moers festival 2010

Moers, 25.5.2010 | „Awesome“ entfuhr es Bill Frisell ganz spontan auf der Bühne. Gemeint war mit diesem Ausdruck der Freude sein Duopartner Arve Henriksen. Und wenn Bill Frisell, der so schweigsame, immer superschüchtern wirkende Gitarrist sich mitten in einem Konzert zu so einem Gefühlsausbruch hinreißen lässt, dann bedeutet das schon was.

  Der norwegische Trompeter und der US-Amerikaner in gemeinsamen, instrumentalen Plaudereien – es war der Wunsch von Arve Henriksen. Vor vier Jahren war er Artist in Residence in Moers und damals gefragt, wem er denn bei freier Wahl eine Wildcard geben würde, fiel sofort der Name Bill Frisell.

  Jetzt war es endlich so weit und das Experiment, ohne vorher jemals zusammen gespielt und geprobt zu haben, gemeinsam auf eine Bühne zu gehen, funktionierte bestens. Henriksen blieb dabei Henriksen und Frisell blieb Frisell. Und doch fanden sich erstaunliche Schnittpunkte zwischen den ätherischen, oft verträumten, mit gesampelten Einspielungen geschickt angereicherten Trompetenklängen und den so wunderbar nach der Weite des amerikanischen Westens duftenden Gitarrenlinien.

  Zwei Meisterimprovisatoren entdeckten in Moers eine gemeinsame Sprache – ein Höhepunkt des viertägigen Jazzspektakels am Niederrhein, das einmal mehr viele Kontraste innerhalb der Klammer Jazz präsentierte.

  Das Festival begann zunächst mit einigen Misstönen. Denn die genaue Zukunft der weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannten Veranstaltung steht noch nicht genau fest. Auch die von Festivalleiter Reiner Michalke, erst 2006 angetreten, nicht. Sein Vertrag läuft erst einmal nach dieser Ausgabe aus. Der Aufsichtsrat der veranstaltenden Moers Kultur GmbH möchte das Festival auf drei Tage verkürzen. Die vielen Zehntausend Camper rund ums Festivalzelt im Moerser Schlosspark sollen ab nächstem Jahr fürs bisher kostenlose Campen bezahlen. Und es gibt sogar Gedanken, das Festival wieder wie einst zu Beginn in den Schlosshof des Moerser Schlosses zu verlegen. Die Argumente für das Festival aber sind gut: In diesem Jahr kamen mit 13.500 zahlenden Gästen so viel wie noch nie in der Ära Michalke.  

  Ohnehin taten diese Störfeuer im Umfeld der Stimmung beim diesjährigen „moers festival“ keinen Abbruch. Das Publikum im Zelt umjubelte die Künstler, von denen einige echte Zückerchen boten. Etwa der norwegische Gitarrist Terje Rypdal, der zusammen mit dem dänischen Trompeter Palle Mikkelborg und der allerdings ein wenig unterbeschäftigten Bergen Big Band in seinem Konzept-Programm „Crime Scene“ mit kraftvollem, frei fließendem Jazzrock die Musik zu einem imaginären Krimi schuf.

  Nach 25 Jahren Moers-Abstinenz schaute auch Arto Lindsay mal wieder am Niederrhein vorbei. Und der Mann versteht es noch immer, ganz gewitzt brasilianische Musik mit modernem elektrischem Jazz und Improvisationen zusammenzubringen. Der Wuppertaler Saxofonist Peter Brötzmann und sein „Chicago Tentet“ bliesen allen im Zelt die Ohren frei mit ihrem noch immer kompromisslosen, aber zugleich sehr differenzierten Power-Free Jazz. Live packt einen unweigerlich die Kraft und Energie dieser Musik.

  Packend auch, was die amerikanische Wuchtbrumme Toshi Reagon mit ihrer Band „BIGLovely“ abzog. Die androgyne Sängerin und Gitarristin aus Brooklyn und ihr urbaner Rhythm´n´ Blues machten einfach nur Spaß. Das galt übrigens auch für die derzeit sehr angesagte Miss Platnum, deren Balkan-Soul-HipHop-Mix nach gut einer Stunde allerdings keine neuen Facetten mehr lieferte. Aber als Partyband gebucht, erfüllte die Berliner Sängerin mit rumänischen Wurzeln ihre Aufgabe, das unbestuhlte Zelt am späten Abend zur heißen Tanzfläche zu verwandeln.

  Wie der Jazz in Moers im nächsten Jahr tanzen wird – diese spannende Frage wird am Niederrhein demnächst zu beantworten sein. Text: cg, Fotos: cg | bz