NRW Jazz on Tour

6. Giacinto Scelsi Festival Basel |

Intuition - Improvisation - Komposition

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Basel, 16.01.2019 | Grandiose Solo Auftritte

Die 68 jährige Bassistin Joelle Léandre ist ein Energiebündel mit enormer Bühnenpräsenz. Sie eröffnet das Abendkonzert des Giacinto Scelsi Festivals mit einem großartigen Solo Auftritt.

Seit sechs Jahren leitet die Schweizer Pianistin und Komponistin Marianne Schroeder das Festival in Basel. Ein kleines Festival mit breit gespanntem Programm, rund um den Komponisten Giacinto Scelsi und mit international herausragenden Musikern und Referenten.

Laut Programm soll Joelle Léandre ein Werk von Scelsi spielen, aber Arthrose in der linken Hand schränkt sie ein, deshalb wolle sie “nur“ improvisieren. Und dann spielt sie eine so beeindruckende Improvisation, von großer Lebendigkeit und Zartheit, dass sich allein dafür das Festival gelohnt hätte. Lèandre ist weltweit berühmt als Jazz- und Improvisationsmusikerin, sie arbeitete mit Anthony Braxton, Susie Ibarra, George Lewis u.a. zusammen. Mit dem Kölner Bassisten Sebastian Gramss spielt sie in einem Duo. Ebenso prominent ist sie im Bereich komponierter Neuer Musik. Earle Brown, John Cage und Giacinto Scelsi haben Werke für sie geschrieben. Auf dem Festival konzertiert sie in beiden Bereichen. Am zweiten Abend spielt sie trotz Schmerzen Scelsis Werk Mantram (1967) für Kontrabass Solo, das er für sie “schrieb“. Lèandre hat es mit seiner Zustimmung etwas verändert, damit es sich besser für den Kontrabass eignet. Scelsi hat sie aufgefordert, eine passende Vokalisation für das Werk zu entwickeln. Wilde plötzliche Schreie sind das, was sie für Mantram gefunden hat. Sie ist eben auch nach 42 Jahren auf der Bühne nicht nur leise. 2017 schrieb sie an die Verantwortlichen des wichtigsten französischen Jazzpreises Les Victoires du jazz einen kämpferischen offenen Brief, in dem sie verkrustete Strukturen und rückwärts gerichtetes Jazzverständnis kritisiert und dagegen protestiert, dass unter den 15 Preisträgern nicht eine einzige Frau ist.

Auch der französische Viola Spieler Vincent Royer spielt auf dem Festival zweimal Solo. Royer, der in Köln lebt, ist einer der profiliertesten Viola Spieler der zeitgenössischen Musik weltweit. Im Improvisationsbereich sind sein Duo mit Frank Gratkowski und die Gruppe Quator Brac zu erwähnen. Im Kölner LOFT spielte er zuletzt zusammen mit Dieter Manderscheid im erweiterten Kathrin Pechlof Trio.

Royer spielt Scelsis Werk Manto (1957). Manto ist eine Seherin aus dem antiken Griechenland. Scelsi übersetzte ihre Orakelsprüche in kryptische Silben, die im dritten Satz von der Viola Spielerin gesungen werden. Konzipiert ursprünglich für eine Musikerin, ist Vincent Royer der erste Mann, der den dritten Satz singt. In Manto wird der Klang der Viola durch experimentelle Techniken erweitert. Vincent Royer spielt mit großer Leichtigkeit diese schwierigen Passagen. Das zweite Werk, Coelocanth (1955), stammt aus einer früheren Periode des “Komponierens“ von Scelsi und ist etwas konventioneller. Auch dieses Werk spielt Royer virtuos. Aber ebenso wie bei Lèandre ist es nicht nur die Virtuosität, die sein Spiel auszeichnet, sondern sein tiefes Einfühlungsvermögen in die Musik, das sich auch dem Publikum vermittelt.

