Sagenhafte 20 Tage | Reykjavik Jazz Festival

Reykjavik, 28.8.2010 | Schon verrückt, wie der Jazz auf Island funktioniert. Da schlitterte die Vulkaninsel mitten im Nordatlantik im letzten Jahr dank der Finanzkrise in ihre wohl schwerste Krise und Pétur Grétarsson dehnte pünktlich zum 20-Jährigen Jubiläum sein "Reykjavik Jazz Festival" auf sagenhafte 20 Tage aus. Und diese Maßnahme wurde zum Erfolg. Das Festival wurde und wird besser wahrgenommen, die einheimischen Musiker haben viel mehr Möglichkeiten zu spielen. Das war auch in diesem Jahr bei der 21. Festivalausgabe so. Der Saxofonist Óskar Gudjónsson, der junge Schlagzeuger Magnús Trygvason Eliassen oder der Meister der funkigen Klänge, Posaunist Samúel Jón Samúelsson, waren mehr als viel beschäftigt während der 16 Tage voller Musik. Und noch etwas hat der emsige und hoch engagierte Festivalmacher verändert. Die Spielorte sind kleiner geworden. Vieles spielt sich in Bars und Cafés in Downtown Reykjavik ab. So kann Pétur Grétarsson rein künstlerisch das Programm zusammenstellen und muss keine Kompromisse eingehen, um große Säle vollzubekommen.

Die isländische Jazzszene stand beim Festival einmal mehr im Fokus. Und das nicht nur aus finanziellen Gründen, denn große Namen des internationalen Jazz einladen, dafür reicht das Budget nicht. Und das, obwohl es in diesem Jahr erhöht wurde. Überall wurden Gelder zusammengestrichen, doch der Jazz bekam eine finanzielle Aufstockung. Es ist nämlich etwas passiert in Island. Das Volk, total unzufrieden mit der Politik, hat bei der Regionalwahl im Frühjahr kurzerhand eine neue Partei, die sich ganz unbescheiden "Beste Partei" nennt, ins Amt gehoben. Und die regiert nun in Reykjavik mit dem neuen Bürgermeister Jón Gnarr, eigentlich der populärste Comedian des Landes, an der Spitze. Für die Kultur verantwortlich in der Partei ist Einar Örn Benediktsson, einst Sänger und Trompeter bei den Sugarcubes, der Band, mit der Björk ihre ersten Erfolge hatte. Benediktsson sieht die bisherige Verteilung von öffentlichen Geldern sehr kritisch und änderte gleich was daran. Profitiert hat von dem neuen, frischen politischen Wind in der Inselhauptstadt der nun gestiegene Etat von Pétur Grétarsson. Der holt auswärtige Künstler am liebsten aus ihrer "Komfortzone" heraus, wie er es ganz passend nennt, um sie zu Projekten und Kooperationen mit den Insel-Jazzern anzuregen. So wie beim Spanier Perico Sambeat, der bei seinem leider nicht gehörten Auftritt auf ein einheimisches Trio um den ebenfalls in den Tagen des Festivals sehr aktiven Pianisten Agnar Már Magnússon traf.

Aber die junge isländische Szene hat schon für sich alleine Spannendes zu bieten, das zeigte das "Reykjavik Jazz Festival" einmal mehr. Der Trompeter Ari Bragi Kárason und der Gitarrist Daníel Fridrik Bödvarsson bilden ein intimes Duo, das mit gefühl- und geschmackvollern Kammerjazz aufwartete und mit Streicherquartett und Perkussionist sogar noch weitere Klangfarben gekonnt hinzufügte, auch wenn diese Musik Zusätze gar nicht nötig hat. Das K-Trio, Gewinner des Young Nordic Jazz Comets 2008, mit dem Pianisten Kristján Martinsson und einmal mehr dem Schlagzeuger Magnús Trygvason Eliassen, ist ein fantasievolles, rhythmisch spannendes Klaviertrio voller Persönlichkeit. Und die Band ADHD, wieder mit Eliassen, Tastenmann Davíd Pór Jónsson und den Gudjónsson-Brüdern an Saxofon und Gitarre spielte leider außerhalb des eigenen Besuchs beim Festival, macht aber schon auf dem eigenen, titellosen Tonträger Spaß mit ihrer leicht düster-melancholischen Verträumtheit, die prima als Film Score dienen könnte. Und es gibt noch mehr. Die Band Reginfirra etwa. Oder das Trio des Pianisten Ástvaldur Zenki Traustason. Der ist bekennender Zen-Buddhist und spielte beim Festival sein Programm "Hymnasýn", basierend auf Hymnen aus mehreren Jahrhunderten. Eine leise, ruhige, sehr ästhetische Musik. Dagegen ist die voller spürbarer, ansteckender Spielfreude aufspielende Samúel Jón Samúelsson Big Band auf Island inzwischen ein echter Garant für volle Säle und ausgelassene Stimmung.

Damit noch mehr Leute von der Jazzszene Islands und auch von seinem Event erfahren, bot Pétur Grétarsson während der Festivals zwei Internet-Livestreams an. Viele Festivalkünstler, auch etablierte wie Hilmar Jensson oder Sigurdur Flosason, trafen sich in einem Aufnahmestudio am Rande des Stadtzentrums von Reykjavik und spielten live kurze Showcases. Das soll den Appetit anregen auf das Festival. Und das tut es, denn das musikalische Menüangebot des Pétur Grétarsson ist gut und vielfältig. Text & Fotos: cg

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