Dortmund, 26.4.10 | „JazzToday“ heißt die Reihe und beide Protagonisten des Abends leben voll und ganz im Jetzt, spielen ihre ganz eigene Musik und lieferten im Dortmunder Konzerthaus eine Sternstunde dessen, was Jazz von heute alles sein kann.

Im Falle von Dieter Ilg eine Ausdrucksform, ein Werk zu interpretieren, das ihn schon zu Studentenzeiten bewegt hat: Verdis „Otello“. So unbefangen wie Ilg schon deutsche alte Volkslieder in Jazz verwandelt hat, so geht er auch mit dieser Oper um.

Das Überführen von Grundmelodien in ein stimmiges, offenes Improvisationskonzept ist dem Freiburger Bassisten, dem Pianisten Rainer Böhm und dem Schlagzeuger Patrice Héral vortrefflich gelungen. Die drei bringen Verdis Musik sogar zum lässigen Grooven und ein eingestreuter Rap von Patrice Héral verlegt das Geschehen plötzlich vom Konzertsaal in einen hippen Club. Mit wunderbar warmen Basstönen steuert Dieter Ilg die Musik, lässt ihr und seinen beiden Partnern aber volle Entfaltungsmöglichkeiten. So kann die Musik aufgefächert und Blue Notes eingestreut werden, bis wieder die bekannte Melodie durchscheint.

Fantastisch! Und das zweite Ensemble des Abends griff den Faden innovativer Musik auf. Tord Gustavsen, jahrelanger Pianist in der Band von Silje Nergaard, hatte zwar die Sängerin Kristin Asbjörnsen seines vorzüglichen neuen Albums „Restored, Returned“ daheim gelassen, zog im Quartett aber den Zuhörer sofort mit den ersten zarten Klängen in den Bann. Wunderbar weich fließende Rhythmen prägen die sensiblen, sich ganz langsam entfaltenden Stücke des Norwegers. Und mit Bassist Mats Eilertsen, Drummer Jarle Vespestad und Saxofonist Tore Brunborg  wusste der Pianist drei echte Klang-Ästheten um sich. Brunborg bläst wehmütig, dabei sehr eindringlich und das Schlagzeug wird von Jarle Vespestad  mehr gestreichelt als geschlagen. Meditativ, in sich versunken, gespeist aus skandinavischer Folklore, aber auch zwischendurch forscher mit Jazz oder ein wenig Blues – mit dieser Mixtur verzauberte Tord Gustavsen wie zuvor Dieter Ilg mit seinem Otello. Ein mehr als hörenswerter Doppelpack-Abend im Konzerthaus! Text & Fotos: cg


CD-Tipps:

Tord Gustavsen Ensemble „Restored, Returned“ (ECM/Universal)

Dieter Ilg „Otello“ (FullFat/edel kultur)