Ein weiterer Solist des Festivals ist der Bassbariton Nicholas Isherwood. Er singt auf allen großen Bühnen der Welt. Sein Repertoire reicht von Frühbarock bis zur Neuen Musik. Mit Steve Lacy, Joelle Lèandre, David Moss u.a. hat er zusammen improvisiert. In NRW begeisterte er das Publikum im Dezember in der Walter Benjamin Oper von Elliott Sharp,eine Produktion der In Situ Art Society Bonn.

Isherwood singt Scelsis Werk WO-MA (1960). Mit großer Ausdruckskraft singt er die nur schwer fassbare Klangfülle von Scelsis Fantasiesprache und geht dabei immer wieder in den Obertonbereich hinein. Isherwood sagt, durch wiederholtes Üben entdecke er in der anfangs sinnlos erscheinenden “Sprache“ verborgene Silben. Mögliche Quellen dieser kryptischen Sprache sind zum einen die Bija-Mantras (Keim-Wirkworte) der indischen Mystik, wie Om, Hum usw., die keine semantische Bedeutung besitzen, aber von der Tradition mit mystischer Bedeutung aufgeladen sind. Zum anderen haben die Futuristen bereits mit einer Fantasiesprache experimentiert. Der russische Futurist Krutschonych (1886-1968) setzte im Libretto der ersten futuristischen Oper Sieg über die Sonne (1913) an mehreren Stellen, die von ihm entwickelte transrationale “Zaum-Sprache“ ein.

Two at a time

Die koreanische Komponistin Junghae Lee (*1964) hat, im Auftrag des Festivals, die Komposition Sorimuni 4 geschrieben. Ein Duett für Violine (David Sontòn Caflisch) und Theremin. Hier treffen sich akustische und elektronische Musik. Bei dem Theremin, das der Russe Lew Termin 1920 erfand,wird zwischen zwei Elektroden ein elektromagnetisches Feld aufgebaut, das durch die elektrische Kapazität des menschlichen Körpers verändert wird. Die veränderte Schwingung wird verstärkt und als Ton über einen Lautsprecher übertragen. Das Theremin ist das einzige berührungslose Musikinstrument. Die Russin Lydia Kavina gilt weltweit als führende Interpretin auf dem Theremin.

Durch das Aufeinandertreffen der beiden unterschiedlichen Instrumente drückt Junghae Lee Gegensatzpaare wie Homogenität und Heterogenität oder Realität und Illusion aus.

Von anderer Art sind die Cello Duette von Emanuel Moor (1863-1931) und Conrad Beck (1901-1889), gespielt von Rohan de Saran und Karolina Öhmann. Die Suite op.95 (1910) von Moor hat eine ganz besondere Schönheit, die die Zuhörer*innen tief berührt. Der berühmte Pablo Casals liebte diese Musik und führte Moor weltweit auf. Rohan de Saran, eine lebende Legende, spielt dieses Werk zusammen mit der herausragenden schwedischen Cellistin Karolina Öhman kongenial. Conrad Becks Suite für 2 Celli (1926) ist stilistisch an Alban Bergs Zwölftonmusik angelehnt und wird ebenso virtuos vorgetragen.

Der indische Sänger Amit Sharma demonstriert mit Tanpura (indische Langhals Laute) Begleitung, die Mikrotonalität des traditionellen Dhrupadgesangs.

Tricolore

Dieter Schnebel, einer der großen Komponisten der zeitgenössischen Musik, war 2016 Gast auf dem Festival. Als letztes Jahr der Lebensgefährte von Marianne Schröder, Jürg Laederach, Schriftsteller, Jazzmusiker und Musikkritiker starb, hat Schnebel ein Werk für seine Trauerfeier geschrieben. Schnebel verstarb noch vor der Trauerfeier selbst. Nun wird sein Werk Für Jürg (2018) auch für Ihn auf dem Festival aufgeführt. Marianne Schroeder am Klavier, Camille Émaille am Schlagzeug und Pierre-Stéphane Meugé am Saxophon. Es beginnt einer Fanfare und geht dann in einen elegischen Ton über. Marianne Schroeder spielt sehr einfühlsam, begleitet von den beiden Musiker*innen. Bilder von Jürg wie er auf dem Festival Literatur liest, entstehen vor dem inneren Auge.

