Festivals in NRW

Schönes Wochenende Festival |

Masters of Minimal

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Susanne Diesner

Düsseldorf, 25.01.2018 | In der Düsseldorfer Tonhalle sind an diesem Wochenende außergewöhnlich viele junge Leute im Publikum. Der Anlass dafür ist das Schöne Wochenende Festival mit dem Thema: Masters of Minimal. Das Festival widmet sich an drei Abenden dem Thema Minimal Music.

In den letzten Jahren ist das Interesse an dieser Musik wieder stark gewachsen. Viele Musiker aus dem Bereich Jazz und aktueller Musik setzen sich mit der Minimal Music auseinander. So betont etwa der Bassist und jetzige Leiter des Moers Festivals Tim Isfort in einem Interview mit NRW Jazz, dass er sich in den letzten Jahren viel mit Minimal Music beschäftige und dies auch in sein Spiel einfließe. Aber auch in der Clubmusik ist der Einfluss der Minimal Music zu spüren.

Auch wenn der Begriff Minimal Music sehr unscharf ist, hat er sich doch als Genrebezeichnung durchgesetzt für die Musik der frühen Werke der Komponisten und Musiker La Monte Young, Steve Reich, Philipp Glas und Terry Riley. Bei aller Unterschiedlichkeit ist die Kunst der Reduktion,die Wiederholung, rhythmische Verschiebung und das Weglassen von Spannungsbögen ein gemeinsames Merkmal ihrer Musik. Beeinflusst von Jazz, afrikanischer Polyrhythmik und asiatischer Musik, aber auch im Gefolge von John Cage und Morton Feldman, entwickelten die Minimalisten ab den 60ern in New York in enger Verbindung mit der Kunstszene ihre Musik.

A Tribute to Minimal Music

Der erste Festivalabendfindet im NRW Forum statt und stellt in vier Konzerten mit sehr unterschiedlichen Musiker*innen verschiedene Facetten der Minimal Music vor.

Das erste Konzert findet an zwei Flügeln statt. Die britische Jazzpianistin Julie Sassoon spielt zusammen mit den Pianisten Ernst Surberg und Christoph Grund die Werke Evil Nigger und Gay Guerilla des wiederentdeckten afroamerikanischen Komponisten und Musikers Julius Eastman (1940 – 1990). Das Werk von Eastman ist eine kreative Weiterführung der Minimal Music.

[Siehe dazu auch Bericht über die Eastman Konzertnacht mit Erläuterungen zu den Werken: http://nrwjazz.net/jazzreport/2017/Julius_Eastman_Abend_von_Tra_I_Tempi1512400081/ ]

Danach führt der Balafon Virtuose Aly Keita aus der Elfenbeinküste das Publikum mit seiner polyrhythmischen Schlagwerkmusik an eine der wichtigen afrikanischen Wurzel der Minimalisten heran. Aly Keita verbindet in seinem Spiel afrikanische Rhythmik mit Elementen des Jazz. Er hat mit Pharao Sanders, Joe Zawinul, Paolo Fresu und vielen anderen Größen des Jazz zusammengespielt.

Im dritten Konzert kommen nur Saxophone zum Einsatz. Das Sinum saxophone quartet, Grenzgänger zwischen Klassik und Jazz, spielt Werke von Steve Reich, György Ligeti und Michael Nyman.

Das letzte Konzert bringt das Publikum zum Ursprung der Minimal Music. Stefan Schneider und Sven Kacirek an Elektronik und Vibraphon spielen mit der schwedischen Jazz Sängerin Sofia Jernberg in ihrem Konzert u.a. Composition 1960 #7. A bare open fifth (b+f*)To be held for a long time. Dieses Werk des Fluxus Künstlers La Monte Young gilt als der Ausgangspunkt der Minimal Music. Die erste Aufführung fand im New Yorker Atelier von Yoko Ono statt.

Ligeti goes Minimal – Philipp Glass Filmnacht

Am zweiten Festivalabend, nun in der Tonhalle, steht der ungarische Komponist György Ligeti im Mittelpunkt. Sein Werk ist breit gefächert und in ihm werden unterschiedliche musikalische Anregungen verarbeitet, so auch Minimal Music, die Ligeti 1972 kennenlernte.

Es werden drei Werke für zwei Klaviere von Ligeti aufgeführt.

Einem Werk gab er den Titel Selbstportrait mit Reich und Riley für zwei Klaviere (1976)und weist damit auf seine Quelle hin. Das Wort Selbstportrait im Titel deutet an, das Ligeti auch eigene Ideen und Techniken einsetzt, die er mit minimalistischen Verfahren verbindet. Er benutzt Überlagerungen und Verdichtungen von Klängen, die wir bei den amerikanischen Minimalisten nicht finden. Die beiden Pianistinnen Frederike Möller und Yukiko Fujieda bringen die Stücke meisterhaft und mit ungeheurem körperlichen Einsatz zu Gehör.

