In anderen Gesangssphären | Bobby McFerrin in Essen

Essen, 26.3.2011 | Eigentlich benötigt der Mann niemanden um sich herum. Wie er am letzten Montag in einem Solokonzert in der Düsseldorfer Tonhalle bewies. Nach Essen, in die ausverkaufte Philharmonie, brachte Bobby McFerrin am Freitagabend aber dennoch den gut 30-köpfigen „Chamber Choir of Europe“ unter der Leitung von Roger Treece mit.

Dieser Chor mit Sängerinnen und Sängerin aus mehreren Nationen ist zunächst jedoch nur leise Unterstützung im Hintergrund. Zu Beginn der gut zweistündigen, reinen Vokalshow zeigt der wie immer schlicht in Jeans und T-Shirt gekleidete Bobby McFerrin seine ganze Kunst, seine beeindruckende Mehrstimmigkeit.

Der Amerikaner kommt auf die Bühne, setzt sich auf den dort in der Mitte platzierten Stuhl, schließt die Augen und beginnt seine Improvisation. Mit gesummtem Basston, über die sich die Falsettstimme legt. Begleitung und Melodie laufen kurze Zeit später beinahe parallel. Mit der rechten Hand klopft er Beats auf seinen Brustkorb, und man hat das Gefühl, er könnte auch noch ein paar Instrumente nur mit seiner Vier-Oktaven-Stimme hinzufügen, wenn er das nur wollte.

Aber er hat ja an diesem Abend den Chor hinter sich stehen. Ein Chor, der großartig verschachtelt und komplex zu singen vermag. Ein Chor, dem Roger Treece eine starke, auf die Dauer dann aber doch auch ein wenig eindimensionale, afrikanische Färbung eingeimpft hat in den gemeinsam mit McFerrin verfassten Songs.

Es sind viele Stücke aus McFerrins letztem Album „VOCAbuLarieS“, dabei, an dem über 50 Sänger mitgewirkt haben. Der Chorgesang ist durcharrangiert, stimmgewaltig, aber ein wenig mehr Abwechslung wäre interessanter gewesen.

Für die sorgt dann Bobby McFerrin selbst, der sich zunächst einige der Chorstimmen zu sich nach vorne holt, um sie improvisatorisch bei ihren Sologesängen zu begleiten. Dann hält er das Mikrofon Richtung Publikum. Die erste Mutige ist die Dortmunder Jazzsängerin Daniela Rothenburg, die von ihrem Sitzplatz aufsteht und zu McFerrin auf die Bühne geht. Und bezaubernd sicher die selbst ausgewählte Jazzballade „My Funny Valentine“ singt, die Bobby McFerrin spontan improvisierend begleitet. Riesenapplaus!

Aber eigentlich wird das ganze Publikum bei dem Ausnahmesänger gerne mit eingebunden. Und der vollbesetzte Saal in Essen erweist sich als erstaunlich intonationssicher. Auch beim Singen entlang der Tonleiter, die Bobby McFerrin hin und her hüpfend anschaulich vorgibt.

Zum Schluss dürfen die Zuhörer ihrem Star einige Fragen stellen. Aber die meisten wollen in erster Linie weitere Songs hören. Um seinen einstigen Welthit „Don´t Worry, Be Happy“ bittet ihn jedoch niemand. Es dürfte sich inzwischen aber auch herumgesprochen haben, dass Bobby McFerrin diese Mainstream-Nummer längst nicht mehr singen mag. Der Mann ist einfach lange schon in anderen Gesangssphären unterwegs.

Text & Fotos: cg