Jazz und Tanz

Von Minimal zum Jazz |

Rosas danst Rosas - A Love Supreme

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Anne Van Aerschot

Düsseldorf, 16.05.2018 | ROSAS, die Tanzkompanie von Anne Teresa De Keersmaeker, führt zwei Stücke aus ihrem Repertoire neu auf. Im Düsseldorfer Tanzhaus NRW wurde Rosas danst Rosas vom 26.-28.4.18 wiederaufgeführt. Mit dieser Choreografie, bei der sie im Original selbst mittanzte, schrieb De Keersmaker 1983 Tanzgeschichte und begann ihre Weltkarriere.

Das Zweite Stück ist A Love Supreme. Es entstand 2005 in Zusammenarbeit mit Salva Sanchis, zur Musik von John Coltrane und wurde vom 11.-13.5.18 im Schauspiel Köln wiederaufgeführt. Die Aufführungen in beiden Häusern waren alle restlos ausverkauft.

Wer die beiden Stücke in einem kurzen Zeitraum von zwei Wochen hintereinander sah, kann eine Entwicklung in der Choreografie von Anne Teresa De Keersmaekers erkennen. Rosas danst Rosas, ein Tanzstück mit minutiöser Taktung und unermüdlichen Wiederholungen, das auf dem Prinzip der Minimal Music basiert, ist exakt bis in das letzte Detail ausgearbeitet.

Von dort führt ein langer Weg zu A Love Supreme, ein Tanzstück zu einem Meilenstein der Jazzgeschichte, in dem Improvisation eine zentrale Rolle spielt. In A Love Supreme geben Anne Teresa De Keersmaeker und Salva Sanchis den Tänzern ebenfalls Raum zu improvisieren.

Rosas danst Rosas im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Der Auftritt im Tanzhaus NRW steht am Anfang einer Tournee der ROSAS Tänzerinnen, die das 35 Jahre alte Rosas danst Rosas wieder tanzen. Und um es vorweg zu nehmen, es hat nichts von seiner Brillanz verloren und ist immer noch zeitgemäß bzw. ist ein zeitloser Klassiker.

Im Tanzhaus ist der große Saal bis zum letzten Platz gefüllt. Auf der Tanzfläche stehen ein paar Stühle am Rand, sonst ist sie leer. Vier Tänzerinnen in einfacher grauer Kleidung kommen in den Raum und bewegen sich alle im gleichen Takt, fallen auf die Erde und bewegen sich im Liegen, rollen den Körper, richten sich auf oder bewegen die Arme zum Körper, einfache Bewegungen.

Das Licht ist nur auf die Tänzerinnen gerichtet, alles andere liegt im Dunkeln. Im Saal herrscht Stille, keine Musik, nur die Bewegungsgeräusche der Tänzerinnen am Boden sind zu hören. Die Bewegungen, wiederholen sich wieder und wieder. Eine Art Prolog, dann beginnt die Musik von Thierry De Mey und Peter Vermeersch, die für das Stück komponiert wurde.

Unermüdliche Wiederholungen synchroner Alltagsbewegungen, immer wieder gleich, bis eine Tänzerin ausschert und leichte Abwandlungen ausführt. Mit diesen Abwandlungen spielt De Keersmaeker durch das ganze Stück, in immer neuen Kombinationen. Drei zu Eins oder Zwei zu Zwei in ständigem Wechsel. Eine Ode auf die Eigenständigkeit, auf das Ausscheren. Rosas danst Rosas ist ganz vom Geist der Minimal Music geprägt, lange Repetitionen, mit kleinen Variationen.

Die Tänzerinnen, die sich aus der gleichförmigen Bewegung gelöst haben, führen ebenso exakte schnelle Wiederholungen aus, aber etwas abgewandelt. Nach einiger Zeit kehren sie wieder in die Ausgangsgruppe zurück und eine andere Tänzerin löst sich heraus. So wird der ganze Raum betanzt und durch die ständig neu entstehenden Konstellationen entwickeln sich immer wieder andere streng geometrische Gruppenbilder. All das sind die Grundelemente des Stückes, das von den vier ROSAS Tänzerinnen mit virtuoser Präzision getanzt wird. Die leicht variierten Wiederholungen erzeugen eine große Spannung, die auch das Publikum nahezu körperlich spüren kann. Es ist eine ausgesprochen weibliche Choreografie mit Haaren, die aus dem Gesicht gestrichen werden oder dem kokettem Entblößen der Schultern. Wobei die verführerische Bewegungen als schnelle minimalistischen Wiederholungen ausgeführt, zu einer ironischen Distanzierung führen und jeder Erotik entbehren.

Die gleichförmigen Bewegungen erinnern an Fließbandarbeit in der Industrie, wie Sequenzen aus “Modern Times“ von Charly Chaplin. De Keersmaeker erklärte, dass es einem Tagesablauf entspricht, erst schlafen die Frauen, dann arbeiten sie, dann beginnt Freizeit. Nun werden die Stühle eingesetzt. Hinsetzen und Aufstehen, Stühle werden hin-und hergerückt, weiter in schneller Taktung.

Die vielen Möglichkeiten, das Stück zu verstehen oder zu interpretieren zeigen seine Tiefe und machen einen Teil der Faszination aus. Wir sehen auf der Tanzfläche nur einfache Körperbewegungen und gleichzeitig läuft im Kopf ein Film an assoziativen Bildern ab.

