CD-Rezension

Travelin |

Raffinierte Musik von vier Weltreisenden in Sachen Jazztradition

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 24.02.2018 | Recht hat er, wenn er auf ein mangelndes Geschichtsbewusstsein von Jazzern und Jazz-Hörern verweist, für die der Jazz erst mit Miles Davis oder John Coltrane beginnt. Zurecht weist Chris Hopkins, Mitglied des überaus erfolgreichen Quartetts Echoes of Swing, in seinem Interview mit nrwjazz (s. nrwjazz) darauf hin, dass eine solche Haltung allgemein Kunst und Philosophie fremd ist. So ist es das Credo des mittlerweile 20 Jahre tourenden Quartetts mit Colin T.Dawson (Trompete, Cornet, Flügelhorn, Vocal), Chris Hopkins (Altsaxophon), Bernd Lhotzky (Piano, Celesta) und Oliver Mewes (Drums), an die Geschichte des Jazz zu erinnern.

Die Musiker tun dies in ihrem neuen Album mit dem für ihre langjährige Tour-Geschichte bezeichnenden Titel Travelin’ in einer für die Gruppe typischen Traditionspflege. Ihre Zeitreise to the roots of the jazz umfasst fünfzehn Titel, die unterschiedliche Bezüge zum Reisen in verschiedenen Stilistiken behandeln.

Der Trip startet mit Orient Express, einem fröhlich beschwingten geraden Boogie-Woogie mit orientalisch klingenden Anleihen. Den italienischen Schlagerklassiker Volare präsentiert die Combo als schnelle old fashioned-Nummer mit einem perfekten Harlem Stride-Solo von Bernd Lhotzky am Piano und einer wunderschönen Einlage des Altsaxophonisten. Dessen bluesig-schmachtendes Horn umspielt den leicht schnulzigen Gesang von Colin T. Dawson in dem Nat Adderley-Song The Old Country, auch als Bläser trifft dieser exakt den „moderneren“ Mood des Stücks. Der Swing von On A Slow Goat Through China drückt nicht nur im ironischen Wortspiel des Titels die Lust des Quartetts am augenzwinkernden Umgang mit Material aus der Schatztruhe der Tradition aus. Auch in Das Wrack der Guten Hoffnung im perfekt sitzenden Harlem-Stil spiegelt sich unüberhörbar der Spaß der vier an ihrem „düsteren“ Piratenstück wider. The Fiji Hula Bula ist „Gute Laune-Musik“ vom Feinsten. „Echoes“-typisch dabei die Kombination ganz unterschiedlicher Motive: hier die „Hula-Hula“-Stimmung mit einem Latin-Groove. Die langsamen Stücke Where Or When und das balladesk-schwebende On A Turquoise Cloud von Richard Rodgers bzw. Duke Ellington arbeiten kunstvoll mit Elementen des Blues, des frühen Coltrane oder mit Anklängen einer Bach-Figur. Der Jazz Waltz Cabin In The Sky beginnt mit einem tollen 2-stimmigen kanonartigen Intro der Bläser, aus dem sich ein rhythmisch komplexes Stück entwickelt. Das bodenständige und tanzbare Gan Hyem (Going Home) überzeugt mit wunderschönen Soli von Saxophon und gestopfter Trompete. Der Blues Southern Sunset von Sidney Bechet ist in farbenreichem Moll gehalten, En Auto ist ein Ragtime oder eher eine Novelty Song-Variante voller kompositorischer Tricks und eine kongeniale Verbeugung vor dem Echoes-Vorbild, dem Jazzpianisten Dick Hyman. Dank der Celesta-Begleitung klingt Trav’lin’ Light „himmlisch“ und glockenspielartig. Getragen von einem gradlinigen Walking Bass der linken Hand von Bernd Lhotzky lädt es zum entspannten Zurücklehnen des Zuhörers ein. Das Coleman Hawkins-Stück Disorder At The Border mit einem von den beiden Bläsern unisono gespielten Thema markiert in der Echoes-Version stilistisch den Übergang vom Mainstream Swing zum Bebop – mit Anklängen an Roy Eldridge und Dizzy Gillespie. Die Reise endet mit Wohin?, einem gospelartigen Stück basierend auf, ja: Schuberts Schöne Müllerin.

Bei Echoes of Swing verwundern dieses Aufgreifen von unterschiedlichstem Material und das Überführen in eine eigene musikalische Vielfarbigkeit nicht wirklich. Die einzigartige Band mit ihren hervorragenden Musikern versteht es, das Erbe des Jazz zu pflegen - mit swingendem Approach und einer von Nostalgikern und Retro-Kopisten unerreichten Raffinesse und Eleganz. Ihre musikalischen Einfälle und Arrangements zeugen von einem enzyklopädischen Wissen um jazzgeschichtliche, um allgemeine musikalische Entwicklungen. Ihre Beliebtheit resultiert sicherlich aus ihrer stilsicher und humorvoll vorgetragenen Musik, mit der sie die „helle Seite“ des Jazz, seinen Spaß, ja seine unterhaltende Funktion repräsentieren. Das wollen die Echoes auch überhaupt nicht verleugnen. Sie machen dies auf eine unnachahmlich ideenreich kunstvolle Art und Weise. Man wünscht ihnen und uns weiterhin fröhliches Reisen.

Von den über 100 Stationen in diesem Jahr führt die Reise des Quartetts übrigens auch an den Wohnort von Chris Hopkins, nach Bochum, in das wunderschöne Anneliese Brost Musikforum Ruhr. Am 24.03.2018 spielt das Quartett im Großen Saal, um Karten sollten sich Interessierte schnell kümmern, Echoes-Konzerte sind immer und überall schnell ausverkauft.

Echoes of Swing: Travelin’. ACT 9104-2