Interview

20-jähriges Bühnenjubiläum von Echoes of Swing |

Nostalgiefreier Umgang mit der Jazztradition

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 24.02.2018 | 20 Jahre Bühnenjubiläum für Echoes of Swing – Anlass für Heinrich Brinkmöller-Becker, einen der Künstler des ausgesprochen erfolgreichen Quartetts, Chris Hopkins, zu interviewen. Zum Jubiläum ist übrigens auch ihr neues Album erschienen: Travelin' (Rezension bei nrwjazz)

Echoes of Swing ist jetzt als Gruppe zwanzig Jahre konstant zusammen. So lange halten viele Ehen nicht. Was ist euer Rezept für diese Konstanz?

Anstelle dass es, wie bei vielen anderen Bands, einen musikalischen Leiter gibt, der das gesamte Programm vorgibt, während alle anderen einfach nur Mitspieler sind, haben wir von Anfang an eine musikalische Demokratie in der Gruppe etabliert. Jeder konnte immer seine Ideen einbringen, auch was die stilistische Herangehensweise oder Gestaltung betrifft und natürlich Titel vorschlagen, arrangieren oder komponieren. Bernd Lhotzky bringt beispielsweise viele Einflüsse aus der klassischen Musik ein, Oliver Mewes kommt ursprünglich vom moderneren Jazz, Colin Dawson, der von legendären Musikern in New Orleans gelernt hat, bringt eine gesunde traditionsorientierte Erdung auch aus dem Bereich des swingenden Mainstream, und ich bewege mich irgendwo zwischen all diesen Feldern. Dadurch ist mittlerweile ein unglaublich vielseitiges und stilistisch bewegliches musikalisches Kaleidoskop entstanden, in dem sich jeder individuell wiederfindet und das als Ganzes ein ich denke einmaliges Gesamtkonzept ergibt. Zudem hatten wir das Glück, stets die Möglichkeit zu haben, viele Konzerte zu spielen. Konstant Arbeit zu haben und dauerhaft inhaltlich gefordert zu sein, sich gemeinsam weiterzuentwickeln, verbindet natürlich auch.

Ihr tourt ja in diesen zwanzig Jahren buchstäblich durch die ganze Welt. Wie viel Auftritte habt ihr pro Jahr und wie hält man das durch?

Genau kann ich das nicht sagen, aber dieses Jahr sind es allein mit "Echoes of Swing" etwa 100 Konzerte, was natürlich wegen des Jubiläumsjahres außergewöhnlich ist. Aber man muss die Feste feiern wie sie fallen. Wir sind sehr dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die unsere Musik gerne hören. Das Reisen, besonders die weiten Entfernungen, fordern einen natürlich kräftemäßig enorm, und man muss auf sich aufpassen und zusehen, die Batterien regelmäßig wieder aufzuladen. Jedes Konzert, die Musik selbst, bleibt aber stets eine besondere Belohnung, welche jegliche Reise-Strapazen vergessen macht.

Was reizt euch an diesen weltumspannenden Reisen?

Dieses Jahr sind wir vermehrt in Deutschland und Zentraleuropa unterwegs, aber wir können uns glücklich schätzen, über die Jahre viele wunderbare interkontinentale Reisen machen zu dürfen, auf denen man besondere Menschen, andere Kulturen und Dinge erlebt, die einem in Deutschland nicht begegnen würden.

Allein unsere Reisen nach Japan, Neuseeland oder die Fiji-Inseln waren wirklich außergewöhnlich und spektakulär.

Welche Unterschiede spürt ihr bei den verschiedenen Publika?

