American Songbook im Gypsy-Modus |

Gypsyswing mit „Stringtett“ & special-guest Nicola Materne

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Reiner Skubowius

Bochum, 06.03.2019 | Gypsy-Jazz ist im Bochumer Kulturrat keine Seltenheit. Nach Konzerten im letzten Jahr, z. B. mit Lulo Reinhard, finden sich dieses Jahr allein vier Gypsy-Konzerte im Programm. Und das ist kein Zufall, denn der Kulturrat hat auch das politische Anliegen, gegen Antiziganismus und Antisemitismus zu arbeiten. Darum finden sich neben dem, auch Sinti-Jazz genannten, Gypsy auch Klezmer-Konzerte im Angebot.

Diesmal spielte eine Gruppe mit den Gitarristen Volker Wendland und Rainer Achterhold, dem Bassisten Winfried Bückmann und der Sängerin Nicola Materne.

Geboten wurden 24 relativ kurze Stücke, überwiegend aus dem American Songbook, darunter How High the Moon, After you’ve gone, There will be another you, Caravan.

Im Vordergrund standen zunächst Volker Wendland und Rainer Achterhold, die mit ihren Maccaferri-Gitarren abwechselnd den Solo- und den Rhythmus-Part übernahmen. Während beide in ihren Solo-Einlagen mit hoher Virtuosität brillierten, war die rhythmische Begleitung, die ja im Gypsy-Jazz das Schlagzeug ersetzt, für meinen Geschmack zu stark im Vordergrund. Dass das im Gypsy auch anders geht, kann man bei Django Reinhardts Version von After you’ve gone hören. Denn Tempo ist nicht alles. Ich fand es schade, dass die orientalisch-exotische Atmosphäre von Caravan z. B. verloren ging, weil die langgezogenen Töne rhythmisch in viele kurze Noten aufgelöst wurden.

Winfried Bückmann am Kontrabass blieb meist im Hintergrund. Seine stabilen Basslinien, manchmal durch kleine Variationen aufgehellt, boten der Gruppe genug rhyhmisches Rückgrat, gerade auch in ruhigeren Stücken. Ein längeres Solo gab‘s nicht, aber beim Intro zu Since I fell for yo fiel er durch seine melodiöse Begleitung parallel zur Singstimme auf. Dieses Stück wurde vonVolker Wendland mit Jazzbesen begleitetauf der Rückseite seiner Gitarre.

Nicola Materne als Sängerin machte zunächst einen etwas unsicheren Eindruck, gewann dann aber im zweiten Set an Format. Ihre Stimme erinnerte mich an Silje Neergard, sie beherrscht perfekt die Höhen, im tieferen Bereich war sie nicht so präsent. Dass sie das auch anders kann, wird in ihren YouTube-Videos deutlich, bei denen sie mit Gitarre und Sopransax/Bassklarinette zu hören ist. Vielleicht wird diese instrumentale Konstellation ihr eher gerecht.

Im zweiten Set wurde es spannend, hier war mehr Vielfalt zu spüren. Am besten gefiel mir das von Rainer Achterhold komponierte Stück In a quiet moment. Hier hörte man neben der ruhigen Melodie und passgenauen Soli auch eine dezente, unaufdringliche rhythmische Begleitung. Die Interpretation von Hugh Laurie’s Tango Kiss of fire brachte eine weitere Klangfarbe ein. Und am Ende ‚It don’t mean a thing, if you ain’t got that swing‘ - that’s it!

Im Kulturrat geht’s weiter mit der Gypsy-Konzertreihe am 5. April mit dem Danny-Weiss-Quartett.