Nguyên Lê zelebriert Pink Floyd |

Neuinterpretation eines Rockklassikers

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Dortmund, 30.12.2018 | Eine gute Idee von kulturinstitutioneller Zusammenarbeit: Das Dortmunder U zeigt aktuell eine sehenswerte Ausstellung über Pink Floyd, das domicil präsentiert dazu ein passendes Rahmenprogramm. Beim letzten Konzert des Jahres im ausverkauften Club tritt Nguyên Lê mit seinem Nonett auf, Celebrating the Dark Side oft he Moon ist der Titel des Abends. Ein gleichnamiges Album mit der NDR-Bigband wurde als gelungene Neuinterpretation des legendären Konzeptalbums der 70er Jahre von Pink Floyd positiv aufgenommen.

Bei Nguyên Lês Hommage handelt es sich nicht um Cover-Versionen einer Revival-Band, sondern um Bearbeitungen, zum Teil Dekonstruktionen, Pink Floyds Spuren sind soz. als Material, stellenweise nur durch die Text-Performance erkennbar.

Der Ausnahmegitarrist ist ein Spezialist für Adaptionen von Rockklassikern wie Hendrix (Purple – Celebrating Jimi Hendrix) oder Cream oder Led Zeppelin. So überführt Nguyên Lê auch die Pink Floyd-Stücke in eine andere Sprache: Geschliffene Bläsersätze, ausdrucksstarke Soli aller Mitmusiker, Einsatz von Elektronik, Himiko Paganottis Stimme und nicht zuletzt das virtuose Spiel des Avantgarde-Gitarristen, Komponisten und Arrangeurs sorgen für einen konzeptionellen Reichtum der Neuinterpretation.

Schade nur, dass die Akustik zumindest im ersten Teil des Konzertabends der musikalischen Qualität des Nonetts nicht standhält. So geht zum Beispiel die komplexe lange Musik-Collage von Time völlig im Klangbrei der deutlich übersteuerten Bässe unter. Dies gilt auch für die Soli der Bandmitglieder. Der Einsatz von Elektronik kommt leider ein wenig zu stark als Effekt-Overkill daher und wirkt teilweise zu sehr gewollt und angestrengt anders, als wolle man den starken Sound des Originals übertreffen. Leider wirkt nicht nur der Umgang mit der Aussteuerung unausgewogen, die neun Musiker brauchen offensichtlich erst einmal ein wenig Zeit, sich einzuspielen und sich auf das vorgegebene Notenmaterial einzustellen. Vor allem im zweiten Teil des Konzertabends scheint die Band aufgetaut zu sein, es wird rockig-fetzig, die Abstimmung der Bläser mit der Rhythmus-Sektion ist eindeutig glatter und zeigt eindrucksvoll, dass Nguyên Lê hervorragende Solisten um sich versammelt hat. Ein elektronisch und von Gitarre begleitetes Intro bei Money gibt einen gelungenen Einstieg in eine spielfreudige Session mit fließenden Übergängen bei den Titeln, die mit ostinaten Rhythmus-Mustern einsteigen, um in ein abwechslungsreiches und filigranes Ensemble- und Solo-Spiel aufzugehen. Die Re-Orchestrierung des Bigband-Materials kommt deutlich „harmonischer“ rüber, die Bläsereinsätze sind präziser, die Soli filigraner und expressiver als im ersten Konzertteil. Geht der Gitarren-Sound im Ensemble-Spiel ein wenig zu stark unter, gelingen Nguyên Lê vor allem in den nur mit Bass und Drums begleiteten Passagen wunderbare Gitarren-Soli, kraftvoll rockig à la Hendrix gespielt, oder – wie im Intro zu Dark Side of the Moon – mit asiatisch anmutenden Klangfarben verziert, mit der der in Paris lebende Gitarrist die kulturellen Wurzeln seiner vietnamesischen Eltern ebenso organisch in sein Spiel einwirkt. Eine wirkliche Weltmusik. Die Arrangements, die musikalische Umsetzung von Celebrating the Dark Side oft he Moon wirken wie das Prisma des Album-Covers von Pink Floyd: Es entstehen neue Klangfarben, es entwickeln sich eigene musikalische Ideen fernab von beweihräucherndem Zitieren des Megasellers der Rockgeschichte. Das dürfte auch den eingefleischten Pink Floyd-Fans gefallen.

Nguyên Lê (g), Himiko Paganotti (voc), Illya Amar (vb), Romain Labaye (b), John Hadfield (dr), Francesco Bearzatti (ts/cl), Daniel Zimmermann (tb), Céline Bonacina (bs/as)

Der nächste Pink Floyd-Abend im domicil: am 17.01.2019 mit The Dorf Plays Ummagumma.