Das Spectra Ensemble Gent und das notabu.ensemble neue musik spielen zwischen diesen Klavierwerken die Stücke Eight Lines (1983) von Steve Reich und Tread on the Trail (1965) von Terry Riley. Das Nebeneinander von Ligeti und den Minimalisten lässt sehr deutlich ihre musikalische Verwandtschaft heraushören.

Während Eight Lines nicht zu den frühen Minimal Werken gehört, hat Riley Tread on the Trail nur ein Jahr nach seinem Minimal Debüt In C geschrieben. Riley gibt in seiner Komposition den Musikern viel Raum, er hat sechs verschiedene rhythmische Muster notiert, aber lässt den Verlauf des Stückes offen. Das Ensemble unter Mark-Andreas Schlingensiepen spielt das Stück in jazziger Manier.

Den Höhepunkt des Abends bildet Ligetis Konzert für Violine und Orchester von 1992, das zu den Hauptwerken des Komponisten zählt. Ein Werk in dem Ligeti die ganze europäische Musikgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart und verschiedene außereuropäische Musikkulturen, wie die afrikanische, eingeschmolzen hat. Das Ensemble unter Filip Rathè und die hochvirtuose Solovioline von Barnabàs Kelemen erzeugen immer neue Klangfarben. Kelemen, der die Violine auch während der Uraufführung des Werkes in Budapest spielte, zeigt eine unglaublicher Meisterschaft bei der Bewältigung dieses schwierigen Stücks und sorgt damit für große Begeisterung beim Publikum.

Danach wird die Tonhalle zum Kino. Es werden die drei zivilisationskritischenFilme Koyanisqatsi, Powaqatsi und Naqoyqatsi von Godfrey Reggio gezeigt. Die Filme, vor allem Koyanisqatsi, wurden Kultfilme der Ökobewegung und machten Philipp Glass, der die Filmmusik schrieb, einem breiten Publikum bekannt.

Minimal goes Clubbing

Der dritte Abend hat einen völlig anderen Charakter. In Zusammenarbeit mit der Clara-Schumann-Musikschule und der Filmwerkstatt wird das Projekt Urban Loops and Drones vorgestellt, bei dem junge Kompositionsschüler*innen den sich wiederholenden Geräuschen und Klängen der Stadt nachspüren und diese in Musik und Film umsetzen. Dazu wird auch ein Soundwalk rund um die Tonhalle angeboten.

Anschließend verwandelt The Brandt Brauer Frick Ensemble die ehrwürdige Tonhalle in einen Dance Club. Daniel Brandt an Perkussion, Jan Brauer am Moog Sythesizer und Paul Frick am Piano sind mit ihrer Synthese aus Jazz, Pop, Klassik und Clubmusik weltweit erfolgreich. Ursprünglich ein Trio, das im Berliner Technoclub Berghain bekannt wurde, haben sie nun mit sieben weiteren Musiker*innen mit Geige, Cello, Posaune, Tuba, Harfe, Vibraphon und Perkussion The Brandt Brauer Frick Ensemble gebildet. Sie sind auf dem Montreux Jazzfestival ebenso aufgetreten wie auf dem Glastonbury Festival und im Lincoln Center New York ebenso wie in berühmten Technoclubs. In ihrer Musik ist der Einfluss der Minimal Music deutlich zu hören. Durchlaufende Beats, spacige Synthesizerklänge und Einsatz der akustischen Instrumente, kreieren einen tranceartigen Klangteppich voll schillernder Klangfarben. Eine enorme Vielfalt an Klängen und Rhythmen, bei gleichzeitiger Monotonie des durchlaufenden Beats. Alle Genregrenzen werden aufgehoben und trotzdem ist es tanzbare Clubmusik. Das Publikum, das an diesem Abend noch mehr aus jungen Leuten besteht, feiert die Musiker, die sich mit einer sehr langen Zugabe dafür bedanken.

Minimal Music hat ihren Weg aus New York in die europäische Gegenwartsmusik gefunden, zeigt ihre Spuren in Jazz, Rock, Punk und Avantgarde. Das Schöne Wochenende Festival hat den Weg dieser wichtigen Strömung der Gegenwartsmusik von ihren Ursprüngen bis zu ihrer populärsten Reinkarnation als Clubmusik musikalisch nachgezeichnet und für das Publikum erlebbar gemacht – und dabei neue Besucher in den Konzertsaal geholt.

Ein Schönes Wochenende Festival ganz anderer Art als seine Vorgänger, aber wieder angefüllt mit spannender Gegenwartsmusik.