Diary of jazz

#28 Partir |

Erstes Solowerk der schweizerisch-albanischen Musikerin Elina Duni

Text: Karl Lippegaus

Köln, 03.09.2018 | „Es gibt einen Hunger nach dieser intimen, gut klingenden Musik.“ Über ihr erstes Solowerk "Partir" die schweizerisch-albanische Musikerin Elina Duni.

Ein Soloalbum im wahrsten Sinne. Eine Stimme, ein Dutzend Songs, am Klavier, an der Gitarre oder nur mit einer Rahmentrommel. „Partir“ ist ein (an)mutiger Sprung nach zwei vielbeachteten Alben mit ihrem Quartett, das sie wunderbar trug durch das Klavierspiel Colin Vallons. Dagegen wirkt „Partir“ wie ein Rückzug, fast wie ein Gang ins Kloster, nicht selten dachte ich beim Hören dieses 'slow burner' an Nico (in „Desertshore“ oder „The Marble Index“).

Elina Duni widmet sich im Alleingang traditionellen Songs, die von Albanien bis nach Armenien, von der Schweiz bis in den Nahen Osten weisen – vor und zurück. „Albanisch ist eine sehr symbolische und animistische Sprache – alles kann sich bewegen, alles kann wie ein Tier sein, das Objekt kann lebendig sein.“ Sie zeigt ihr enormes Talent, völlig unprätentiös und ohne Pathos, den Klischees des Jazzgesangs geschickt ausweichend, in vielen verschiedenen Sprachen zu singen.

„Jazz war etwas, das von innen wärmte, besonders der modale Jazz, der Sound von Miles, diese Songs. Ich erinnere mich, dass ich die Musik immer über Kopfhörer erlebte. Es war, als würde die ganze Stadt, ich lebte damals in Genf, die Farbe wechseln. Die Realität schien sich zu verändern. Mit dieser Musik im Ohr, so schien es mir, könnte ich allem ins Gesicht sehen, es rüttelte mich wach, es klang so warmherzig. Dahin wollte ich gelangen, zu diesem Sound, den ich liebe; so wollte ich singen, irgendwie.“

"Partir" heißt das Album - verreisen, abreisen, weggehen. Die Rezensionen in der internationalen Musikpresse reißen nicht ab, über einen leisen Songzyklus zum Thema Migration, im Alleingang vertont von der Tochter der albanischen Schriftstellerin Bessa Myftiu.

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Ich wuchs auf in einer Gesellschaft, in der alle Gedichte schrieben, nicht nur ich (lacht). Im kommunistischen Albanien besass man ein paar Bücher – und sonst nichts! Es gab ein paar Filme im Kino, aber weder viele Bars noch Clubs. Die Art, wie die Leute sich unterhielten, war eigentlich recht kreativ, man las, vor allem die Klassiker, Balzac, Victor Hugo, Maupassant, dazu viele Russen: Tolstoi, Turgenjew, Tschechow. Alle lasen, schrieben Gedichte, lernten sie auswendig und trugen sie einander vor, so kommunizierten sie eben manchmal miteinander, sagten Gedichte auf, zitierten Dialoge aus Filmen, ihren Büchern, man las Erich Maria Remarque, der war sehr berühmt.

Schreiben war ganz natürlich für mich, Gedichte über meine Katzen, meine Mutter, Dinge in meiner Umgebung. Ich schreibe immer noch, ich liebe es, lese noch viel, auch wenn es durch all die sozialen Medien immer schwieriger wird, sich überhaupt zu konzentrieren.

"Partir" begann 2016, als ich mich am Ende einer großen Liebesaffäre befand und obendrein noch unsicher war, was aus meinem Quartett werden sollte. (Man entschied sich erstmal für eine Pause. Anm.) Wieder erlebte ich mein Exil: Ich musste mich mit dem Unbekannten konfrontieren und darauf vertrauen. Als zehnjähriges Mädchen war ich in die Schweiz gekommen; und jetzt war es wieder so, als würde es mich zerreißen. Wäährend dieser Zeit spitzte sich die Flüchtlingskrise in Syrien zu, die immer noch andauert.

All das bewirkte, dass ich dachte, ich sollte etwas über das Weggehen machen. "Partir". Anfangs als eine Erinnerung an mein eigenes Exil; auch als ein Spiegel, in dem sich zeigt, was wir gegenwärtig erleben: all diese Menschen, die ihr Land verlassen müssen. Doch nicht davon allein handelt "Partir", sondern auch von Liebestrennung, ein Haus zu verlassen, eine Freundschaft aufzugeben; es kreist also auch um eine spezifische Gefühlslage.

Jede Art von Situation ist damit gemeint, um zu zeigen, dass Verlassen eine universelle Erfahrung ist. Jeder von uns erlebt sie, in unterschiedlichen Maßen - mal tragischer, mal weniger tragisch. Da muss jeder durch, um zu dem Punkt zu gelangen. Wegzugehen. Mit dem Vertrauen auf das Unbekannte.