Jedes Publikum ist anders, und da gibt es bekanntermaßen Unterschiede schon zwischen dem Rheinland, wo manchmal die Leute schon vor dem ersten Ton beinah aus dem Häuschen sind, und den vielleicht zurückhaltenderen Zeitgenossen in Ost-Westfalen. Solche Klischees gibt es interessanterweise ja tatsächlich, aber manchmal wird man auch überrascht. Ich erinnere mich auch an Konzerte in Japan, wo das Publikum mucksmäuschenstill im Saal saß, keinen Solo-Applaus - wie im Jazz üblich - spendete und auch nach den Titeln sehr zurückhaltend blieb, so dass wir einen Großteil des Konzertes den Eindruck hatten, es habe dem Publikum nicht gefallen. Am Ende aber überschüttete man uns mit einer nicht enden wollenden Begeisterung, ließ uns gar nicht mehr von der Bühne und umscharte uns im Anschluss mit Autogrammwünschen wie nach einem großen Pop-Konzert. Nach und nach verstanden wir dann, dass dies aus der für uns Europäer gänzlich andersartigen japanischen Kultur kommt - die Japaner wollten uns im Konzert Respekt zollen und - wie man bei einem klassischen Konzert nicht zwischen den Sätzen applaudiert - die Musik nicht stören und haben ihre Begeisterung aufgespart.

Was ist bei allen Unterschieden bei den Publikumsinteressen der Kern für eure Popularität weltweit?

Ich denke, jedes Publikum spürt den musikalischen Teamgeist auf der Bühne, zumindest hören wir das oft als Rückmeldung. Wir haben uns all die Jahre immer viele Gedanken darüber gemacht, wie wir ein abwechslungsreiches Programm präsentieren können, das das Publikum immer wieder überrascht, mal fordert dann wieder entspannt. Eine reichhaltige musikalische Reise, an die man hoffentlich lange nach dem Konzert noch zurückdenkt. Durch die stilistische Vielfalt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Jazz, Klassik, Latin und vielen anderen Einflüssen, findet sich auch jedes Publikum in der Musik wieder. Darüber hinaus moderieren wir unsere Konzerte gerne - hier bringt sich im Übrigen auch jeder von uns ein - und würzen die Ansagen gelegentlich mit ein wenig Humor und natürlich auch Information. Musikalische Qualität in Einklang mit einer geschmackvollen Unterhaltung zu bringen, ist uns immer ein besonderes Anliegen gewesen. In der Regel spürt das Publikum auf natürliche Art und Weise, dass wir großen musikalischen Spaß miteinander auf der Bühne haben und etwas passiert.

Eure Jubiläums-CD hat den Titel Travelin’. Wie finden sich eure beruflichen Reiseeindrücke in der Musik/in den 15 Titeln des Albums wieder?

Es gibt einige ganz konkrete Bezüge, z.B. bezieht sich Colin Dawson mit seiner Komposition "Gan Hyem" (was "Going Home" in seinem Dialekt bedeutet) auf seine nordostenglische Heimat, die wir gemeinsam besucht haben und der er sehr verbunden ist. Seine sehr humorvollen Ausführungen dazu in unseren Konzerten sollte man nicht verpassen! Bernd Lhotzky ist Halbfranzose, und in Frankreich waren wir sehr oft auf Tournee und natürlich meist "En Auto" - ich denke einige der Erlebnisse auf der Straße, auch auditiver Art, kann man Bernds Werk entnehmen (Lachen). "The Fiji Hula Bula" stammt aus meiner Feder und sollte ein wenig Urlaubsstimmung und Hängematten-Assoziationen hervorrufen - dazu muss man wissen, dass auf den Fiji Inseln neben der unglaublichen Hitze vor allem eine unfassbare Luftfeuchtigkeit herrscht und man sich in der Regel nur so wenig bewegt wie nötig… Der Orient-Express - eine abenteuerliche Reise (allerdings ohne Mord) - erinnert u.a. an eine Jazz-Kreuzfahrt auf dem Schwarzen Meer, die wir vor einigen Jahren unternommen haben und die in Istanbul startete. Zu vielen dieser Jazz-Cruises reisten Musiker und Publikum sogar alle gemeinsam im Zug an - eine unglaubliche Festival-Stimmung, noch bevor das eigentliche Festival überhaupt in Gang war. Manche musikalische Erlebnisse sind auch fiktiv, so wie Bernd Lhotzkys Piraten-Sturmfahrt "Wrack der Guten Hoffnung", das hat besonders viel Spaß gemacht

Die CD spiegelt ja auch eine gewisse Zeitreise wider: Es geht um den frühen, den traditionellen Jazz. Welche DNA ist euch da besonders wichtig? Was hat euch am meisten beeinflusst? Woran habt ihr den meisten Spaß?

