Canal Street 2010 in Arendal - Eine Stadt lebt den Jazz

Arendal, 1.8.2010 | Die blauen T-Shirts mit der großen, weißen Aufschrift „Frivillig“ sind im Stadtbild kaum zu übersehen. Überall sieht man Menschen in diesem T-Shirt. Sie werden getragen von den gut 500 freiwilligen Helfern beim alljährlichen „Canal Street“ – Festival in Arendal, im Süden Norwegens. Und selbst in der örtlichen Bank trägt der Mitarbeiter in den sechs langen Tagen des Festivals nicht etwa Hemd mit Krawatte, sondern ein schwarzes Shirt, das ihn und seine Bank als Festival-Partner ausweist. Eine ganze Stadt lebt den Jazz in Arendal. Und in der ganzen Stadt und fast immer unter freiem Himmel findet das Festival auch statt. Selbst der Friedhof ist Spielstätte. Viele pilgern dorthin, um fast zwischen Grabsteinen die samische Sängerin Mari Boine und ihre Band zu hören. Mit ihrer packenden folkjazzigen Mischung bringt sie Teile des Publikums am Ende ihres Konzertes sogar zum Tanzen. Auf dem Friedhof! Gewöhnungsbedürftig.

    Viel Gutes gab bei der 14.Ausgabe von „Canal Street“ zu hören. Etwa das Quartett von Bassist Mats Eilertsen, der mit seinem wunderbaren Album „Radio Yonder“ Anfang des Jahres auf sich aufmerksam machte. Mit Tore Brunborg am Saxofon und zwei Finnen an Tasten und Schlagzeug verzauberte Eilertsen im Bakgården, einem intimen Innenhof eines alten Holzhauses, dem wohl schönsten und atmosphärischsten Spielort des Festivals, mit seinen selbstgeschriebenen Songs, geprägt von starken Melodien und Sinn für lyrische Momente. Und wie selenvoll er und die Band in der Zugabe das Thema des A-ha-Klassikers „Hunting High and Low“ in ihren Klangkosmos einbauten, das war große Kunst. Ebenfalls im Bakgården trat die junge Sängerin Synne Sanden auf. Und sorgte für den euphorischsten Applaus des ganzen Festivals. Vor zwei Jahren sang die damals erst 18-Jährige aus Treungen, Telemark auf einem kleinen, für die Presse organisierten Bootstrip zu Gitarrenklängen von Festivalleiter Mats Aronsen. Schon damals war zu hören: da ist Talent. Im letzten Jahr gewann die mittlerweile 20-Jährige einen Talentwettbewerb in Arendal, der ihr den diesjährigen Auftritt bescherte. Mit ihrer jungen Band, bei einigen Stücken ergänzt durch den Trompeter Mathias Eick, verblüffte Synne Sanden mit ihren sehr guten eigenen Kompositionen. Zwischen nachdenklicher Singer/Songwriterin und emotional ausbrechender, eindringlicher Stimme wusste die Norwegerin in vielen Momenten zu gefallen. Niemand Geringeres als Bugge Wesseltoft wird demnächst ihr erstes Album produzieren. Mit Chili Vanilla betreibt Synne Sanden übrigens noch ein ausgefallenes Trio – mit Tuba und Schlagzeug.   

    Auf der großen Hauptbühne direkt vor dem Rathaus ist das Programm bunt gemischt. Da improvisieren Bassist Miroslav Vitous, Gitarrist Terje Rypdal und Drummer Gerald Cleaver munter und meist sehr inspiriert miteinander, spielt die in diesem Sommer in Europa ziemlich aktive Esperanza Spalding mit ihrer Band, unterhält die Norwegerin Hilde Louise Asbjørnsen mit ihrem Kabarett-Jazz ganz nett oder bemüht sich die Amerikanerin Melody Gardot, trotz gewollter Unterkühltheit an einem regnerischen Abend die Herzen der Zuhörer zu erwärmen. Mit Popgrößen wie dem Norweger Thom Hell, der großartigen  Norwegerin Ingrid Olava oder der Schwedin Veronica Maggio lockt man allabendlich viel Publikum zur Hauptbühne und wird so zu einem der größten Festivals in Norwegen.  

    Zum Schluss dann noch ein echter Höhepunkt. Die Auftragskomposition beendete das Festival in der Dreifaltigkeitskirche, mitten im Stadtzentrum. Bislang hätten immer echte „Kanonen“, wie Festivalleiter Mats Aronsen es formulierte, diese Auftragskomposition erhalten. Klangvolle Namen des norwegischen Jazz wie Bugge Wesseltoft, Nils Petter Molvær oder Tord Gustavsen. Dieses Jahr schenkte Aronsen der Saxofonistin Frøy Aagre das Vertrauen und die bedankte sich dafür mit ihrem extra für die Kirche komponierten Programm „Melodic Traveller“. Das hatte sie gut zur Hälfte im Juni in Berlin komponiert. Eine Woche weilte Froy Aagre in der bundesdeutschen Hauptstadt. Eine Woche, die offensichtlich voller Inspiration war. Mit ihrer festen Band, erweitert um den Fiddle-Spieler Nils Økland, schuf Frøy Aagre intime Atmosphären, brillierte mit wunderschönen Melodien und mitunter hymnischem Spiel auf dem Sopransaxofon im Verbund mit der Hardanger Fiddle, sanft pulsierend nach vorne transportiert von der Rhythmusgruppe, die aber weit mehr lieferte als nur unterstützende Zuarbeit. „Melodic Traveller“ hat absolut das Zeug zu einem ständigen Konzeptprogramm für Frøy Aagre, die sich das selbst auch gut vorstellen kann. Wie reizvoll das Zusammenspiel von Hardanger Fiddle und Saxofon, wie beseelt die Melodien der Stücke, wie ausgefeilt die Kompositionen. Ein purer, ästhetischer Musikgenuss und ein wunderbares finales Statement eines erlebenswerten Festivals, das in diesem Jahr nur zuviel Regen abbekam. Aber der Norweger ist hart im Nehmen und der internationale Gast muss da durch. Text: cg; Fotos: links oben: Espen Mork Dahl/Canal Street | links unten: Jarle Jørgensen/Canal Street | rechts: Melinda Ballard/Canal Street | Mitte: Jan Espen Thorvildsen/ Canal Street.

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