Ein Schweizer Uhrwerk aus Österreich | Martin Grubinger

Essen, 6.12.2010 | Im Zeichen des Rhythmus, wo man mit muss. Schon bei den Proben unverkennbar die Bodenständigkeit und Freude, mit der Martin Grubinger sich mit seinen Musikern abstimmt. Freundlich und aufgeschlossen. Locker und präzise. Ein Schweizer Uhrwerk aus Österreich.

Der Veranstalter Pro Arte hat es geschafft Martin Grubinger nun zum ersten Mal nach Essen zu holen. Nach Konzerten in Bonn und Hamburg können sich die Besucher auf eine brillante Vorstellung in der Ruhrmetropole freuen. Das Programm ist anspruchsvoll und abwechslungsreich.

Zum Auftakt spielen die vier Percussionisten Sabine Pyrker, Rainer Furthner, Martin Grubinger und sein Lehrer Leonhard Schmidinger "The Wave" von der japanischen Komponistin Keiko Abe (*1937). Temporeich und in großen dynamischen Facetten stimmen Sie das Publikum ein. Ganz leise und laut, langsam und schnell . Ein rhythmisches Kaleidoskop. Danach spielen Per Rundberg (Klavier) und Martin Grubinger das von Bruno Hartl (*1963) komponierte Konzert für Marimbaphon und Streichorchester, op. 26, in einer Fassung für Klavier in drei Sätzen. Beide Musiker spielen wie aus einem Atemzug. Man kann zwischenzeitlich kaum unterscheiden, welche Töne vom Marimba oder Klavier erklingen. Mit einem anspruchsvollen Schluß beenden beide mit fulminanten Schlussakkorden dieses Stück. In der Umbaupause führt Martin Grubinger in das Werk von Iannis Xenakis (1922-2001) ein. "Xenakis ist eigentlich der Schutzheilige für uns" führt er aus. Der griechisch-französische Komponist und Architekt prägte seine Werke durch mathematische und akustische Gesetzmässigkeiten. Und diese erklingen nun in der Philharmonie. Würde Architektur hörbar sein, dann bei dem Stück "Rebonds b": Bauhaus?

"Schön dass sie noch da sind". Nach der Pause.schmeichelt Grubinger dem Publikum. Zum Stück "Ghanaia" ergänzt Louis Sanou die Percussionisten. Matthias Schmitt (*1958) schrieb dieses Stück in Erinnerung an Ghana. So werden auch die exotisch anmutenden Instrumente nach vorn geholt. Die Percussionisten sitzen in einer Reihe nah am Bühnenrand. Unterstützt vom Bassisten Heiko Jung im Hintergrund steigern sie sich zu einem tosenden Finale. Die anfänglich langsam rhythmischen Schläge vermochten noch an Galeeren erinnern. Zum Schluss ist es ein von handbetriebenes Schnellboot, welches kaum zu bremsen vermag.

Das Konzert ist vorbei, das Publikum bedankt sich mit frenetischem Applaus. Mit einer "Welle" und standing ovations. Der Spannungsbogen kommt mit den beiden Zugaben zum Höhepunkt. Rainer Furthner freut sich auf das "klassische Schlagzeug" und auch Martin Grubinger steht die Freude ins Gesicht geschrieben. Allein an der Trommel. Die erste Zugabe wirkt wie ein aufgezogener Spielmannszug aus dem Kinderzimmer. Man sucht bei den Künstlern die Duracell-Batterie. Vergeblich. Vor der zweiten Zugabe fragt Grubinger "Wie spät ist es jetzt eigentlich?". Prompt und direkt aus dem Publikum "Zehn nach acht". "Mensch, das waren aber anstrengende zehn Minuten returniert Grubinger". Bei der zweiten Zugabe spielen Sabine Pyrker, Martin Grubinger senior und Leonhard Schmidinger zu dritt am Xylophon. Per Rundberg am Klavier und Heiko Jung am Bass versetzen die Zuhörer zurück in die zwanziger Jahre. Unbeschreiblich vielfältig der heutige Abend.

Vermutlich wird an den Essener Musikschulen nun ein Boom bei den Schlagzeugkursen geben. Oder es geht die Kunde durchs Land, dass heute ein Ausnahmekonzert stattgefunden hat.

Die Musiker:
Martin Grubinger, Percussion
Martin Grubinger sen., Percussion
Leonhard Schmidinger, Percussion
Sabine Pyrker, Percussion
Rainer Furthner, Percussion
Louis Sanou, Percussion
Heiko Jung, E-Bass
Per Rundberg, Klavier

Text & Fotos: sb