EM PORTUGUÊS

International Exotisches Fadostadl | Liebeslieder, Liebeslieder und noch Liebeslieder

Mülheim a.d.R., 1.11.2010 | Eine überschaubare Gruppe von Musikfans sammelt sich im Foyer der Stadthalle Mülheim. Das Konzert findet im Festsaal statt. Fünf Musiker kommen auf die Bühne. Eindeutig erkennbar mit der Oud: Rabih Abou-Khalil.

"Ne, da die grüne Tuba, das muss die von Michel Godard sein" vernehme ich im Publikum. Am Schlagzeug (auf arabisch Schlagzeug) ist der Amerikaner Jarrod Cagwin. An Bass und Tuba der schon vermutete Michel Godard aus Paris. Am Akkordeon der Italiener Luciano Biondini. Unübersehbar, hünenhaft und kräftig der Fadosänger Ricardo Ribeiro aus Lissabon.

Die Künstler betreten die Bühne, schon jetzt spürt man die gute Laune. Das Vergnügen. Sie freuen sich auf das Konzert. Nach dem ersten Einstieg gibt es eine faszinierende Vorstellung der einzelnen Musiker. Sich selbst nimmt Abou-Khalil dabei auch auf die Schippe. Allein für diese Einlage (knapp 7 Minuten) hat sich die Reise schon gelohnt. Gleichzeitig vermittelt der Festsaal eine fast intime Clubatmosphäre. Das Quintett spielt Lieder aus der letzten CD "em português".

Abou-Khalil hat den Schalk im Nacken. So stellt er fest. "Wir spielen heute abend Liebeslieder, Liebeslieder, Liebeslieder, Liebeslieder, dann noch Liebeslieder, zum Schluss dann pornographische Lieder, aber das dauert etwas." Frech und fröhlicher Einstieg in den Abend. Frivol, scharf auch die Hintergründe zu den Liedern und Gedichten.

Genial, einfach zu erleben, wie Michel Godard (Tuba) und Ricardo Ribeiro sich in einem kräftemessenden Stelldichein versuchen in der Lautstärke und Dynamik zu überbieten. Beide unterstützen sich, bringen sich in höhere Dimensionen. Faszinierend wie Ricardo Ribeiro sich mit Michel Godard zwischen Gesang und Tuba gegenseitig aufputschen. Unglaublich, wie der Fadogesang der kräftigen Tuba standhalten kann. Im Hintergrund der zappelnde und springende Italiener am Akkordeon. Er tanzt die Musik in jeglicher Form. Der Amerikaner am Schlagzeug liefert zu Beginn eines Stückes ein begnadetes Solo auf dem arabischen Urinstrument der Rhythmusinterpretation. Zentrale Einheit, Dreh- und Angelpunkt ist an diesem Abend Rabi Abou-Khalil. Zwischenzeitlich der Gedanke auf einem arabischen Basar zu sein.

Und nun die Begrüßung und Vorstellung der Musiker, die wir Euch auf keinen Fall vorenthalten wollten:

O-Ton Rabih: "Dankeschön, unser erstes Stück heißt Já não dá como esta aus unserer CD Em Português - weil die muß weg. Die haben wir auch in weiser Voraussicht mitgebracht. Die ist auch käuflich zu erwerben. Doch ich würd gern zunächst die Musiker vorstellen.

Das hier ist ein Schlagzeug, man hört es an dem Wort. Das ist arabischen Ursprungs. Deswegen heißt es Schlagzeug. Auf arabisch heißt es Schlagzeug. Man wundert sich wie es dazu kommt, dass ein Amerikaner ein so traditionell arabisches Schlagzeug spielt. Es liegt daran das eigentlich seit dem Mittelalter der Amerikaner an sich schon sehr stark an der arabischen Kultur interessiert war. Die Amerikaner haben diverse Expeditionen in die Region gemacht auf der Suche nach kultureller Identität und musikalischer Inspiration. Die haben sie auch neuerdings auch im Irak gefunden. Wo sie auf der Suche nach musikalischer Inspiration sind. Und sie entdeckten dort den Country & Western Style das Stück "Stand by your man" [Khalil muss selber lachen]. Das ist ein irakisches Volkslied. Den Text hat dann Bach vertont in einer Odette etwas später mit dem Titel "steh mit einem Fuße im Grabe". Aber das ist eine andere Geschichte [Khalil muss wieder selber lachen]. Ein Gentlemen, der sich nicht dem Country & Western-Trend angeschlossen hat, das ist Jarrod Cagwin aus Iowa.

