Wohin nur? 5.2. Dianna Reeves und Cécile Verny in Dortmund

Dortmund, 21.1.2011 | Am 5. Februar machen sich das Dortmunder Konzerthaus und der Jazzclub „domicil“ gegenseitig Konkurrenz. Nur wenige hundert Meter liegen beide Konzertstätten auseinander, doch scheuen sie sich nicht, am gleichen Abend ein sehr ähnliches Publikum anzulocken. Denn mit Cécile Verny (im „domicil“) und Dianne Reeves (im Konzerthaus) gastieren zwei charismatische, starke Stimmen zeitgleich in unmittelbarer Nähe. ruhrjazz.net unterhielt sich vorab mit der renommierten US-Sängerin.

Sie singt auf ihrer noch immer aktuellen Platte (erschienen 2008) über die Liebe, schaut dabei auf ihr Leben zurück und wirkt sehr zufrieden. Zur US-Politik hat sie eine starke Meinung. Mit ihren europäischen Gesangs-Kolleginnen aber könnte sie sich noch mehr beschäftigen.


Frage:  „When You Know“ ist deine erste CD seit fünf Jahren. Warum diese lange Pause?
Dianne Reeves: Also ich habe zwischendurch schon zwei andere Platten gemacht. Eine war für eine Dokumentation über Billy Strayhorn und die andere ist der Soundtrack zum Film „Good Night, and Good Luck“. Ich habe also aufgenommen, nur nichts ausschließlich für mich.
Frage: Wie kam es eigentlich dazu, dass du in den Soundtrack zu diesem Film von George Clooney über die McCarthy-Ära in den USA involviert warst?
Dianne Reeves: Ich bin sogar in dem Film zu sehen. Und nicht zu knapp. Ich trage diese Klamotten, die man damals in den 40ern und den 50ern Jahren trug, was ich liebe. Die Musik, die George Clooney für diesen Film ausgesucht hat, ist ein Teil des Erzählens der Geschichte des Films. Es passiert also etwas, und du siehst mich singen. Das war für mich eine großartige Erfahrung. Auch weil der Film sehr intelligent ist. Die Lovesongs etwa, die George ausgesucht hat, bekommen in dem Film eine ganz andere Bedeutung.
Frage: Deine aktuelle CD ist ziemlich bunt gemischt, wie ich finde. Welche Idee steckte dahinter? Wolltest du einfach deine Lieblingssongs aufnehmen?
Dianne Reeves:
Ja, schon. Aber eine weitere Klammer um alle diese Songs ist, dass sie sehr gitarrenbetont sind. Und ich wollte diese Platte mit Songs machen, die die Entwicklung von verschiedenen Perioden der Liebe nachstellen. Alles hat angefangen mit einem Bild von Gustav Klimt, dass ich vor vielen Jahren im Belvedere-Museum in Wien gesehen habe. Ich hatte zuvor nie Bilder von Klimt gesehen und dann sah ich dieses unbetitelte, weil noch unfertige Bild von einer Frau, das die Entwicklung ihres Lebens eingefangen hat, von einem jungen Mädchen bis hin zu einer reifen Frau. Und obwohl die Veränderungen bei dieser Frau sehr fein gemalt waren, konnte man sie erkennen und sehen. Als ich jetzt meine neue Platte zusammengestellt habe, musste ich an dieses Klimt-Bild denken. Und ich dachte an mein Leben. Welche Songs ich gehört habe, als ich richtig jung war. „Just My Imagination“ von den Temptations etwa. Oder „Lovin´ You“ von Minnie Ripperton. Zu dem Zeitpunkt war ich verliebt in den Football Star unserer Schule und ich dachte, ich würde ewig mit ihm zusammen leben. Wenn du dann älter wirst, bekommt Liebe eine andere Bedeutung. Dann ist es nicht mehr nur die Liebe zwischen Mann und Frau, sondern auch die Liebe zu dir selbst und zu der Kraft, die Dinge verändern kann. Das ist es, wovon die Platte handelt.
Frage: Du magst es, mit Musikern für eine lange Zeit zusammenzuarbeiten. Was ist für dich das Besondere daran? 
Dianne Reeves:
