Festivals in NRW

Neue Ausgabe des Ruhr-Jazzfestivals |

Ein wahres Fest der improvisierten Musik

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 29.04.2019 | Was für Namen, was für Größen der improvisierten Musik, was für intensive Hörerlebnisse beim Ruhr-Jazzfestival!!! Die zweite Ausgabe nach seiner Wiederaufnahme im letzten Jahr entpuppte sich als eine wahre Nummernrevue von Highlights. Auf der Bühne des Kunstmuseums Bochum wechselten sich drei Tage lang unterschiedliche Formationen mit jungen bis legendären Vertretern dieser Musikrichtung ab.

Eingeleitet wird das Festival von dem Trio Jonas Burgwinkel Medusa – neben dem Drummer, der seinem Ruf als Ausnahmeschlagzeuger auch in Bochum gerecht wird, zelebrieren Benoît Delbecq (p/synth) und Clemens Van der Feen (b) Trio-Kunst vom Feinsten, filigrane Musik mit raffiniert pulsierendem Rhythmus.

Überhaupt bilden die Trios einen programmatischen Schwerpunkt des Festivals: Am Sonntag treten gleich vier weitere Trios hintereinander auf. Den Anfang machen hier die Berliner Peter Ehwald (ts/ss) und Stefan Schultze (p), denen mit dem New Yorker Tom Rainey an den Drums ein melodisch-rhythmisch vertracktes Interplay gelingt. Im Power-Trio mit Dominic Lash (b) und Steve Noble (dr) bläst Stefan Keune (ts/ss) auf seinen Saxophonen eine expressive Dauermodulation, zu der seine Mitspieler einen pochenden Akustikstrom beisteuern. Das Trio von Festival-Mitorganisator Martin Blume (dr/perc), Frank Paul Schubert (as/ss) und Alexander von Schlippenbach (p) ist stärker auf interaktive Elemente angelegt, ihre Improvisation ist geprägt von gegenseitigem Beeinflussen der musikalischen Ideen, die sich zu einem engen dynamisch-kontemplativen Klanggeflecht verdichten. Am Festival-Ende wartet das The New Standard Trio mit einer anderen Stilistik auf: In Trio-Standardbesetzung erzeugt der New Yorker Jamie Saft am Flügel und mit der Hammond-Orgel mit ihrem klassischen Sound ein eher melodiöses Idiom, der warme E-Bass von Steve Swallow mit seinem unverwechselbaren Klang und mit Bobby Prevites variationsreichem Drumming fügen sich zu einem zupackend swingenden, kraftvoll-melancholischen Reigen mit teilweise bluesigen, balladesken Elementen. Bei aller Unterschiedlichkeit bei der Besetzung und den Stilistiken ähneln sich die Auftritte der Trios in ihrer kammermusikalischen Konzentration und Intimität und nicht zuletzt im ständig changierenden Power-Play ihrer Drummer.

Ein anderes Trio, das LDP, mit dem 80-jährigen Kontrabassisten Barre Phillips, Urs Leimgruber (ts/ss) und Jacques Demierre (p) wird bei dem Festival um Thomas Lehn am analogen Synthesizer erweitert. Die vier Musiker sind der völlig freien Improvisation verpflichtet, mit ihren Instrumenten erzeugen sie einen wundersamen Klangzauber mit starker Suggestivkraft. Mit Barre Phillips knüpft das Festival übrigens an seine Anfänge an: Der Bassist war bereits beim ersten Ruhr-Jazzfestival 1986 dabei.

Die Hauptattraktion des Festivals dürfte Ginger Baker gewesen sein, die Drummer-Legende aus der Zeit der Supergroup Cream, Ginger Baker’s Air Force und African Force – in Bochum mit seinem mit ihm eng verbundenen Perkussionisten und Begleiter Abass Dodoo, der Bariton-Saxophonistin Helga Plankensteiner, Wolfgang Schmidtke (ts/ss), Jan Kazda (b) und Michael Lösch (p). Zunächst ohne den Masterdrummer spielt Jazz Force sich ein, mit kraftvollen Soli von Helga Plankensteiner und Wolfgang Schmidtke und energetischem Spiel von Abass Dodoo. Letzterer holt dann unter tosendem Beifall Ginger Baker auf die Bühne. Der nahezu 80-Jährige ist von Krankheit sichtlich gezeichnet, spielt vor allem durch die perkussive Unterstützung von Abass Dodoo sein kurzes Set bis zu einer abschließenden Blues-Improvisation durch. Niemand im ausverkauften Saal erwartet von dem Briten ein Solo à la Toad, eher erweist man mit stehenden Ovationen der Jazz-Rock-Legende eine Reverenz.

Dem verstorbenen polnischen Trompeter Tomasz Stanko ist ein anderer Schwerpunkt des Festivals gewidmet. Der Bassist des berühmten Tomasz Stanko Quintetts aus den 70er Jahren, Bronislaw Suchanek, gibt mit seinem Kontrabass eine akustisch-atmosphärische Einstimmung, worauf sich eine Podiumsdiskussion anschließt, die die künstlerische Laufbahn von Tomasz Stanko im Spannungsfeld seiner Biographie und des politischen Kontextes beleuchtet. Das Adam Baldych Imaginary Quartet mit dem polnischen Jazzgeiger-Star und Krzysztof Dys (p), Michal Baranski (b) und Dawid Fortuna (dr) erinnert mit der Komposition Sleep safe and warm von Krzysztof Komeda, der Filmmusik zu Rosemary’s Baby von Landsmann Roman Polanski, an Tomasz Stanko. Ansonsten verstört das virtuose Violin-Spiel des jungen Adam Baldych eher. Der dick aufgetragene pathetische Gesamtsound des Quartetts überrascht den ein oder anderen Freund der improvisierten Musik ob der grell konventionellen Farben im Gesamtkontext des Festivals, umso mehr erfreut er aber die zahlreich erschienene Fangemeinde.

Nicht unerwähnt bleiben sollen zwei weitere beachtliche Solo-Auftritte während des Festivals: das des polnischen Jazztrompeters Tomasz Dabrowski und des Essener Saxophonisten Florian Walter. Beide sind Vertreter einer jungen Jazzer-Generation mit stupenden Blastechniken und einem sehr subtilen Gespür für improvisierte Musik. Die Festival-Macher, Ulli Blobel von der jazzwerkstatt, Martin Blume von der Aktuellen Musik Metropole Ruhr und Sepp Hiekisch-Picard vom Kunstmuseum, sind für das gesamte Programm, vor allem für die Förderung von solchen Vertretern der jungen Generation zu beglückwünschen. Wir als Publikum jedenfalls freuen uns auf weitere Ruhr-Jazzfestivals dieser Güte.