Die Schlagzeugerin zieht sich dann zurück und Marianne Schroeder spielt zusammen mit Meugé Nocturne (1960) von Conrad Beck. Auch dieses Stück passt zum Gedenken an Jürg Laederach. Zum Abschluß spielt dann Meugè noch von Scelsi Tre Pezzi (1956) für Sopransaxophon Solo.

Aus der Fülle

Neben den kleinen Formationen gab es auch zwei größere Formationen. Yamaon (1954-58) von Scelsi für Bassstimme, 2 Saxophone, Schlagzeug, Kontrafagott und Kontrabass, geleitet von Aldo Brizzi. Im Titel ist Yama, der Herr des Todes, aus der indischen Mythologie enthalten. Im Mittelpunkt von Yamaon steht die Bassstimme von Nicholas Isherwood, der auch hier in kryptischer Sprache, über die Zerstörung der Mayastädte deklamiert. Sprache wird hier als Klang eingesetzt, Stimme als Instrument. Es geht Scelsi nicht um Wortbedeutung, sondern um Klangenergie.

Yamaon besteht aus drei Sätzen. Im ersten Satz setzen die Saxophone Akzente und umspielen die kraftvolle Stimme. Im zweiten etwas ruhigeren Satz, sind die Holzbläser zurückgenommen, es gibt nur kurze explosive Ausbrüche oder länger gehaltene Töne. Im dritten Teil nähern sich die Instrumente immer mehr der Stimme an und kurz vor dem Ende spielen sie unisono mit der Stimme. Mit wildem Getrommel und expressiven Holzbläsern endet das Werk. Die Instrumentalisten und ganz besonders die Bassstimme von Nicholas Isherwood geben der kraftvollen Energie des Werkes, das an Ritualmusik erinnert, Ausdruck.

Das längste Werk des Festivals ist Aus den 7 Tagen (1968) von Karlheinz Stockhausen. Das Werk fällt aus der seriellen Kompositionsweise von Stockhausens heraus. Er nannte es “Intuitive Musik“. Eine Richtung, die heute sein Sohn Markus mit seinem ‘Intuitive Music Orchestra’ weiterführt. Es gibt keine notierte Partitur, sondern nur Anweisungen für die Musiker. In denen es z.B. heißt, dass sie im Rhythmus ihres Körpers, im Rhythmus ihres Atems oder im Rhythmus ihres Denkens, bis hin zum Rhythmus des Universums spielen sollen. Vier Musiker, Rohan de Saran am Cello, John Kenny an der Posaune, Nicholas Isherwood Bassstimme und Roberto Fabbriciani an Flöten, sitzen im Halbkreis im abgedunkelten Raum. Sie sollen ganz in sich hineinhören und intuitiv spielen.

In einem Satz sollen die Musiker sich in den Rhythmus des Gegenübers einspüren. Ein Musiker deutet das Spiel auf seinem Instrument an und der Gegenüber singt oder spielt, wie er ihn versteht. Mit diesen vier hervorragenden Musikern entsteht dabei sehr intensive intuitive Musik. Der Komponist gibt nur einen Rahmen, die Musik entsteht aus der Intuition der Musiker.

Yamaon von Scelsi und Stockhausens Aus den 7 Tagen sind zwei weitere Höhepunkte des Festivals. Obwohl das Festival so dicht und hochkarätig ist, dass es schwerfällt einzelne Höhepunkte herauszugreifen.

Intuition – Improvisation - Komposition

Begonnen hat das Festival mit improvisierter Musik und beendet werden die Konzerte mit der Sonate Nr.3 in C-Dur von J.S. Bach von Dominik Stark meisterhaft auf der Violine gespielt.

