Crossroads 3000 |

Joachim Kühns neues Fusionprojekt im Wuppertaler Skulpturenpark

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Wuppertal, 22.07.2018 | „Afrikanisches Bitches Brew“ – so kündigt der künstlerische Leiter Maik Ollhoff den KlangArt-Abend im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden an. So ganz hinkt der Vergleich mit dem Erfolgsalbum von Miles Davis nicht, setzt das neue Projekt Crossroads 3000 von Joachim Kühn auch – teilweise – auf E-Piano-Sound und den energischen rhythmischen Akzent durch den Ausnahmedrummer Gary Husband. Damit erschöpft sich auch schon der Vergleich. Kühn verfolgt mit seinem neuen Projekt eine weitere Suchbewegung in Richtung musikalische Weltreise – mit Rabih Abou-Khalil vor langer Zeit auch in Wuppertal erfolgreich begonnen, jetzt mit Majid Bekkas an der Guembri fortgeführt, mit dem ihn ebenfalls eine längere Zeit des Zusammenspiels und einiger gemeinsamer Projekte verbindet. Für das neue Vorhaben kommen der malische Meister der Ngoni, Bassekou Kouyate, und der britische Ausnahmedrummer Gary Husband hinzu. Und so beginnt der afrikanisch-europäische Fusion-Abend mit einer einfachen Melodie (Seawalk), im Unisono von der elektrifizierten Langhals-Spießlaute und dem Klavier vorgetragen, begleitet von einem subtilen Schlagzeug und der als Bass-basic gespielten Guembri, woraus sich an den verschiedenen Instrumenten allmählich eigenständige Linien entwickeln. Dieses Muster verfolgt das Quartett das ganze Konzert über: in Bekkas’ afrikanischem Blues Balini, weiter in einem malischen Blues, bei dem sich Bassekou Kouyate für seinen Gesangspart entschuldigt, weil dieser sonst von Taj Mahal in anderer Stimmqualität präsentiert würde, und in etwas „ganz Afrikanischem“ (Kühn), einer langsamen Ballade, die der Pianist wegen des komplizierten afrikanischen Titels kurzerhand in Chocolat umbenennt. Manches klingt in der Melodieführung und Harmonik nach Ali Farka Touré, Kouyates Mentor. Immer wieder verblüfft der Tastenberserker Kühn mit seinem Dialog mit Kouyate, wenn er etwa Melodielinien und Phrasierungen der Ngoni aufnimmt und vor allem auf seinem Rhodes in Kühn-typische atemberaubende Arpeggien und Cluster überführt. Dies entlockt dem malischen Ngoni-Meister ob ihres Einfallsreichtums und ihrer Virtuosität das ein oder andere erstaunte Lächeln. Die energetisch präsentierte Kouyate-Komposition To Joachim dürfte deshalb auch als entsprechende Würdigung gewertet werden. Mit dem filigranen und subtilen Spiel an den Tasten und den beiden Saiteninstrumenten korrespondiert Gary Husband am Drumset, sein inspiriertes Begleit- und Solo-Spiel überzeugt durchgehend durch eine Raffinesse, die auch vor dem Notenständer als Becken-Ersatz nicht Halt macht.

Das Kühn-Stück Transmitting - Titel des Dokumentarfilms vonChristoph Hübner und Gabriele Voss - beginnt mit einer längeren furiosen Solo-Partie am Flügel und demonstriert anschaulich die solistischen Fähigkeiten der deutschen Klavierikone. Ein wenig wirkt das Powerplay auch wie eine Befreiung von Fusion-Zwängen, wie ein Emanzipationsreflex gegenüber den Goethe-Institut-kompatiblen Trends der weltmusikalischen Globalisierung, von denen Crossroads 3000 auch nicht ganz frei ist, eine echte Fusion der verschiedenen Musiktraditionen scheint bei diesem Projekt eben noch nicht scharf genug konturiert. Wie widersprüchlich und schwierig interkulturelles Improvisieren ist, zeigt übrigens der genannte Dokumentarfilm über die musikalischen Begegnungen von Joachim Kühn, Majid Bekkas und Ramon Lopez in Marokko mit afrikanischen Perkussionisten sehr anschaulich (Filmrezension bei nrwjazz.net), wahrscheinlich will Joachim Kühn mit dem Titel auch auf diesen Aspekt der weltmusikalischen „Kreuzung“ abheben.

Das Publikum goutiert jedenfalls den Open Air-Abend voll von vitaler Kraft und stimmt mit Bassekou Kouyates immer wieder selbstironisch vorgebrachter wahrscheinlich einziger deutscher Vokabel überein: „Wunderbar“.