Einschlafen funktioniert nicht | 17. Dortmunder Jazztage

Dortmund, 29.11.2010 | Stefan Rusconi bittet alle im Saal mitzumachen – beim lauten Schreien. Der Pianist macht es kurz vor, setzt sich an den Konzertflügel, hämmert in die Tasten. Der Schlagzeuger drischt auf sein Set, der Kontrabass brummt gewaltig und dann brüllen alle los. Das Schweizer Trio "Rusconi" schert sich wenig um Konventionen. Der Schreimoment ist dabei "der" emotionale Ausraster des Abends. Aber von Emotionen geprägt ist die Musik von "Rusconi" eben. Aus Stücken der New Yorker Rockband Sonic Youth haben die drei Schweizer ihr aktuelles Programm zusammengestellt. Und greifen dabei die Energie der rockigen Vorlagen auf, um sie in ein modernes, energiegeladenes Jazzklangbild zu kanalisieren. Und das funktionierte bei den fünftägigen "17. Jazztagen Dortmund" im Jazzclub "domicil" hervorragend.

Das 1989 als "Dortmunder Jazzfrühling" begonnene, später unter "europhonics" firmierende Festival hat nach einer Kooperation mit Borussia Dortmund und deren Veranstaltung "Jazz im Stadion" im letzten Jahr nun dieses Mal die Kulturhauptstadt RUHR.2010 als Partner mit im Boot. Und so war der Festivalauftakt am Donnerstag auch einem Kulturhauptstadtprojekt vorbehalten (ruhrjazz.net berichtete).

Unter den internationalen Festivalgästen bestach vor allem auch das "Portico Quartet" aus London, das geprägt ist durch den Klang des Schweizer Schlaginstruments Hang, das an eine Steel-Drum erinnert. Die vier Briten brillierten vor allem als Gruppe, die gemeinsam beinahe hypnotische Klangbilder zu schaffen versteht, die sich geschickt Kategorisierungen verweigern. Der Vierer kreiert vielmehr emotionale, musikalische Reisen zum Hören mit geschlossenen Augen – ohne die Gefahr, dabei einzuschlafen.

Einschlafen funktioniert auch bei Jeff Lorber und bei Marcos Valle schlecht. Wo der amerikanische Keyboarder mit seiner nach ihm benannten Band mit dem Zusatz "Fusion" genau die spielte, also eine ziemlich funkige, von Rock und Jazz geprägte Musik, mit dem einzigartigen Groove-Bass von Victor Bailey und den heißlaufenden Saxofonsoli von Eric Marienthal, verwöhnten der Brasilianer Marcos Valle und seine Band mit Samba und Bossa Nova jenseits von Klischees.

Natürlich ist Jeff Lorbers Fusion nach altbekanntem Strickmuster gemacht, aber eben gnadenlos gut gespielt. Und natürlich bringt Marcos Valle in Dortmund seinen großen Hit aus den 1960ern, "Summer Samba". Aber eben auch viele Stücke seines neuen Albums "Estática", das eindrucksvoll zeigt, wie zeitgemäß sich Samba und Bossa interpretieren lassen.

Text & Fotos: cg