TARPAN SEASONS IIM S-KULTURFORUM DER STADTSPARKASSE DÜSSELDORF

Dynamisch-Euphorische Entschleunigung: Solveig Slettahjell

Düsseldorf, 8.10.2010 | In der Ruhe liegt die Kraft. Ein nüchtern wirkender Saal. 4er Tische wirken ein wenig verloren. Mit Teelicht in der Mitte. Ein Hauch von Altersheimkantine am Sonntagnachmittag. Dann kommt Solveig Slettahjell mit ihren Männern auf den Plan. Betreten die Bühne. Kurze Begrüßung auf Deutsch, dann "We will play mostly pieces from our album "Tarpan Seasons" and some others." Das nüchtern pragmatische Ambiente gerät in Vergessenheit, als sich die Stimme erhebt.

"Tarpan" ist eine ausgestorbene Rasse eurasischer Wildpferde. Passender Vergleich zur ungestümen Vielfalt der dargebotenen Stücke. Einerseits erdverbunden und dann auch luftig stürmisch bringen sich alle anderen mit Ihren Instrumenten ein. In dieser Konstellation gibt heute Erik Nylander sein Debut. Ein aktivitätenhungriger Schlagzeuger aus der norwegischen Jazz-Szene. So spielte er bereits mit dem Ola Kvernberg Trio und Kobert. Gerade sein Solo, welches im Jazzvergleich fad und unspektakulär wirken könnte, ist von großem Temperament und Einfühlungsvermögen geprägt – so kann eine Herde eurasischer Wildpferde klingen.

Das von dieser ausgezeichneten Combo dargebotene Spektrum ist so facettenreich. Die Ruhe wird in den Raum und an die Zuhörer übertragen. Man hört fast das flackernde Teelicht auf den Tischen. Dann wieder wird man mitgerissen in einen fast trashig-heavy-metall anmutenden Ausreißer. Dieser kommt wieder anmutig und melodisch zurück zum Ursprung.

Bemerkenswert, Jo Berger Myhre am Bass. Satt, tiefe und ehrliche Klänge unterstreichen und begleiten einmal Sjur Miljeteig an der Trompete. Dann wiederum spielt er mit Even Hermansen an der Gitarre um die Wette. Oder duelliert sich mit der singenden Solveig Slettajhell am Klavier. Eine Symbiose, die stärker nicht sein kann, wenn diese bemerkenswert spektrale Dame des vielfältigen Gesangs auch noch Klavier spielt. Sonntags, Altersheim vergessen. Es fehlt nun der Zigarrenqualm und Whiskeyduft einer rauchigen Jazzkellerkneipe. Man glaubt im Gewölbe zu sitzen. Zum Abschluss "Danke Sie sind süß" und dann "thank you for being quite". Sie gibt noch ein Stück Zugabe von Tom Waits, "es gibt nichts schöneres als Lieder von Tom Waits – mit Ausnahme der Gutenachtlieder für meinen kleinen Sohn". Nach Dauerapplaus kommt die gesamte Combo noch einmal auf die Bühne. Erneut ein Gutenachtlied "Morning" wird gespielt. Spontan und gut gelaunt sagt die Sängerin: "Der Trompeter hatte sich schon umgezogen; ich weiß nicht, ob er es noch mal in den Anzug schafft, aber er ist hier oben auf der Bühne jederzeit willkommen". So kommt er dann auch wenig später dazu. Es war ein Exkurs und eine kleine Ferienreise. In das eurasische Norwegen.

Die aktuelle CD ist hörenswert. Besser ist es dennoch live.

Text: sb, Fotos: sb,cg


CD-Tipp


Emarcy Records (Universal)
ASIN: B002WONNDI