Tanzen, Lachen, Spaß haben | Vilnius Mama Jazz Festival 2010

Vilnius, 24.11.2010 | Es ist drei Uhr in der Früh und Robert Glasper lächelt zufrieden. Es war und es ist noch immer ein toller Abend für ihn beim "Vilnius Mama Jazz Festival". Zunächst hatte der Amerikaner mit seinem Trio mit seinen beiden fantastischen Mitstreitern Derrick Hodge (Bass) und Mark Colenburg (Drums) im wie jeden Abend bestens besuchten, altehrwürdigen Rusų Dramos Teatras das Publikum zum Toben gebracht mit seinem so lässig gespielten und dabei so intelligenten und seelenvollen Trio-Jazz, der so zeitlos wirkt, der Jazzzitate so mühelos in die langen, ausgeklügelt variierenden eigenen Kompositionen einflechtet. Und dann sitzt der Pianist mitten in der Nacht im eigentlichen Restaurant des Holiday Inn Hotels, das sich während des fünftägigen Festivals bis auf den Eröffnungsabend jede Nacht zum Treffpunkt für lange Jam Sessions wandelt, und sitzt sichtlich vergnügt hinter der Schießbude und trommelt knochentrockene HipHop-Beats, zu denen sich zwei lokale Rapper mit ihren Texten probieren. Derrick Hodge spielt Bass, ein paar junge Litauer all die anderen Instrumente. Das unglaublich junge Publikum steht dichtgedrängt um die kleine Bühne, tanzt, lacht, hat Spaß.

So sympathisch wie an diesem Abend präsentiert sich "Vilnius Mama Jazz" die ganze Zeit. Es herrscht durchweg eine sehr angenehme Atmosphäre im Russischen Drama Theater und bei den Sessions. Den Musikern gefällt es spürbar in Litauen und das transportieren sie auf den beiden Bühnen. Wobei nicht nur die Festivalmusiker viele musikalisch schöne Momente kreieren, sondern auch der Jazznachwuchs aus Vilnius, der die langen Sessions eröffnen darf, durchaus Hörenswertes zu zeigen hat.

Nationale und internationale Künstler – die Mischung beim Festival stimmt. Intensiv das Konzert von Sylvain Cathalas Band "Print". Der französische Tenorsaxofonist hat neben Bassist und Schlagzeuger mit dem Altisten Stéphane Payen einen zweiten Saxofonisten an einer Seite. Steve Coleman lässt grüßen, wenn dieses Quartett sich in die Welt der ungeraden Metren begibt, um dann aber durchaus eigene Wege zu erkunden, betörende Grooves mit herrlich wechselseitigen Gesprächen der beiden Saxofone zu kombinieren.

Der norwegische Gitarrist Eivind Aarset sorgte mit seinem lauten, rockigen "Sonic Codex 4tet" für viel Begeisterung, während tags zuvor der litauische Pianist Arturas Anusauskas solo am Konzertflügel ganz feinsinnig und verspielt die Grenzen zwischen Jazz und Klassik verwischte. Das "Organik Vibe Trio" von Vibrafonist Dave Samuels, Organist Ron Oswanski und Drummer Marko Marcinko spielte in Vilnius seine erste Tour mit dem russischen Saxofonisten Nikolai Panov – eine neue Allianz, die durchaus Potential hat. Die schwingenden Vibes, der Orgel-Groove, der treibende Swing vom Schlagzeug und der elegante Tenorsax-Sound passen gut zusammen. Das tun auch die beiden jungen, derzeit in Berlin studierenden Österreicher Elias Stemeseder (Piano) und Max Santner (Schlagzeug), die das Festival-Eröffnungskonzert im Tamsta Club gemeinsam mit den beiden Litauern Eugenijus Kanevicius und Vytautas Labutis bestritten. Die langjährige Städtepartnerschaft von Vilnius und Graz war der Startpunkt dieses Quartetts, das zunächst nur per Internet Ideen austauschte und nach einem ersten Konzert in Graz in Vilnius nun den erst zweiten gemeinsamen Gig spielte. Mit einer sehr expressiven, drängenden Musik, die Folklore-Farben und freie Improvisationen geschickt miteinander kombinierte.

Vytautas Labutis ist eine der schillernden Figuren des litauischen Jazz. Bei fast allen der bisherigen neun Ausgaben vom Mama Jazz-Festival war der Saxofonist in den unterschiedlichsten Formationen dabei. Und Judita Bartoseviciene holt sich gerne mal auch seinen Rat bei der Verpflichtung von Künstlern. Die hoch engagierte Macherin des Festivals organisiert schon seit den frühen 80er Jahren Jazzkonzerte, betrieb in Vilnius auch schon einen Jazzclub. Seit 2002 ist sie die personifizierte Mama Jazz, immer und überall an den Spielorten zu sehen. Sie hat es geschafft, mit ihrem Event viele junge Leute anzulocken. Im nächsten Jahr feiert das Festival seinen zehnten Geburtstag. Schon jetzt darf man dazu sagen: Herzlichen Glückwunsch!

Text & Fotos: cg