Festivals in NRW

Multiphonics Festival 2018 |

Brazilian Night - FisFüz / Wood for Winds

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Köln, 06.10.2018 | Nach dem vielversprechenden Festivalstart am 2.10. gab es im Stadtgarten Köln am 3. und 4.10. zwei weiterehervorragende Doppelkonzerte.

Brasilianischer Abend: Trio Correnteza

Gabriele Mirabassi hält es während des Spielens nicht auf seinem Stuhl, er tänzelt, steht auf einem Bein und spielt voller Emphase seine Soli. Er ist mit seinem Trio Correnteza zu Gast in Köln. Das Trio hat sich der brasilianischen Musik verschrieben. Mit dabei sind der brasilianische Gitarrist Roberto Taufic, der in Turin lebt und die italienische Sängerin Christina Renzetti. Sie spielen Lieder von Antonio Jobim, oder Milton Nascimento. Das Trio schafft es die tiefen Gefühle der Musik zu vermitteln, besonders die ausdrucksstarke Stimme von Christina Renzetti, die natürlich in Portugiesisch singt, trägt viel dazu bei. Anat Cohen, die hinter Bühne zuhört, sagt: „We all became very emotional.“

Verlust und Schmerz sind aber nicht die einzigen Themen. Auch die Liebe hat viel Raum. Das ländliche Brasilien ist ihr Thema. Aber auch im ländlichen Italien gibt es ähnliche Probleme. So besingt ein Lied eine ungewöhnliche Liebe in Sardinien, zwischen einem jungen Mann und einer schönen Eselin, die leider keine Chance hat, da sie Cousins ersten Grades sind.

Gabriele Mirabassi ist ein exzellenter Klarinettist, mit klassischer Ausbildung, der lange Jahre Klassik spielte, bevor er zum Jazz kam und mit John Taylor, Kenny Wheeler u.a. zusammen arbeitete. Er empfahl dem Publikum Lieder von Jobim, wie Canta Canta Mais, das viele Bezüge zur Musik von Villa Lobos besitzt, wie Kunstlieder von Schubert oder Schumann zu hören, nur in einem tropischen Gewand.

Wunderbare Musik, die das Publikum begeistert. Das erste Mal auf dem Multiphonics Festival, das Gesang und Klarinette gepaart wurden. Ein voller Erfolg.

Anat Cohen & Trio Brasileiro

Weiter geht es mit Choro Musik aus Brasilien. Anat Cohen, Artist in Residence und die brasilianischen Musiker des Trio Brasileiro haben sich dieser Musik verschrieben. Choro ist Ende des 19 Jhs. in Rio de Janeiro als Verbindung von europäischer Musik mit der Musik der afrikanischen Sklaven entstanden, also eine Musik die Elemente aus verschiedenen Musikstilen der Welt vereinigt.

Typisch für die Choro Musik ist die siebensaitige Gitarre, gespielt von Douglas Lora, die Mandoline (port.: Bandolim) gespielt von Dudu Maia, der Pandeiro, eine Art Tamburin geschlagen von Alexandre Lora und die Flöte oder Klarinette gespielt von Anat Cohen. Die meisten Stücke der Choro Musik haben ein hohes Tempo und eine Melodie- und Rhythmusstruktur die auf 16 teln basiert, die aber wie im Samba nicht gleichmäßig phrasiert werden. Das erfordert eine hohe Virtuosität, wie sie die Musiker des Trio Bralileiro und Anat Cohen mitbringen. Mit ihrer mitreißenden Musik gewinnen sie vom ersten Stück an das Publikum für sich. Das Programm ist sehr vielfältig und abwechslungsreich. Traditionelle Stücke, wechseln mit Kompositionen der Trio Musiker und von Anat Cohen ab. So spielen sie einen Heavy Choro, eine Hommage an die frühen Rock´n Roll Jahre der Trio Musiker. Die Komposition In The Spirit Of Baden von Cohen ist von dem großen Bossa Nova Gitarristen Baden Powell inspiriert. Neben der Musik als Quartett, gibt es zwei großartige Duos, Klarinette und Gitarre sowie Klarinette und Pandeiro. Hier zeigt sich noch einmal die ganze Virtuosität von Anat Cohen und der brasilianischen Musiker.

Das Trio Brasileiro hat auch einen eigenen Part ohne Anat Cohen. Hier spielen sie auch Musik von Jacob de Bandolim (1918-1969), einem der bedeutenden Komponisten und Mandolinenspieler der Choro Musik. In diesen Stücken kommt besonders der Mandolinenvirtuose Dudu Maia zur Geltung.

Standing Ovations, und Zurufe zeigen die Begeisterung des Publikums, zu dem auch einige Brasilianer*innen gehören. Ein Abend der die Zuhörer*innen sehr beschwingt nach Hause entlässt.

Ensemble FisFüz+Matinier/Shilkloper

Das Ensemble FisFüz, in dem Annette Maye, die Leiterin des Festivals spielt, stellt auf dem Konzert sein Eurasian Project vor. Dazu hat FisFüz zwei herausragende Musiker und Improvisateure eingeladen, den französischen Akkordeonspieler Jean-Louis Matinier und den Hornisten Arkady Shilkloper, der aus Russland stammt.

