CD-Rezension

Keith Jarretts After The Fall |

Wiedergeburt des großen Pianisten mit seinem Referenz-Trio

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

München, 12.04.2018 | Der Verdacht, ein Label kramte mit rein kommerziellem Interesse noch nach den kleinsten Krümeln in seiner Star-Kiste der noch unveröffentlichten Aufnahmen, ist bei der gerade bei ECM erschienen Doppel-CD von Keith Jarretts After The Fall nach dem ersten Höranlauf voll und ganz ausgeräumt. Das Album entpuppt sich als ein ganz besonderes, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Musikalisch kann es getrost zu den besten in der 30-jährigen Geschichte des „Standard Trios“ mit dem Pianisten und dem Bassisten Gary Peacock und dem Drummer Jack DeJohnette zählen, biographisch markiert es einen wichtigen Wendepunkt in Jarretts Leben, der sich im November 1998 nach zweijähriger Burn out-bedingter Auszeit wieder an ein Live-Konzert wagte und für sich damit eine neue Schaffensperiode eröffnete.

Jarrett nutzt für seine ersten Gehversuche auf öffentlichem Parkett nach seiner Zwangspause in dem Konzert in New Jersey Standards aus dem All American Songbook wie The Masquerade Is Over und Autumn Leaves in langen Versionen, in denen er sich und seinen Mitspielern Gelegenheit zum spielerischen „Auftauen“ gibt. Charlie Parkers Scrapple From The Apple, Bud Powells Bouncin’ With Bud und Sonny Rollins Doxy aus der Schatztruhe des Bebop sprühen vor zurückgewonnener Spiel-, ja Lebensfreude. Late Lament aus der Feder von Paul Desmond erscheint als verhaltener und nachdenklicher Klagegesang. Das Weihnachtslied (!) Santa Claus Is Coming To Town mutiert zu einem Gute-Laune-Bebop-Stück. In Coletranes Moment’s Notice schöpft das Trio aus dem Vollen, die Uptempo-Nummer strotzt nur so vor Kraft und Energie. Die vom Trio oft gespielte Zugabe When I Fall In Love beendet auch dieses Album – in einer bewegend-melancholischen Version.

Das gesamte Album ist von einer groovenden Lebendigkeit und einer abgeklärten Anmut gekennzeichnet. Die Kraft der Inspiration ist im Zusammenspiel der drei Musiker in jedem Takt zu spüren, ebenso die Energie, mit der die Weltklasse-Musiker sich gegenseitig antreiben und stimulieren und sich damit wieder als Trio der Referenz-Klasse erweisen. After The Fall ist in diesem Sinne – ECM sei Dank – ein Dokument einer Wiedergeburt, einer künstlerischen Reanimation. Großartig!

Keith Jarrett, Gary Peacock, Jack DeJohnette: After The Fall. ECM 2590/91