Aber schon in diesem frühen Stück von Anne Teresa De Keersmaeker ist deutlich, dass die Tänzerinnen eben auch und vor allem die Musik mit ihrem Körper ausdrücken.

Im letzten Teil der 100 minütigen Choreografie ziehen sich die Tänzerinnen, die bisher barfuss getanzt haben, feste Schuhe an. Sie sind mit dem Boden fest verbunden. Damit wird der furiose Schlussteil eingeleitet. Tanzen, tanzen, tanzen und sich verausgaben, außer Atem sein, Schweiß fließen lassen. Hier werden nun die mathematische Taktung und der Minimalismus aufgehoben. Ein erruptives Ausbrechen aus der mechanischen Wiederholung.

Erschöpfung als Teil des Programms.

Die vier erschöpften Tänzerinnen haben Herausragendes geleistet und werden vom Düsseldorfer Publikum gebührend gefeiert.

Rosas danst Rosas; Choreografie: Anne Teresa De Keersmaeker, Tanz: Lèa Dubois, Yuika Hashimoto, Laura Maria Poletti, Soa Ratsifandrihana

http://tanzhaus-nrw.de/

ROSAS: A Love Supreme im Schauspiel Köln

Auch A Love Supreme beginnt ohne Musik. Vier Männer betreten den Raum im Depot 2 des Schauspiel Köln und beginnen zu tanzen. Ganz anders als bei Rosas danst Rosas vollführen die Männer eigenständige Tanzbewegungen, kommen zusammen, gehen auseinander. Die Körper gehen in Interaktion und Berührung. Alles ist sinnlich, keine minimalistischen Bewegungsmuster. Es werden Tanzbewegungen vorweggenommen, die später bei der Musik von John Coltrane wieder auftauchen. Das Besondere an A Love Supreme ist vor allem das Miteinander von fixierter Choreografie und Improvisation.

Sanchis erklärt, dass es ihm als Choreograf erst schwer fiel Improvisation zuzulassen, während es für Jazzmusiker selbstverständlich war. Durch die Jazzmusik und den Umgang mit Jazzmusikern begannen sich Anne Terese De Keersmaeker und Salva Sanchis für die Improvisation im Tanz zu öffnen.

Bei der Arbeit an der Choreografie von Bitches Brew zur Musik von Miles Davis beschäftigten sie sich intensiv mit seiner Musik und stießen dabei auf John Coltrane. Für sie verkörperte Coletrane Ausdruckskraft und Energieausbruch.

So führte der Weg von Miles Davis zu John Coltrane. A Love Supreme ist von Coltrane als eine Suite in vier Sätzen konzipiert. Das Werk wurde von John Coltrane am Saxophon, Elvin Jones am Schlagzeug, Jimmy Garrison am Bass und McCoy Tyner am Klavier eingespielt.

In der Choreografie wird jedem Tänzer ein Instrument zugeordnet. Salva Sanchis hat in der Originalversion die Rolle von McCoy Tyners Klavier gehabt, die nun mit Jason Respilieux besetzt ist.

Nach einer längeren Zeit von Bewegung ohne Musik setzt dann A Love Supreme ein. Es wird auch für das Publikum sehr schnell klar welchem Tänzer welches Instrument zugeordnet ist. Alle Bewegungen orientieren sich am jeweiligen Instrument. Josè Paulo de Santos hat die Rolle von John Coltrane und damit eine herausragende Position, die er hervorragend ausfüllt.

Die Tänzer haben bei den Soli, etwa von Coltrane im ersten Satz oder von McCoy Tyner im zweiten Satz, die Möglichkeiten zu improvisieren. „Der improvisierende Tänzer zitiert das geschriebene Material, so wie es auch Coltrane macht, wenn er improvisiert: er stellt einen Bezug zu den Anfangsmotiven auf, in totalem Einklang mit Kontrabass und Schlagzeug.“ (Salva Sanchis)

Salva Sanchis betont, das langsamere erste Satz von A Love Supreme eine Vorbereitung der “wolkenbruchartigen Energie des Hauptteils“ ist. Die Tänzer haben die Aufgabe, diese Energie auf das Publikum zu übertragen.

In Köln haben die vier Tänzer von ROSAS diese Aufgabe meisterhaft gelöst.

Anne Teresa De Keersmaeker und Salva Sanchis ist es gelungen mit A Love Supreme ein großes Werk der Musikgeschichte visuell erlebbar zu machen. Die Tänzer machen Musik sichtbar. Neben der ästhetischen Kraft des Tanzes wird eine Form von “Werkanalyse“ mit sinnlichen Mitteln, auf nicht intellektuelle Art und Weise, vorgeführt.

Auch wer A Love Supreme viele Male zuvor gehört hat, hat bei diesem Tanzstück die Möglichkeit, das Werk mit noch tieferer Eindringlichkeit zu erleben. Das Publikum in Köln kann in diesen 55 Minuten Tanz, A Love Supreme neu und vielleicht intensiver erleben denn je.

Zweimal Tanz von ROSAS innerhalb von zwei Wochen, zweimal Weltklasse.

A Love Supreme; Choreografie: Salva Sancis, Anne Teresa De Keersmaeker, Tanz: Josè Paulo das Santos, Bilal El Had, Jason Respilieux, Thomas Vantuycom

https://www.schauspiel.koeln/spielplan/tanzgastspiele/

Weitere Infos zu ROSAS:www.rosas.be/en/