Seit vielen Jahren geht es bei "Echoes of Swing" schon gar nicht mehr um den wirklich frühen Jazz. Da die meisten von uns musikalisch entsprechend sozialisiert waren - Colin genoß wie gesagt z.B. Unterricht von Jabbo Smith, Louis Armstrongs größtem Rivalen (in den 20er Jahren!) - hatten wir alle anfangs einen natürlich Zugang und gemeinsame Verbindung besonders zu den Helden der Swing Ära, Fats Waller, Teddy Wilson, Benny Goodman oder auch Duke Ellington, vielleicht der kreativsten Figur des Jazz überhaupt. Über die Jahre haben wir angefangen, uns für viele andere Stilistiken, modernere im Jazz, aber auch vieles andere, zu interessieren, und haben herausgefunden, dass wir - auch in unserer ungewöhnlichen Besetzung – eigentlich alles spielen können, was wir wollen. Spaß macht uns, jegliches Schubladendenken aufzubrechen, uns zu öffnen und zu versuchen, kreative, eigenständige Musik zu spielen, die auf einem hoffentlich gesunden Boden gewachsen ist.

Echoes of Swing als Nostalgiker zu bezeichnen, trifft es bestimmt nicht so ganz. Warum?

Obwohl manche Zeitgenossen, gerade im Jazz, Traditionsbewusstsein mit Nostalgie verwechseln, haben wir mit letzterer nie etwas am Hut gehabt. Da geht es viel um Äußerlichkeiten, dass Musik genauso klingen soll wie im Jahr XY oder gar auch noch Frisur und Kleidung entsprechend sein soll, manchmal fast wie im Fasching. Es gibt Kollegen, die solche Konzepte bewundernswert und auch mit großem Erfolg umsetzten. Sicher ein möglicher und legitimer Ansatz. Wir wollten aber nie ein rückwärtsgewandtes Museum sein. Gleichwohl kann das Wissen von großen Meistern einer anderen Epoche auch heute ungeheuer wichtig und inspirierend sein. In der Jazz-Szene, dessen Entwicklung in der Wahrnehmung von manchen bisweilen erst mit Miles Davis/John Coltrane, also erst 60 Jahre nach seiner eigentlichen Entstehung beginnt, ist das noch nicht überall angekommen - in allen anderen Kunstformen allerdings schon, wenn man an den Respekt denkt, den Bach in der Klassik genießt, Monet in der Malerei oder griechische Philosophen, die bereits vor 2000 Jahren heute immer noch gültige Weisheiten formuliert haben. Welcher Klassiker kennt Palestrina nicht und würde den eigentlichen Beginn der Klassischen Musik mit Chopin oder gar Schönberg markieren? Wichtig ist aber bei alledem, im Hier und Jetzt zu leben und zu musizieren und zu versuchen, etwas Kreatives, Eigenständiges und auch Neues zu schaffen, aus der Summe der eigenen Hörerfahrungen die eigene Stimme, den eigenen Sound zu finden - da hat Nostalgie keinen Platz.

Wie geht die Reise weiter? Von den Orten, von euren Projekten her?

Jetzt genießen wir erst einmal die vielen Konzerte und wunderbaren Stationen unserer Jubiläumstournee und schauen, was uns in Zukunft noch alles erwartet. Es gibt immer mal wieder was Neues - am kommenden Sonntag z.B. musizieren wir gemeinsam mit einem großen Symphonieorchester.