Dortmund, 16.4.10 | Wenn er gut drauf sei und das Publikum großartig, dann werde er wohl deutlich länger spielen als im Programm angegeben, erzählt der Promoter vor dem Konzert. Am Ende stand die Uhr auf dreißig Minuten vor Mitternacht.

Nigel Kennedy war bestens drauf und das ausverkaufte Dortmunder Konzerthaus ganz nach seinem Geschmack. Mit Duke Ellington ging es los. „Bach meets Ellington“ heißt das Programm des exzentrischen Briten, aber es ist weder ein Jazz- noch ein Klassikabend, den das Publikum zu hören bekommt. Es ist irgendetwas dazwischen. Und das schon beim Blick aufs Podium. Denn Nigel Kennedy, der in Dortmund überhaupt kein Problem damit hat, zwischendurch mal mit einer Tasse in der Hand zu dirigieren oder deftige Witze zum Besten zu geben, hat sein um den exzellenten Vibrafonisten und Marimbaspieler Orphy Robinson und den Gitarristen Doug Boyle erweitertes Jazzquintett mitten in dem überwiegend aus polnischen Musikern zusammengestellten „Orchestra Of Life“ platziert.

  Schon so macht er visuell klar, welch Grenzgänger und Grenzüberwinder er doch ist. Da kommt die Melodie von Ellingtons „Mood Indigo“ so zart und leise daher, dass man sich fast darin einkuscheln möchte, bevor Mr. Kennedy danach seine oft viel zu laut eingestellte E-Geige elektrisch verzerrt richtig rockig aufschreien lässt.

  Kennedy reproduziert eben nicht, er beleuchtet Musik gerne neu und lässt den großen Duke Ellington in den vielfältigsten Farben schimmern, um mittendrin munter zu improvisieren. So ähnlich geht er auch bei Bach vor. Auch wenn er dessen zweistimmige Inventionen zusammen mit der jungen Solo-Cellistin des Orchesters fast feinsinnig spielt.

  Der Brite mit der Punkfrisur, der ein wenig zu kurzen Cargohose und dem eigenwilligen Jackett mit abgerissenem Ärmel ist eben nicht nur optisch ein ziemlich bunter Vogel. Einer, der sein Orchester fordert, es herausfordert. Wenn er etwa urplötzlich ein anderes Stück als geplant spielen möchte, eine Extranummer. „We give you some more, you´re lovely people“ – das Dortmunder Publikum gefällt ihm, und da gibt es eben auch schon mal einen ungeplanten Zuschlag. Aber auch wenn Kennedy sich in rasante Steigerungen in Bachs Violinenkonzerten begibt, muss das Orchester ihm folgen. Und tut das mit Bravour.

  Am Ende von über drei Stunden hat Nigel Kennedy vielfach die Faust vor Freude nach oben gereckt – und die begeisterten Zuhörer sich drei Zugaben erklatscht. Text & Fotos: cg