Eröffnet wird das Konzert vom Trio FisFüz allein, mit einem Aserbeidschanischen Lied, das von Frühlingsgefühlen handelt. Murat Coskun an den Rahmentrommeln und Gürkan Balkan an der Oud, der arabischen Laute.

Danach kommen die beiden Gastmusiker hinzu und verstärken das Ensemble und Gürkan Balkan wechselt für Eurasian 1 an die Gitarre. Ein weiteres Stück ist dem Frühling gewidmet, ein lyrisches Stück mit einem langen Akkordeon Solo von Matinier. Der Frühling kommt hier auf leisen Sohlen. Das Stück geht dann in ein beschwingtes Georgisches Tanzlied über.

Weiter geht es mit FizFüs und einem Stück aus Usbekistan, hier spielt Annette Maye erst Bassklarinette und später Klarinette und Gürkan Balkan die Oud. Die Stücke zeigen die Vielfalt der Musik Mittelasiens. Arkady Shilkloper ist nicht nur ein begnadeter Hornist auf Arten von Hörnern, so setzt beim nächsten Lied ein Alphorn ein. Mit einem langem melodiösen Alphorn Solo beginnt das Stück und mit leisen Akkordeon Tönen kommt Jean-Louis Matinier dazu.

Von Mittelasien geht es nach Osteuropa mit einem Tanz aus der Ukraine. Hier spielt Shilkloper wieder sein Flügelhorn und Murat Coskun ein neu entwickeltes Tamburin.

Annette Maye spielt ein eindrückliches Duo mit Arkady Shilkloper. Anklänge an Klezmermusik sind hier sehr deutlich.

Ein Konzert mit temperamentvollen Rhythmen aus Mittelasien und Osteuropa, mit lyrisch gefühlvollen Stücken und Tänzen, traditioneller Volksmusik, eigenen Kompositionen, notierter Musik und viel Improvisation.

Christina Fuchs - Multiphonics Seven play Wood4Winds

Nach der Reise durch die Volksmusik Mittelasiens und Osteuropa, geht es weiter mit Kunstmusik aus Europa und Jazz. Christina Fuchs bekam für das Festival einen Kompositionsauftrag. Nun ist im Stadtgarten die Premiere. Sie hat ein sehr spannendes Grundkonzept entwickelt: ein Klarinetten Quartett, ähnlich einem Streichquartett, gepaart mit einer Rhythmusgruppe. Eine Kombination, die es in dieser Form noch nicht gibt. Unter dem Titel Multiphonics Seven play Wood4Winds stellt sie ihre Kompositionen vor.

Das Klarinetten Quartett besteht aus vier Klarinettist*innen, die in den Festivalkonzerten bereits erfolgreich aufgetreten sind: Anat Cohen, Annette Maye, Kazutoki Umezu und Gabriele Mirabassi. Ein Klarinetten All Star Quartett auf höchstem Niveau. Dazu kommen drei renommierte Rhythmiker: Christoph Hillmann am Schlagzeug, Reza Askari am Bass und Hans Lüdemann am Piano.

Mit dieser hochkarätigen Besetzung kann Christina Fuchs ihre anspruchsvolle und komplexe Musik, trotz der wenigen Zeit zum Einstudieren, auf das Beste umsetzen.

Im ersten Stück Ondulation – Wellenbewegung, z.B. des Delphins – sind musikalische Wellen das Grundmuster. Das Klarinetten Quartett eröffnet mit einem leichtem An- und Abschwellen, dann geht Mirabassi mit gewohntem Temperament in ein Solo über, danach setzt die Rhythmusgruppe ein, gefolgt von einem wilden Solo von Kazutoki Umezu.

Eine Komposition hat Christina Fuchs dem Kronos Quartett gewidmet, dessen kreative Arbeit sie inspiriert hat. Hier wird noch einmal deutlich, welche großartige Rhythmusgruppe auf der Bühne ist. Ebenso wie das Klarinetten Quartett für sich ein großartiges Ensemble darstellt, ist auch die Rhythmusgruppe allein schon herausragend. In der Paarung, im Miteinander und Gegeneinander, entsteht etwas ganz Besonderes.

Die Kompositionensind voller tiefgründiger Ideen, kommen aber mit Leichtigkeit und Swing daher. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, so ist ein Stück dem Schweizer Postboten in den Bergen gewidmet, der mit seiner Hupe immer wieder ein Signal in A Dur gibt. Dieses Signal zieht sich durch alle Instrumente und wird dann variiert bzw. darüber wird improvisiert.

Christina Fuchs hat wirklich spannende Kompositionen geschaffen, mit einem guten Gespür für die Balance aus notierten Teilen und Improvisationen. Und mit diesen großartigen Multiphonics Seven macht es große Freude diese Stücke zu hören. Immer wieder außergewöhnliche Soli oder Duos, ob von Christoph Hillmann, Hans Lüdemann oder Reza Askari, oder von Klarinettist*innen. Ein Abend an dem in beiden Konzerten auch deutlich wird, welch herausragende Klarinettistin Annette Maye ist.

Das Publikum ist sehr angetan von diesem Konzert. Ein echtes Highlight des Festivals. Dank an Christina Fuchs und die Musiker*innen, die uns reich beschenkt haben.

www.multiphonics-festival.com