"grenzenlos" "frei" | Weltmusikfestival Murnau 2010

Murnau, 26.10.2010 | Eine Klammer muss seine Veranstaltung haben. In jedem Jahr überlegt sich Thomas Köthe ein übergreifendes Thema für sein kleines, aber feines Weltmusikfestival "grenzenlos". Jetzt, bei der elften Ausgabe, lautete die Überschrift über die vier Konzertabende "frei". Und "frei" bedeutet hier Freiheit. Freie Gedanken, freie Ausdrucksmöglichkeiten, freie Wahl, wo man leben und was man sagen möchte. Schon der Auftaktabend mit Musik des 1963 verstorbenen Münchner Komponisten Karl Amadeus Hartmann passte hervorragend unter dieses Motto, war Hartmann doch jemand, der in seiner Kunst klar Stellung gegen das NS-Regime bezogen hat und sich während des Krieges eben nicht frei fühlte, sich in die innere Emigration zurückzog und seine Werke nicht mehr in Deutschland spielen ließ. Seine Partituren wurden übrigens im Kirchengarten in Murnau vergraben und haben so überlebt. Aufwühlend und bewegend, wie das Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie unter der Leitung von Andreas Hérm Baumgartner Hartmanns "Symphonie Nr. 4" aufführte. Auch Manuel Barrueco war in seiner Heimat Kuba nicht frei und emigrierte als Jugendlicher mit seiner Familie als politischer Flüchtling in die USA. Längst genießt der Gitarrist Weltruhm. In Murnau bezauberte der elegante Kubaner mit einem bunten Programm und verzauberte vor allem auch mit Astor Piazzollas für Gitarre geschriebenen "Cinco Piezas".

Für einen echten Höhepunkt, wenn nicht das Festival-Highlight überhaupt, sorgte das "Trio Rouge". Sängerin Lucilla Galeazzi, der mit betörenden Sounds aufwartende Cellist Vincent Courtois und der so leichtfüßig und virtuos auf der Tuba spielende und mit ihr tänzelnde Michel Godard, der gelegentlich auch zum Renaissance-Instrument Serpent und zum E-Bass griff, widmeten sich Liedern des italienischen Widerstands. Stücke wie "Gorizia", ein traditioneller Song aus dem Ersten Weltkrieg, oder "Bella Ciao", eine Hymne der italienischen Partisanen aus dem Zweiten Weltkrieg, bildeten den Rahmen für fantastische Vermischungen italienischer Folklore mit gewitzten und ideenreichen Improvisationen, für die natürlich vor allem die beiden Instrumentalisten sorgten, während Lucilla Galeazzi mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrer starken, energiegeladenen Stimme der leuchtende Stern inmitten der beiden Herren auf der Bühne war. Das Publikum im Murnauer Kultur- und Tagungszentrum tobte, erklatschte sich reihenweise Zugaben von dieser herrlich erfrischenden, mediterran-avantgardistischen Musik.

Dass "Oregon" am Abschlussabend des diesjährigen Festival aufspielten, passte gut ins Bild. Haben sich Gitarrist und Pianist Ralph Towner und Bassist Glen Moore doch schon zu Woodstock-Zeiten zusammengetan, um einige Jahre später mit dem Holzbläser Paul McCandless und seit Mitte der 90er Jahre mit dem Perkussionisten Mark Walker eine Band zu schaffen, die musikalische Freiheit immer groß schrieb. Folk, Jazz, Klassik, Rock oder Symphonisches – Oregon ging es immer um ein gesamtmusikalisches Kunstwerk. Und den Amerikanern zuzuhören, wie sie in der alten Jim Pepper-Nummer "Witchi-Tai-To" und in eigenen Klassikern wie den packenden "The Glide" und "Ecotopia" oder dem poetischen "Green and Golden" schwelgten oder Songs aus dem nagelneuen Album "In Stride" spielten, mit noch immer ungeheurer Spiellust und Improvisationswitz, das machte einfach Spaß. Und war ein schöner Schlusspunkt in Murnau, einem kleinen Ort im Vorland der Bayerischen Alpen, der nicht nur, aber auch wegen "grenzenlos" absolut einen Besuch wert ist.

Text & Fotos: cg