CD-Rezension

Suggestive Kraft des Repetitiven |

Nik Bärtschs Ronin mit neuem Album

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

München, 03.06.2018 | Nach Nik Bärtschs Akustikprojekt Mobile gibt es eine neue Aufnahme seiner Gruppierung Ronin, die Freunde der „Ritual Groove Music“ (Bärtsch) mussten sechs Jahre auf ein neues Album warten. Nun, mit neuem Bassisten – Thomy Jordi statt Björn Meyer -, Sha (Bassklarinette, Altsaxophon) und Kaspar Rast (dr) zelebriert der Schweizer Pianist mit Ronin seine Kunst des Ostinaten.

Fünf der sechs Stücke des Albums stammen aus der Feder des Musik-Zen-Meisters, sie werden gewohnt Modul genannt und erhalten eine Nummer. Für das Stück A ist der Bläser Sha (aka Stefan Haslebacher) verantwortlich. Die Schlichtheit dieses Titels entspricht dem sehr übersichtlichen Thema mit einfachem verminderten Terz-Intervall, die Ostinati werden im Laufe von gut acht Minuten nur geringfügig moduliert. Solistische Höhen- und improvisatorische Ausflüge sind dieser Musik wesensfremd, es geht in der Tat um einen groovebasierten Stil, der seine hypnotisierende Kraft aus dem Repetitiven schöpft.

Der Opener Modul 60 mit seinem absteigenden Halbton-Pattern entspricht voll und ganz diesem minimalistischen Konzept, er wurde bereits von Bärtschs Mobile aufgenommen. In dieser verkürzten Version zeigt diese Besetzung eine etwas rauere Aufnahme, in die sich der klagende Sound von Shas Altsaxophon wunderbar mit der einfachen Variation im letzten Teil des Stücks mischt.

Das 18-minütige Modul 58 beginnt mit einem langsam-ruhigen Piano-Pattern und entwickelt sich über diese Struktur mit Unterstützung von Bass und Schlagzeug und Phrasen von Shas Bassklarinette zu einem polyrhythmischen Kontinuum, das sich immer mehr – jetzt um die Saxophon-Stimme erweitert – auflädt. Es hält eine hypnotische Balance zwischen Rock und Electronic und geht über in eine perkussive, ja poppige Phase, die v.a. durch die Saxophon-Stimme geprägt ist. Der Titel endet im tanzbaren Jazz-Funk im Dialog von Saxophon und Piano, wobei das Sax sehr melodiös, fast lieblich klingt, während das Piano gegenüber einem ansonsten schnell allzu steril wirkenden Techno-Muster rhythmische Konterpunkte gibt.

Modul 36 – eine alter Ronin-Titel - arbeitet mit Arpeggien und Extended techniques am Piano, vorherrschend sind Rock-Funk-Elemente. Auch Modul 34 ist bereits Anfang der 2000er Jahre geschrieben, findet aber erst jetzt den Weg auf ein Album. Auf funkiger Bass-Linie wird ein ostinates Muster variiert, während Bärtsch im Diskant schnelle Läufe spielt. Das komplexe Modul 59 bildet mit seinen rhythmisch vertrackten und polyphonen Klangwelten einen sphärisch-verhaltenen Schlussakkord des Albums mit einem warmen Ton von Shas Bassklarinette.

Die Klangmeditationen von Ronin lassen sich eher in rituelle Musikkontexte verorten, der Titel Awase verweist auf den fernöstlichen Kulturraum: Der Begriff stammt aus dem Aikido und bedeutet „gemeinsame Bewegung“ im Sinne sich ergänzender Energien. Dies umschreibt treffend den musikalischen Ansatz von Ronin: Den vier Musikern gelingen raffinierte Grooves und polyrhythmische Schichtungen, die den Zuhörer in eine tranceartige Versenkung versetzen.

Nik Bärtsch’s Ronin: Awase. ECM 2603

Live ist Ronin mit Awase 6.11.2018 im Konzerthaus Dortmund zu hören. Die Musiker treten neben dem Vijay Iyer Sextet im Rahmen der ECM Jazznight auf.