Soul-Walking |

Lizz Wright in der Philharmonie Essen

Text: Peter E. Rytz | Fotos: Sven Thielmann

Essen, 21.03.2019 | Die charismatische Sängerin Lizz Wright nimmt in der Philharmonie Essen das Publikum von der ersten Minute mit auf eine Reise zu ihren afroamerikanischen Wurzeln. Barfuß in einem bodenlangen weißen Kleid schafft sie zusammen mit ihrer dunkel gefärbten Altstimme eine beeindruckende Aura. Als Tochter eines Predigers aus Georgia, geschult an Gospel und Blues, kehrt sie nach manchen weniger überzeugenden Jazz-Ausflügen mit einer authentischen, spirituellen Präsenz musikalisch dorthin zurück, wo sie einst aufgebrochen ist.

In ihrem einzigen Deutschland-Konzert in Essen interpretiert sie Songs von der 2017 erschienen CD Grace. Sie verleiht den Coverversionen ihrer Lieblingsstücke, Klassikern der Songwriter- und Musikkultur des amerikanischen Südens, eine ganz eigene Note mit tiefenentspannten Grooves.

Die erste Songzeile My Soul will walking weist den Weg, den sie in ihrer 90minütigen Performance einschlägt. Auf der Suche nach Another kind of glory singt sie mit der erhobenen Händen in der Pose einer Soul-Priesterin: Have a pleasant time.

Ihr zur Seite steht eine klanglich ausbalancierte Rhythm’n’Blues Band. Adam Levy, seit 2015 als Gitarrenlehrer am Los Angeles College of Music, spielt im Wechsel Akustik- und Elektro-Gitarre, inspiriert vom Melos des American Songbook sowie seiner rockigen Verwandten. Seine Riffs und Improvisationen transformieren Wrights gesangliche starke Farben in einer Haltung zwischen Eric Clapton bis Jimmi Hendrix zu emotional aufgeladenen Klängen.

Im Kontrast zu Levy – the old man and the guitar – ist Ben Zwerinmit extrem tief hängender Bass-Gitarre rein äußerlich der coole Counterpart. Allein Zwerins Bass-Solo dynamisiert Oh, man, look, the time pasts zu einem Flow, der Wrights It’s a new game energetisch auflädt. Seine Bass-Läufe fließen kraftvoll, Wright schlägt das Tamburin mit emphatischen Aufwärtsbewegungen - Motivation genug, das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen zu animieren.

Während Michael Jerome an den Drums unauffällig, gleichwohl nachhaltig solide, mit stupendem Drive den Backbeat schlägt, nimmt Bobby Spark an der Hammond-Orgel viel Raum für seine Soli in Anspruch. Schon von der klangmächtigen Präsenz her dominant, wirken einzelne Soli allerdings vor allem lärmend überbordend. Selbst wenn er zu Wrights Beschwörung Walk with me den stampfenden Rhythmus großräumig mit über die Klaviatur hinwegfegenden Händen unüberhörbar hochfährt, kann der optische Effekt die vordergründig aufgeladene Lautstärke nicht überzeugend begründen.

Mit jedem weiteren Song wird das Konzert mehrzu einem leidenschaftlichen Bekenntnis für das Leben, für jeden einzelnen Moment. Selbst als Wright lachend ihre Ode an die Natur Summernight between Summersky abbricht - my bock -, da sie nach dem Band-Intro den Einsatz verpasst und neu beginnt, entstehen nicht mal für einen Augenblick Zweifel an ihrer tief empfundenen Passion: Pray, try making stronger.

Mitunter überdehnt sie ihre balladesken Stories mit religiösem Sentiment. Ihre Botschaft I'm never tired, ihr Loblied auf die schönen Dinge des Lebens, die überall zu entdecken seien, wird mit großflächig projizierten Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen in einsamen Landschaften,von dem Farbfoto einer braun blätternden Hütte vor blauem Himmel, in sentimentaler Überzeichnung bebildert.

Und sie hat mit der Zugabe noch eine Botschaft: I want, you make your own song. Überall leuchtende Augen. Das Publikum verlässt sorgsam die Philharmonie Essen, als wolle es Wrights Spirit wenigsten für ein paar Minuten noch in den dunklen Märzabend retten.