Ein Schweizer Uhrwerk aus Österreich | Martin Grubinger

Bonn, 25.9.2010 | Analoges rundum Klangerlebnis, faszinierend präzise Unruhe. In der Vorstellung beschreibt Martin Grubinger "Xenakis" als den Schutzheiligen der Schlagzeuger. Weiter führt er das gespannte Publikum in das Programm ein und stellt den Künstler vor. "Xenakis hat meistens extreme Vorstellungen…. Und diese wollen wir gerne umsetzen." Halten Sie durch, ist schon zu Anfang der Appell. Und ganz besonders danke ich Ilona Schmiel, die an uns geglaubt hat, als uns noch keiner hören wollte, deswegen fühlen wir uns beim Beethoven-Festival zu Hause.

Und dann die Einladung, sich auf das Ungewisse einzulassen: "Wenn Sie die ganze Dosis in voller Leidenschaft und Emotion erleben wollen, halten Sie durch." Der griechische Komponist Iannis Xenakis studierte Architektur und Komposition. Seine Werke sind von bedeutender Komplexizität und Dynamik, die seinesgleichen suchen.

Durch die Einführung von Martin Grubinger spürt man im Publikum die sehnsüchtige Neugierde. Grubinger & friends beginnen mit dem Werk Okho (für 3 Schlagzeuger). Diesem von Xenakis zum 200.Jahrestag der französischen Revolution komponierte Werk integrieren Martin Grubinger jun., Leonhard Schmidinger und Rainer Furthner Klangzellen und wechselnde rhythmische Figuren. Nach und nach überlagern sie sich in Kontrasten. Diese Pulsationen werden dann in kanonischer Methode durch asynchrone Tempi so verändert, dass melodische Effekte zu hören sind. Die Beethovenhalle schwingt und summt. Sie tickert und tackert. Uhrstimmung.

Für das zweite Stück vor der Pause, Persephasse (für 6 Schlagzeuger), sind die Stationen im Saal sechseckig angeordnet. Nun kommen Sabine Pyrker, Rizumu Sugishita und Slavik Stakhov mit ins Spiel. Einzigartig sind die von Xenakis eigens für diese Komposition erfundenen Instrumente. Raffiniert wechseln Motive, werden gesplittet und wieder zusammengeführt. In unendlich wirkender Vielfalt beschleunigen Grubinger & friends, sie bremsen ab, fallen scheinbar auseinander, es ist wie im Karusell. Hier bewahrheitet sich der anfangs gemachte Appell von Grubinger, "Wenn es zu laut wird, halten Sie sich einfach die Ohren zu". Teils schrill, teils mit ungeheurer Wucht bebt die Beethovenhalle, percussioniert in Schwingung gesetzt. Selbst in der Pause scheint das musikalische Dynamit noch in der Luft zu schweben. Bei Pléïades (Ballett für 6 Schlagzeuger) nach der Pause, ist es im wahrsten Sinne ein Ballett. Die Instrumente werden gewechselt, die Schläge und Bewegungen folgen einer Choreographie, filigran, meisterlich und ungeheuer dynamisch. Auch hier wird der Bezug und das Interesse von Xenakis zur Architektur deutlich. "So, hab ich mir vorgestellt, klingt Bauhaus", sagt eine Zuhörerin im Anschluss. Martin Grubinger junior dankt schmunzelnd und freudestrahlend dem Publikum. Verschmitzt sagt er "Sie hatten gerade anstrengende 2 Stunden."

Einfach gut und doppelt süß. Ein Bonbon zum fulminanten Abend ist die Combo, die sich in der General-Anzeiger Lounge dem Publikum gegenüber verabschiedet. Stücke von Michel Camilo, Astor Piazolla, Josef Burchartz und Daniel Schöckenfuchs werden in privat, fast intimer Atmosphäre gespielt. Zu Grubinger jun. gesellen sich nun die internationalen Freunde Ismael Barrios (Percussion), Per Rundberg (Klavier), Joseph Burchartz (Trompete), Schwester Sarah Grubinger (Violine) und Vater Martin Grubinger Sen. (Schlagzeug). Mit Ausnahme von Heiko Jung (Bass) sind alle inzwischen in Österreich gelandet. Ein gelungenes Finale, ein ganz anderes Erlebnis.

Text & Fotos: sven breidenbach