Was ist die Reise? Wie schaffst du diese Reise von dort aus, wo du lebst? Dann geht es darum, wieder zur Freude und zum Vertrauen zurückzufinden, davon wollte ich sprechen. Ich erzähle hier vor allem aus Luzern, als ich dort mit zehn Jahren ankam. Ich kam aus Albanien, aus einer lichtdurchfluteten, von Klängen erfüllten Welt, die ich bei meinen Grosseltern, mit meiner Mutter und ihren Freunden erlebt hatte.

Plötzlich lande ich also in der Schweiz, wo ich niemanden kannte und ihre Sprache nicht sprechen konnte. Ich war total allein, zum ersten Mal spürte ich, was Einsamkeit ist. Und da hat mich die Musik gerettet: ich entdeckte die Beatles und sie wurden meine Freunde. Ich lauschte ihnen ständig und sie begleiteten mich in meinem Alleinsein während dieser schwierigen Zeit. Seither glaube ich, dass in jeder schwierigen Situation die Musik immer für einen da ist. Und bin froh, Musikerin zu sein, denn die Musik läßt dich nie im Stich. Musik kannst du immer machen. Musik hören geht immer.

Art is the distance we take from things.

Als ich das Quartett mit dem Balkan-Repertoire gründete, gab mir der Pianist Colin Vallon den Rat: "Denk' an Miles Davis, wie der das Thema spielte, diese Einfachheit, denk' an jeden Ton." Das wurde mir wichtig, so wollte ich diese Songs singen. So einfach wie nur möglich, um somit die Essenz der Lieder, nicht meine Interpretation zu betonen.

Improvisation ist Teil meines künstlerischen Ausdrucks. Oft improvisiere ich Rhythmen, Melodien, Worte oder Klänge, zum Beispiel während ich gehe oder mich ans Klavier setze. Dazu kommt die "bewusstere" Arbeit mit Tonskalen und Ideen. Improvisation ist zudem die beste Art, sein Instrument kennenzulernen, Sounds zu entdecken, Klangwelten zu schaffen und Freude daran zu empfinden. Für mich ist der Jazz die einzige Musik, die diesen Freiraum bietet. Um nicht jeden Abend das gleiche Zeug zu spielen. Heute mehr denn je gilt das, in einer Gesellschaft, in der alles zunehmend formatiert wird. Da ist der Jazz ein Manifest der Freiheit - solange man nicht ein Gefangener der eigenen Sprache wird...

Es gleicht dem Rezitieren eines Textes, das habe ich während der Arbeit an dem Album "Partir" gelernt. Ist der Text sehr emotional, sollte man ihn so einfach wie möglich bringen. Auf die Weise lässt man das Publikum das Lied er-fühlen. Legst du jedoch zu sehr dein Gefühl hinein, gibst du dem Zuhörer nicht die Freiheit des Entdeckens; die Wirkung ist dann umso schwächer, weniger intensiv als aus der Distanz. Text oder Lied – es ist das gleiche. Je emotionaler der Song, umso mehr Distanz sollte da sein.

An Indian photographer is saying thisabout his work, these very difficult things he does, he used to say"You need to have a cold mind and a warm heart."

Ich arbeite jetzt seit ungefähr zehn Jahren als Musikerin. Die Folksongs vom Balkan haben etwas sehr Tiefgründiges, eine archaische Poesie entfaltet sich, reich an Symbolen, Bilder und Retuschen. Folkmusik spricht mich stark an, mag sie nun aus der Schweiz, Albanien, England, Irland oder Amerika kommt, stets finde ich in ihr eine einfache und tiefe Essenz. Diese Einfachheit liebe ich, obgleich sie nur vordergründig ist, um eine sehr komplexe Welt zu beschreiben. Die Lieder haben uns immer noch etwas zu sagen. Ihre bizarre Thematik ist universell und zeitlos, sie kreisen um Freiheit, Liebe, Tod und Leben – Themen, die uns alle berühren.

Albania is deep, deep in me...

Albanian has something very interesting, it has a lot of sounds in it and it is a very, very old European language. It has Latin and Turkish words and, they say, also from the Celts, and it has something very deep and at the same time, strange.

Sie hat 36 Vokale und Konsonanten, die mit einem Klang korrespondieren. Es ist Teil der indo-europäischen Sprachstammes, zusammen mit Armenisch und Griechisch. Die Struktur rührt vom Lateinischen her, es gibt Fälle wie Akkusativ, Dativ, Nominativ, Vokativ. Es gibt auch gewisse Ähnlichkeiten mit dem Germanischen. Das Albanische enthält zudem sehr alte Wörter, etwa aus dem Türkischen, die wiederum auf Farsi, Persisch, zurückgehen, zudem aus dem Lateinischen und aus den slawischen Sprachen.

