Festivals in NRW

Jazzfest Bonn |

Martin Albrecht - Scriabin Code & Michael Wollny Trio

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Lutz Vogtländer/Walter Schnabel

Bonn, 16.05.2018 | Mit einem eindrucksvollen Doppelkonzert von Martin Albrechts Scriabin Code und dem Michael Wollny Trio in der Bundeskunsthalle geht das Jazzfest Bonn zu Ende.

Martin Albrecht – Scriabin Code

Martin Albrecht, Klarinettist mit klassischer- und Jazz Ausbildung, fühlt sich besonders von der Musik des russischen Pianisten und Komponisten Alexander Scriabin (1872-1915) angesprochen. Scriabin, Mystiker und Theosoph, hatte beim Hören von Tönen bzw. Tonarten gleichzeitig ein Farberlebnis (Synästhesie). Er ordnete in seinen Kompositionen den Tönen bestimmte Farben zu und hat auch ein Farbklavier entwickelt, um zusammen mit Tönen auch Farben zu erzeugen. Martin Albrecht und sein Scriabin Code knüpfen daran an und verbinden in ihrem Konzert ebenfalls Klang und Farbe. Die Musik wird elektronisch in Farbbilder umgesetzt und von Reinhard Geller an den Reglern moduliert und bearbeitet.

Aber dies ist nur ein Aspekt des Konzerts. Die großartige Pianistin Asli Kilic spielt Werke von Alexander Scriabin und aus diesen Werken greift Albrechts Sriabin Code Akkorde oder Motive heraus und improvisiert darüber. Scriabin wird dekodiert und in ein Jazz Ideom übertragen.

Das erste Werk das Asli Kilic spielt ist Prelude Opus 11, ein frühes Klavierwerk, das noch von Debussy beeinflusst ist. Dann wechselt Daniel Prandl an den Flügel und spielt eine ostinate Akkordfolge, die aus Scriabins Werk abgeleitet ist. Auf der Bühnenleinwand entstehen Farbbilder, die sich mit der Musik verändern. Nun greifen Klarinette, Bass und Schlagzeug die Figur des Pianisten auf. Es folgt ein Basssolo von Katharina Gross, das von Martin Albrecht elektronisch verfremdet wird. Auf der Leinwand entstehen wild sich verändernde schwarze Linien. Das Solo geht in Ensemblespiel über und dann kehrt das Klavier zu seinem Ostinato zurück. Es folgen eine lange Improvisation von Martin Albrecht auf der Bassklarinette und ein Schlagzeugsolo von Dirik Schilgen. In dieser Weise entwickelt sich das Konzert weiter, auf die Scriabin Originale folgen die Improvisationen des Scriabin Code. Nach den romantisch und impressionistisch gefärbten Stücken folgen die 5 Preludes Opus 74, Scriabins letzte Werke vor seinem Tod. In diesen Werken arbeitete er mit eigenenharmonischen Regeln und wendete den sogenannten “Mystischen- oder Prometheus Akkord“ an. So bekommt das Publikum neben Jazz auch einen Einblick in die Musik von Alexander Scriabin.

Ein großartiges Konzert, das vom Miteinander notierter und improvisierter Musik und vom Miteinander von klassischer Musik und Jazz lebt. Und natürlich von den großartigen Musiker*innen, die dies umsetzen. Das Bonner Publikum ist beeindruckt und spendet begeistert Beifall.

Vielen Dank an Peter Materna, der den Mut hat, solche ungewöhnlichen und experimentellen Seiten des Jazz in das Abschlusskonzert des Jazzfestes hineinzunehmen.

Michael Wollny Trio

Nach der Pause geht es mit dem Michael Wollny Trio weiter. Michael Wollny als absoluter Publikumsliebling ist bereits zum vierten Mal Gast auf dem Bonner Jazzfest. Im Trio mit Christian Weber am Bass und Eric Schäfer am Schlagzeug spielte er zuletzt 2016 in der Aula der Universität.

Das Trio spielt immer kleine Blöcke aus mehreren Stücken, die ineinander übergehen. So eröffnet das Trio mit einem Arrangement zu dem alten Song Big Louise von Scott Walker (1969). Es folgt übergangslos Perpetuum mobile eine Komposition von Schlagzeuger Eric Schaefer und Interludium von Paul Hindemith. Dieser erste Block zeigt das Wollny keine Grenzen in der Musik akzeptiert, seien es Genregrenzen oder Grenzen zwischen E- und U-Musik. Ein alter Popsong, ein Original und ein Werk aus der Neuen Musik. Paul Hindemith (1895-1963) ist Wollnys Bruder im Geiste. In seinen jungen Jahren provozierte Hindemith mit neuartigen Klängen, setzte Dissonanzen, scharfe Brüche und Elemente aus dem Jazz in seiner Musik ein.

Michael Wollny schockiert heute niemanden, ganz im Gegenteil er ist einer der beliebtesten und meistgehörten Jazzmusiker in Deutschland, vielleicht gerade weil er Grenzen überschreitet und dies mit großer Virtuosität macht.

Das Michael Wollny Trio ist ganz aufeinander eingespielt. Die Musiker hören und reagieren aufeinander, und verständigen sich mit Blickkontakt und kleinen Gesten. Immer wieder sieht man bei den Musikern überraschte Gesichter, wenn die Musik eine ungewohnte Wendung nimmt.

Der Rahmen der Stücke ist gegeben, aber wie sie ausgeformt werden, das entsteht im gegenwärtigen Moment auf der Bühne. Mit Eric Schaefer am Schlagzeug, der auch als Komponist für das Trio fungiert, undChristian Weber am Bass hat Michael Wollny auch Musiker an seiner Seite, die sich mit ihm zusammen auf das Abenteuer der Improvisation einlassen können.

Wollny spielt in der Bundeskunsthalle noch körperlicher als man es von den meisten Konzerten gewohnt ist. Ein echter Derwisch am Klavier, der sich immer wieder in eine richtige Ekstase spielt. Aber nicht das ungemein schnelle und wilde Spiel zeichnet ihn aus, sondern die Fähigkeit feine differenzierte Passagen genauso gut zu spielen, wie die expressiven Stellen. Die meisten Stücke des Konzerts stammen aus den beiden kürzlich erschienen Alben Oslo und Wartburg. Aber auch aus dem Album Weltenraum spielt das Trio ein Stück, die Wollny Komposition When The Sleeper Wakes. Als Michael Wollny den Titel nennt sorgt er für Heiterkeit in der Halle. Hat er doch gerade das Stück unbändig wild beendet.

Am Ende des Konzerts steigert er sein Spiel in einen wahren Rausch und schlägt mit dem Unterarm Kluster auf der Tastatur an.

Der Moderator Thomas Heyer nennt das Konzert “betörend und virtuos“ und er drückt damit die Stimmung des Publikums aus. Beifallsstürme und Standing Ovations, das Publikum ist regelrecht hingerissen. Was für ein Abschluss für ein erfolgreiches Jazzfest Bonn?

Es gab 12 Doppelkonzerte mit deutschen und internationalen Jazzgrößen und jungen Musiker*innen, die auf dem Sprung sind. Über 6000 Besucher*innen sorgten dafür, dass fast alle Konzerte ausverkauft waren. Wir dürfen uns schon jetzt auf das 10. Jazzfest Bonn 2019 freuen.

Am 21. Juni werden Konzertmitschnitte des Jazzfest Bonn in der Jazzline des WDR Rockpalastes gesendet.

www.jazzfest-bonn.de