Hinter mir das ist eine Tuba. Die wird vorwiegend im alpenländischen Raum benutzt. Ich habe eine besondere Affinität zu der Gegend. Und ich habe auch natürlich versucht mit einem Bayern zu spielen. Einfach um auch die Originalität des Instruments beizubehalten. Aber der Bayer spielt nur in 3 "bu-ba-ba, bu-ba-ba, bum" [Khalil muss selber lachen, die ganze Band krümmt sich vor Lachen, das Publikum quietscht und jauchzt]. Und ich habe Stücke mit 5 und 10 und 19 und 23 und da kommt der gemeine Bayer nicht mit. Und ein zweites Problem war, dass sie, wenn sie die Tuba hören, gleich mit dem Weinen anfangen. Das rührt die bayrische Seele zutiefst. Sie fangen an zu tanzen, das nennt sich Schunkeln. Schunkeln, das ist eine Bewegung die im quantenphysikalischen Raum nach einer heisenbergschen Geschichte vorgeht. Man weiß dass sie sich bewegen, man sieht es nicht. Man spürt einen leichten Windhauch wenn man in der Nähe ist. Und dann habe ich versucht mit einem bayrischen Musiker zu spielen, und dann haben sie dann "bu-ba-ba, bu-ba-ba, bum" gespielt und geweint, und dann habe ich einen französischen Mathematiker gefunden, der bis 29 spielen kann – und zählen, das war nicht einfach, Und das ist Michel Godard aus Paris.

Und das ist ein Akkordeon, in der Musik eine Quetsche genannt oder auch Zieharmonika. Das hängt davon ab, ob die einen quetschen oder die anderen ziehen. Ich habe einen gefunden der beides kann. Es ist relativ einfach zu spielen, deswegen wird es meistens von Kindern oder Italienern gespielt. Es hat nämlich unterschiedlich gefärbte Tasten. Es sind schwarze Tasten und weiße Tasten. Und wenn man herausfindet, wie man die beiden miteinander kombiniert, - das ist ganz einfach, ich habe es in der Garderobe probiert. Am Akkordeon – Luciano Biondini.

Ich glaube wahrscheinlich das seltsamste an diesem Projekt ist, das man sich fragt wie es dazu kommt, das ein Libanese ausgerechnet portugiesische Gedichte vertont. Auf so eine blöde Idee wäre ich natürlich nie von alleine gekommen. Aber es war der Direktor des Nationaltheater in Porto, der nach einer langen Nacht, nachdem er 20 Flaschen intus hatte in eine tiefe Depression verfiel. Sein ganzer Hass konzentrierte sich auf sein Theater und er hat sich überlegt, wie kann ich dieses Scheißtheater in den Ruin treiben? Und da hat er sich überlegt, am Besten nehme ich einen Libanesen, der kein Wort portugiesisch spricht und gebe ihm mal ein paar portugiesische Gedichte zum Vertonen - und das wird sicherlich eine Katastrophe. Er hat mich angerufen und ich hatte gerade erst die 6te Flasche, aber ich war immerhin zu diesem Zeitpunk in einer Ja-Sager-Stimmung und habe natürlich "Ja" gesagt. Und er meinte: es wird wohl nicht so schwer sein. Und es war auch nicht so schwer. Ich habe dann festgestellt es kommen ständig 'Amore' und 'Morte' vor, und immer wenn 'Morte' kam, bin ich eine Oktave runtergegangen und bei 'Amore' dann eine Oktave nach oben. Alles andere habe ich dann dazwischen gesetzt. Es hat tatsächlich geklappt. Wir haben dann sehr viel geschrieben und ich konnte fast nicht mehr aufhören. Dann war nur noch das Problem einen Sänger zu finden, der das Ganze auch noch singen und auch bis 29 zählen kann. Ich bin dann nach Lissabon geflogen und habe dort dann einen Sänger nach dem anderen gehört. Die waren alle gleich. Aber einer war gleicher. Es war Ricardo Ribeiro aus Lissabon.

Text: sb | Fotos: bz