Das Festival spannte einen Bogen von intuitiver über improvisierter zu komponierter Musik.

Zum Festivalprogramm gehören auch Vorträge und Filme. So beleuchtet Dr. Markus Bandur in seinem Vortrag „Mehr als Hören“- Scelsi und die Musik des 20./21. Jahrhunderts das Musik- bzw. Klangverständnis von Scelsi. Dieser verstand Klang als Energie, als eigenen Organismus. Damit unterscheidet sich „Scelsis Denken signifikant von anderen musikalischen Konzeptionen im 20. Jahrhundert“.

Scelsi hat in seiner zweiten Schaffensphase nach dem 2. Weltkrieg keine Partituren mehr geschrieben, sondern auf Klavier oder anderen Instrumenten improvisiert bzw. intuitiv gespielt und dies mit Tonband mitgeschnitten. Von seinem Assistenten wurden diese Improvisationen dann notiert und von Scelsi korrigiert und nachbearbeitet. Deshalb sah Scelsi sich nicht als Komponist, sondern betonte, dass er nur seine Eingebungen spontan in Musik umsetze.

Der Scelsi Spezialist Prof. Jaecker von der Kölner Musikhochschule hat in akribischer Kleinarbeit, das Bandmaterial, die Partituren und die musikalischen Resultate verglichen. Zu diesen “Scelsi Tapes“, die in der Fondazione Isabella Scelsi gelagert sind, gibt es auch eine kurzweilige und informative Life Performance mit Video von Michael Busch.

Prof. Jaecker zeigt an hand der Canti del Capricorno (1962-1972, dass Scelsi das Bandmaterial teilweise schnitt, dann neu zusammensetzte oder Teile ethnologischer Tonaufnahmen verfremdete und in seine Musik einfügte. Eine Art frühe Sample Technik. Scelsi hat “zusammengesetzt“, also im wahrsten Sinne des Wortes komponiert. Es gibt auch Werke, die basieren nur auf den nachträglich notierten Improvisationen, aber viele Werke wurden später von Scelsi minutiös bearbeitet. Die beiden Vorträge waren ungemein anregend, leider sprengt es den Rahmen des Artikels noch näher auf sie einzugehen.

Am letzten Festivaltag zeigt das Stadtkino zwei sehr stimmungsvolle Filme. Der Kurzfilm Danse – soleils de félicité (2015), der die Tänzerin Muriel Jaer (* 1930) zeigt, wie sie mit 85 Jahren mit großer Anmut tanzt. Ihre Gebärden erinnern an Skulpturen von Ernst Barlach oder an antike Mysterienspiele.

Im anschließenden Film «Le premier Mouvement de l‘Immobile», über das Werk von Giacinto Scelsi, kommen viele Künstler, die auf dem Festival waren, zu Wort: Aldo Brizzi, Marianne Schroeder, Joelle Léandre und viele mehr. Aber der Film ist keine trockene Dokumentation, sondern er besticht durch seine ruhigen und schönen Bilder von Mensch und Natur.

Der Film ist ein stimmiger Festivalabschluss, der die vielen Eindrücke des Festivals noch einmal bündelt und mit empfindsamen Bildern unterlegt. Das Scelsi Festival 2019, wird bei seinen Besuchern sicher noch lange nachklingen und es weist weit über den Komponisten, Dichter und Mystiker Giacinto Scelsi hinaus.

Dank an Marianne Schroeder, alle Mitwirkenden und Helfer*innen.

Auch die wunderbare Spielstätte, Gare du Nord, direkt im Badischen Bahnhof Basel, sei noch einmal erwähnt. Ein Ort moderner und experimenteller Musik mit einem vielfältigen Programm. So trat am Tag nach dem Festival der Avantgarde Jazz Trompeter Peter Evans aus New York auf.

https://www.scelsifestival.com/

www.garedunord.ch