Vom Jazzparadies in Norwegen und Umdenken auf Island

Gelsenkirchen, 28.8.2010 | Warum ist der skandinavische Jazz so erfolgreich? Liegt es nur an den Musikern, ist es die Ausbildung oder ist es die Art der Förderung. Auf unseren Reisen zu den europäischen Jazz-Festivals hat ruhrjazz.net auch hinter die Kulissen geblickt. Hier zwei Beispiele, die auch bei uns Schule machen sollten.

Dass ein Staat einem Plattenlabel CDs in größerer Stückzahl abkauft, und das auch noch zum Einkaufspreis, um so das Label zu unterstützen, ist ein Traum - und in Norwegen Realität. Nicht jede CD-Veröffentlichung werde gekauft, sagt Rune Kristofferson vom innovativen Jazzlabel rune grammofon. Aber er könne natürlich besser planen, wenn er wisse, dass von einer Pressung schon mal gleich mehrere Hunderte Exemplare bestellt werden vom Staat, um sie an Botschaften zu verteilen oder in die Bibliotheken zu stellen. Auch das einzige Jazzmagazin des Landes, "jazznytt", erhält staatliche Unterstützung, vom Norsk Kulturråd – und ebenfalls von der Norwegischen Jazzförderation, dem Norsk Jazzforum. Ach ja, und Musiker können in Norwegen mit ein wenig Glück richtig Geld erhalten. So bekam der Gitarrist Stian Westerhus im Juli in Molde einen Scheck über 250.000 NOK (circa 31.000 EUR) von einer Bank überreicht, um mit dem Geld eine Auftragskomposition zu schreiben und beim Molde Jazz 2011 aufzuführen. Trompeter Mathias Eick bekam von einer norwegischen Erdölgesellschaft im letzten Jahr gar eine Förderung von 800.000 NOK (circa 100.000 EUR). Mit diesem Geld kann der Trompeter nun um die Welt touren, wovon er immer geträumt hat.

So traumhaft sind die Verhältnisse auf Island nicht. Aber immerhin ist in der Hauptstadt Reykjavik ein ehemaliger, bekannter Musiker seit kurzem verantwortlich für die Kultur in der Stadt (siehe auch Bericht vom Reykjavik Jazz Festival unter "Reviews"). Einar Örn Benediktsson hat dem Reykjavik Jazz Festival erst einmal in diesem Jahr den Etat erhöht. Und das, obwohl insgesamt weniger Mittel für die Kultur zur Verfügung standen und stehen als in den Boomjahren der Insel. Wie gut täte da das Geld, das schon der Bau des neuen Konzerthauses am Hafen von Reykjavik verschlungen hat. 1.800 Plätze soll der große Saal haben. Viel zu viel für den tatsächlichen Bedarf auf der Insel, meint nicht nur Einar Örn Benediktsson und erzählt, dass sich so mancher schon Gedanken mache, was es wohl kosten würde, den halbfertigen Rohbau abzureißen anstatt weiterzubauen. Text & Fotos: cg