann, der seit Jahren in New York lebt hervor. Begleitet von Michael Wollny, Christopher Dell und Nils Landgren, produzierte er mit seiner Stimmakrobatik und seiner Loopmaschine fasziniernde Soundcollagen und überraschte das Publikum mit Adaptionen bekannter Popstücke wie "Das Model" von Kraftwerk oder "God is a DJ" von Pink.

Trotz der Eingangs angesprochenen Probleme und Fallstricke, war auch in diesem Jahr Jazz-Baltica ein Erlebnis. Wer dieses Jazzfest einmal hautnah und intensiv an diesem wunderbaren Ort mit diesen wunderbaren Musikern und dem so begeisterungsfähigen Publikum erlebt hat, weiss, dass dieses Festival nicht sterben darf. Dieses, seit 21 Jahren stattfindende Event, dass aufgrund der besonderen Konzeption, vor allem aber auch in Verbindung mit dem aussergewöhnlichen Veranstaltungsort muss sich sicherlich, um seine Strahlkraft über die schleswig-holsteinischen Grenzen hinaus zu erhalten, auch immer mal wieder neu erfinden, dennoch ist es für viele Hochkulturliebhaber ein Markenzeichen dieses sympathischen Landes im Norden der Republik.

Text & Fotos: bz