Jazz und viel Geschichte | 21. Malta Jazz Festival

Valletta, 20.7.2011 | Die gelben Oldtimer-Busse fahren nicht mehr. Seit Anfang Juli sind die noch aus der britischen Kolonialzeitzeit stammenden Busse, die seit den 1950er Jahren auf ganz Malta herumfuhren und vor allem am Busbahnhof am Eingang Vallettas das Stadtbild sehr prägten, abgelöst worden von modernen, klimatisierten, grünen Bussen aus China. Nicht die einzige Veränderung auf der geschichtsträchtigen Mittelmeerinsel. Auch das Eingangstor zur Hauptstadt Valletta ist weg, überall wird renoviert. Auch die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg zerbombte Oper in Valletta wird nach Plänen des italienischen Stararchitekten Renzo Piano als Open Air-Theater gerade wieder aufgebaut.

Eines aber ist geblieben. Im Sommer mutiert Malta zur Kulturinsel. Vor allem das Malta Arts Festival sorgt seit sechs Jahren für gut drei Wochen für Hochklassiges. Mit Tanz aus der Türkei, Flamenco, einem Auftritt des Kronos Quartet oder dem Hamlet in der Bearbeitung vom Shakespeare´s Globe Theatre aus London. Maltas Startenor Joseph Calleja schaut abseits des Festivals jedes Jahr ohnehin für ein Sommerkonzert auf seiner Heimatinsel vorbei, dieses Mal gemeinsam mit Italiens Popikone Ludio Dalla und der jungen neuseeländischen Sopranistin Hayley Westenra. Und dann ist da noch das inzwischen ins Malta Arts Festival integrierte „Malta Jazz Festival“, das auch in seiner schon 21. Ausgabe voll zu überzeugen wusste. Denn Sandro Zerafa, Jazzgitarrist aus Malta mit Wohnsitz Paris, der im dritten Jahr nun das wunderschön am Grand Harbour von Valletta natürlich unter freiem Himmel stattfindende Festival leitet und mit „Urban Poetics“ (Paris Jazz Underground) gerade eine feine neue CD unter eigenem Namen veröffentlicht hat, hat wieder einen guten Mix hinbekommen aus Musik, die ein größeres Publikum anlockt und frischen jungen Künstlern.

Der Trompeter Ambrose Akinmusire ist so einer der jungen Himmelsstürmer. Einen improvisationsgeladenen, modernen Jazz abseits des Mainstream hat der Kalifornier mit nigerianischen Eltern im Programm. Vor allem mit dem Saxofonisten Walter Smith III, dem zweiten Bläser seines Quintetts, begibt sich Akinmusire auf Malta in ausgedehnte, spannende Dialoge und Soli. Mal komplex nach vorne drängend, aber ebenso lyrisch in sich gekehrt begeistert der Amerikaner. Der Brite Seamus Blake rückte mit Tenorsaxofon, EWI und allerlei Elektronik und seinem Quartett an und wandelte auf den Spuren von Elektro-Miles. Mal packend, mit tollen Grooves von Tim Lefebvre auf dem E-Bass, einem EWI (Electric Wind Instrument), das als rockige Gitarre kreischte oder wie eine Trompete klang, aber auch Momenten, die weniger inspiriert waren.

Monty Alexander und sein Harlem-Kingston Express gefielen dagegen durchgehend mit ihrer Fusion aus Reggae und Jazz, Lionel Loueke als fantasievoller Gitarrist und das Avishai Cohen Trio als echte Abräumer zum Festivalausklang. Den besten Auftritt aber legte João Bosco hin mit seinem fantastisch aufeinander abgestimmten   Quartett. Mit dem unauffälligen, aber sanften Pulsschlägen von E-Bassist João Baptista, dem immer wieder wunderschön verspielte Miniaturen einstreuendem Schlagzeuger Kiko Freitas und dem Boscos Akustikgitarrenspiel perfekt ergänzenden und kontrastierenden Spiel von Ricardo Silveira auf der E-Gitarre begeisterte die brasilianische Legende mit Versionen vieler seiner Klassiker voller Biss und Spielwitz. Großartig!

Festivaldirektor Sandro Zerafa strahlte zufrieden, denn das Publikum kam zahlreich. 2018 wird Valletta übrigens den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt tragen. Vielleicht ein Signal für noch mehr Jazz auf der Insel? Auf jeden Fall wird dann wohl nicht nur der maltesische Sommer voller Kulturveranstaltungen sein. Kultur und viel Geschichte gibt es auf der sonnenverwöhnten Insel sowieso ganzjährig. Durch die Hauptstadt Valletta zu flanieren, die historischen Tempelanlagen, auch auf der Nachbarinsel Gozo, und die stille Stadt Mdina zu besuchen oder fangfrischen Frisch in den großartigen Restaurants auf der Insel zu probieren, sind nur einige der vielen Möglichkeiten auf Malta.

Text: cg; Fotos: Klaus Pollkläsener  

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Dieser Artikel ist ebenso erschienen in Jazzthetik 9/10.2011