Vollendete Harmonie | Anouar Brahem bei der Ruhrtriennale

Duisburg, 16.9.2010 | | Dieses Konzert gehört sicherlich zu den Highlights des Jazzjahres 2010. Der aus Tunesien stammende Oud-Virtuose Anouar Brahem spielte mit seinem Quartett im Rahmen der diesjährigen Ruhrtriennale am 15. und 16. September in der Gebläsehalle. Ein Highlight war es nicht nur, weil es die beiden einzigen Konzerte in Deutschland waren, sondern weil an diesem Abend einfach alles stimmte. Ein begeistertes Publikum, ein hervorragend in Szene gesetzter Spielort und ein mit unglaublicher Präzision und Virtuosität spielendes Quartett.

Mit lang anhaltendem Applaus und zwei Zugaben gutierten die gut 800 Zuschauer das Konzert. Die Gebläsehalle bot dafür den perfekten Rahmen. Einem orientalischen Gemäuer gleich wirkten die groben Wände mit ihren angedeuteten Rundbogenfenstern und einer scheinbar ins Nichts führenden Treppe. Gekonnt sparsam ausgeleuchtet, versetzte sie sicherlich nicht nur das Publikum in die passende Stimmung für die völlig unaufgeregt vorgetragene Musik, in der sich so viele Musikstile harmonisch perfekt ineinander verwoben, das die Zuhörer nur noch staunen konnten. Globalisierte Kultur in höchster Vollendung bei der der einer Laute ähnliche Klang der Oud eine tragende Rolle spielte.

Anouar Brahem, Schüler des Oud-Meisters Ali Sriti, ist im Laufe seines Lebens tief in die Geheimnisse klassischer arabischer Musik eingedrungen. Die traditionelle Musik seiner Heimat aber vor allem seine Offenheit gegenüber neuen Ausdrucksformen gehen dabei eine Konstellation ein, wie man sie in diesem Kulturraum nur selten antrifft. Ganz gleichgültig, ob er mit Musikern aus Indien oder mit Stars der internationalen Jazzwelt wie Jan Garbarek zusammenspielt, nie erweckt die Fusion der Stile den Eindruck, als wäre sie erzwungen.

Begleitet wurde Brahem in der Gebläsehalle vom Düsseldorfer Bassklarinettisten Klaus Gesing dem Schweden Björn Meyer (Bass) und dem Perkussionisten Khaled Yassine. Vor allem Klaus Gesing brillierte mit seinem ungeheur gefühlvollen und technisch exzellenten Spiel. Selten kann man erleben, dass Musiker in einer derart vollkommenen Weise zusammen spielen und miterleben wie über die gesamte Strecke des Konzerts eine vollendete Harmonie herrschte.

أنــور ابـراهــيــم

Das Quartett spielte auch das aktuelle, von Manfred Eicher für das Label ECM Records produzierte Album The Astounding Eyes of Rita ein. Der ungewöhnliche Titel nimmt Bezug auf den Schriftsteller Mahmoud Darwish. Zu Lebzeiten wurden seine Lesungen mitunter von tausenden Zuschauern besucht. Als Darwish im Jahr 2008 verstarb, wurde er in Palästina mit einer dreitägigen Staatstrauer geehrt.

Text & Fotos: bz















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