Auf „When You Know“ ist eine Mixtur von Künstlern. Es sind welche dabei, die ich schon länger um mich habe, wie den brasilianischen Gitarristen Romero Lubambo. Oder den Bassisten Reginald Veal und den Drummer Greg Hutchinson. Mit Romero habe ich schon sechs Platten zusammen gemacht. Mit Russell Malone ist es die zweite Platte. Mit dem Pianisten Geoff Keezer ist es dagegen das erste Mal. Das Schöne ist, die meisten dieser Leute zu kennen. Aber das Schöne ist auch, dass das Unerwartete passieren kann. Du vertraust den Leuten und ihren Fähigkeiten und dann ändern wir einfach plötzlich was. Das ist es, was ich mag.
Frage: Und was magst du an deinem Cousin George Duke, der diese Platte produziert hat?
Dianne Reeves:
Erst einmal ist er ein fantastischer Musiker, sehr breit in seiner musikalischen Auffassung. Und es ist leicht, mit ihm zu arbeiten. Er würde als Produzent nie seine eigenen Ideen über deine ausbreiten. Er entwickelt und finalisiert deine Einfälle.
Frage: Sollten nicht alle Produzenten so arbeiten?
Dianne Reeves:
Ja, aber oft gehen Leute auch zu einem bestimmten Produzenten, weil der eben einen bestimmten Sound vertritt. George hat auch einen Sound, aber er stülpt ihn nicht über dich. Ich liebe zum Beispiel Craig Street, aber wenn er jemanden produziert, ist es sein Sound. 
Frage: Der letzte Song auf der Platte ist deiner Mutter gewidmet. Ist sie ein Vorbild?
Dianne Reeves:
Ja. Sie ist jetzt 85 Jahre alt und noch so fit. Sie fährt sogar noch Auto und lebt völlig unabhängig. Wenn ich nach Hause komme von einer Tour, dann fragt sie mich: Hey, was kann ich für dich tun? Sie hat soviel Energie. Sie ist mein Beispiel, wie ich in ihrem Alter sein möchte. Sie mag ihren Song übrigens. Sie hat mich einmal vom Flughafen abgeholt und ich sagte zu ihr: Mom, diesen Song habe ich für dich geschrieben. Sie wollte ihn sofort im Auto hören und war so entzückt, dass sie anfing, auf der falschen Spur zu fahren. Ich habe den CD-Player dann lieber wieder ausgemacht.  
Frage: Was weißt du über die aktuelle Vocal Jazz-Szene hier in Europa? Lyambiko etwa, eine Sängerin mit Vater aus Tansania und Mutter aus Deutschland, ist hier sehr erfolgreich und hat sogar schon Auftritte in den USA gehabt, was ich bemerkenswert finde.
Dianne Reeves:
Lyambiko kenne ich überhaupt nicht. Aber ich gebe viele Master Classes und arbeite mit aufstrebenden Jazzsängern und sie sind sehr gut, schreiben gute Songs.
Frage: Und wie findest du die skandinavische Szene, mit all den Sängerinnen, die weniger das Great American Songbook als Quelle für ihre Lieder nehmen, sondern die Folklore ihres eigenen Landes?
Dianne Reeves:
Oh, davon habe ich noch gar nichts gehört. Aber das klingt sehr interessant. 
Frage: Wie wichtig war für dich eigentlich die Präsidentschaftswahl in den USA? 
Dianne Reeves:
Es war sehr wichtig, wer der nächste Präsident der USA sein würde. Und ich wollte Barack Obama als nächsten Präsidenten sehen. Ich bin schon ein Anhänger von ihm, lange bevor er sich dazu entschieden hatte zu kandidieren. Ich kenne ihn schon, seit er seine erste Rede hielt bei einer Versammlung der Demokraten, als noch Al Gore fürs Präsidentenamt kandidierte. Er machte damals so kraftvolle Aussagen und die Leute hörten ihm zu als einem Mann, nicht als einem schwarzen Mann. Er hat, was für einen Wechsel von Grund auf steht. Was viele Leute nicht verstehen: Seine Kampagne wurde von den Menschen unterstützt. So viele spendeten ihm kleine Summen, dass er mehr Wahlkampf-Gelder hatte als die anderen Kandidaten. Das sagt doch eine Menge aus. Er hat viele Amerikaner hinter sich, denn er kommt mit Versprechen, mit Hoffnung, mit dem Willen für Wandel. Und ganz wichtig: er ist politisch sauber.

Text & Fotos: cg   

Termine:
- 05.02.: Cécile Verny Quartet, „domicil“, Dortmund
- 05.02.: JAZZnights: Dianne Reeves / Raul Midón, Konzerthaus Dortmund