Empfindsam im Heute |

Jörg Brinkmann Trio auf dem Gelsenkirchener Nordsternturm

Text & Fotos: Stefan Pieper

Gelsenkirchen, 03.12.2018 | Der Cellist Jörg Brinkmann, der heute in Bochum lebt, wollte im Alter von 15 Jahren nicht einfach nur die Kompositionen anderer, meist toter Komponisten nachspielen. Infiziert von Rock und Blues begann er, über harmonische Schemata zu improvisieren. Die Initialzündung wirkte: Heute spielt er so ganz das, was ihm die eigene innere Stimme sagt - und das hat ihn zum wohl prominentesten Crossover-Jazz-Cellisten im Lande werden lassen. Er verleugnet seine klassische Prägung dabei in keinem Moment. Sein Ton, den er auf seinem über 200 Jahre alten Instrument erzeugt, wirkt mächtig geerdet und berührt tief. Auch und vor allem, wenn Brinkmanns Spiel in seiner aktuellen Triobesetzung wie in einer Symbiose aufgeht. Der Trio-Auftritt auf dem Gelsenkirchener Nordsternturm nahm übrigens mit brandneuen Stücken schon mal das neue CD-Album vorweg, welches gerade aufgenommen wurde.

Hoch oben auf der 11. Ebene dieses Industriedenkmals, wo der Blick weit über die Lichter des Ruhrgebiets reicht, wo noch einige letzte Stahlwerke und Fabriken vereinzelte Feuerstöße in den Himmel schicken, da versetzt das tiefempfundene Spiel dieses Trios zuverlässig in Trance:

Zu Anfang könnten Brinkmanns feinziselierte Arpeggieen auch einer Bachsuite zur Ehre gereichen. Auf der kleinen Bühne in der großen Maschinenhalle erzeugen sie auf Anhieb ein zartes harmonisches Geflecht, einen gemeinsamen Atem, in den sich die beiden völlig gleichberechtigten Mitstreiter geschmeidig einklinken. Vor allem Schlagzeuger Dirk-Peter Kölsch erweist sich als zart fühlender Melodiker, allein, wenn er mit zwei Bögen die Becken streicht, um mit zarten Sinustönen das Cellospiel zu „beantworten“. Und auch Jeroem van Vliet könnte endlos so weitermachen, wie er mit seinen unaufgeregten Läufen auf dem Wurlitzer E-Piano verträumte Geschichten erzählt, die nun durch die ehemalige Maschinenhalle fluten, wo die Räder schon seit vielen Jahrzehnten still stehen. Nicht Geschichte, sondern absolut zeitlos und gegenwärtig ist Jörg Brinkmanns Spielkultur auf dem Cello. Sein Spiel spannt weite, lyrische, oft melancholische und meditative Bögen. Wie eine ausgebildete Singstimme reizt sein Spiel das Spektrum von tiefer sonorer Tenorlage bis in höchste Flagoletts hinein aus. Er dosiert das Vibrato auf den Punkt, kann aber zugleich in betont jazziger Manier die Tonabstände verschleifen und dehnen. Uneitler kann man wohl kaum auf der Höhe der Zeit Musik machen - und freigeistiger wohl kaum klassisch-romantische Cello-Tugenden in einem heutigen, improvisierten musikalischen Umfeld wirken lassen! Diesem Cellisten und seinen Triopartnern ist auf jeden Fall extrem viel bewusst in diesem Moment.

Viele der Stücke erfahren an diesem Abend ihre Deutschland-Premiere. Sie sind melodisch-lyrisch, manchmal auch rockig gefärbt. Sie offenbaren weite Räume für spannende Soli oder komplexe Kollektivimprovisationen. Besonders ergreifend wirkte eine ruhige, innige Ballade, die vor der Pause erklang: „Farewell“ - hoffentlich nicht für lange! Denn schon jetzt darf man sich auf das neue Album freuen, welches im Sommer erscheint.