A mirror of what is happening today in Europe with migration.

Es fällt mir leicht, eine andere Sprache zu mimen, auch wenn ich sie nicht spreche. Als ich auf bulgarisch sang, waren die Leute erstaunt. "Sie kennen diese Sprache nicht, aber wie Sie sie sprechen ist perfekt." Auf „Partir“ singe ich einen Fado auf portugiesisch. Vielleicht hängt es mit meinem musikalischen Gehör zusammen. Das Albanische hat mir sehr geholfen, diese Leute singt gewöhnlich sehr gut im Erlernen von Sprachen, sie müssen es sein, weil niemand sonst albanisch spricht; aber auch, weil die Sprache und Klänge sehr offen sind: eine komplexe Sprache, die es ermöglicht, andere Sprachen leichter zu verstehen. Ich würde sagen: sie ist die Sprache meiner Eingeweide, ich liebe den Humor und die Poesie, alles.

I try to do my best to promote another model of woman.

Ich hatte Glück, weil ich als Modell für die Frau für mein Leben meine Mutter hatte. Sie war immer sehr mutig; nicht nur das, sie konnte auch über sich selbst lachen, während sich Tragödien um sie herum ereigneten. An keinen Mann gebunden war sie immer frei, um selbständig zu arbeiten, ihr eigenes Geld zu verdienen. Vor meinen Augen hatte ich das Bild einer Frau, die nie Opfer war, obwohl sie in einer Gesellschaft aufgewachsen war, in der Frauen nicht viele Rechte hatten. Und in den meisten Fällen zu Opfern des Patriarchats wurden. In meinem Großvater hatte sie jemand, der im Albanien seiner Epoche ein Liberaler war. Sie ließ sich scheiden, als das in diesem Land noch sehr ungewöhnlich war. Eine Scheidung konnte für die Frau harte Konsequenzen haben, man bekam einen schlechten Ruf. Sie aber kümmerte sich nicht darum, sie war eine Intellektuelle, eine Journalistin und Schriftstellerin, eine starke Frau.

Das ist das Bild, das ich von mir selbst geben möchte: Von einer Frau, unabhängig, eine Intellektuelle, die Geld verdienen und ihre eigenen Ansichten haben kann. Es bedeutet mir vor allem heutzutage sehr viel. Jüngeren Frauen scheint es manchmal gar nicht klar zu sein, wie sehr andere Frauen kämpfen müssen, um diese Freiheit auch zu erlangen. Wir müssen weiter für dieses Freisein werben. Die Freiheit, eine Schwangerschaft zu unterbrechen, ökonomisch unabhängig, musikalisch und künstlerisch tätig zu sein, das Wahlrecht zu haben.

Since a child I was very sensitive to music and always used to dance and sing. I got on stage as a singer when I was 5 years old and between the ages of 5 to 10, I sung in Children’s Festivals and on Albanian National Radio and Television and started a musical education with the violin. Then when I came to Switzerland I switched to classical piano and of course continued singing.

Zurück zum Soloprojekt "Partir" und den Gedanken, dass wir alle Migranten sind, auf die eine oder andere Weise: Eines Tages werden wir uns der Tatsache stellen müssen, wegzugehen. Uns von einem Partner zu trennen, von unseren Eltern, sich verabschieden von bestimmten Denkweisen. Wir müssen Freunde zurücklassen, ein Zuhause. Und das Gefühl eines inneren Wiederaufbauens ist das gleiche. Indem wir auf das Unbekannte vertrauen, Wege finden und weitergehen, umso eher lernen wir uns selbst kennen, es hilft uns zu wachsen. Um dieses Gefühl verarbeiten zu können, dass wir von etwas oder einer Person losgerissen wurden.

We are all migrants.

Es gibt einen Hunger nach dieser intimen, gut klingenden Musik. Vor allem spürte ich das in Albanien und im Kosovo, wo „akustische“ Musik schwer auffindbar ist. Mir fiel das auf, als ich vor zirka zehn Jahren dort aufzutreten begann. Je mehr Konzerte wir danach hatten, umso mehr wuchs das Interesse, die Säle waren voll. Es mag einen Mangel an Kultur dort geben, aber leider auch keine Unterstützung vom Staat, die Künstler in ausreichendem Maße ermutigte. Die meisten müssen sich mit kommerziellem Zeug herumschlagen um zu überleben, eine traurige Entwicklung. Die Produktion von nichtkommerzieller Musik ist sehr niedrig. Ich spürte dort diesen Hunger nach etwas Realem und Wahrem, das nicht nur der Unterhaltung dient; diese Folksongs waren verboten in Albanien und die Leute entdecken sie wieder, die unter der serbischen Herrschaft untersagt war. Die Leute entdecken ihre Wurzeln wieder, sie mussten für alles kämpfen, auch für ihre Sprache, für diese Musik und ihre besondere Poesie.

CD-Tipp: „Partir“ (ECM)

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