CD-Rezension

Nominiert für den Preis der deutschen Schallplattenkritik|

Cecil Taylor und Hans Lüdemanns TransEuropeExpress

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Wuppertal, 01.09.2018 | Zwei Alben von herausragenden Pianisten sind nicht nur der Jury der deutschen Schallplattenkritik aufgefallen – beide sind im dritten Quartal dieses Jahres für die begehrte Auszeichnung und Aufnahme in die Bestenliste nominiert. Es handelt sich um sehr verschiedene, gleichwohl außergewöhnliche Premium-Veröffentlichungen.

Das eine Album ist eine, ja: würdige Verbeugung vor der Stilikone des Jazzklaviers, vor dem am 5. April d.J. verstorbenen Cecil Taylor. Dem Wuppertaler Label jazzwerkstatt ist es gelungen, eines der wahrscheinlich letzten Konzerte des Brooklyner Pianisten herauszubringen – aufgenommen im Jahre 2008 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Unvergessen übrigens der Auftritt ebenfalls mit Tony Oxley in Moers im selben Jahr.

Der Titel der CD Conversations With Tony Oxley benennt treffend das Konzert Cecil Taylors mit dem britischen Perkussionisten, obwohl es sich dabei weniger um einen gleichberechtigten Dialog von Taylor mit dem langjährigen Duo-Partner handelt. Der Mann am Steinway dominiert eindeutig die Interaktion, das abwechslungsreiche, filigrane Spiel am Drumset mit seinen sensiblen Reaktionen, Spiegelungen und Kontrapunkten trägt trotzdem zu einer gewissen Erdung des Tasten- und Improvisationsberserkers bei. Die titellosen vier Tracks des Albums sind unterschiedlich lang: über 37 Minuten der erste, fast 19 und 17 Minuten der zweite und dritte, der Schluss fällt mit 4:50 Minuten ungewöhnlich kurz aus. Ausgehend von vorsichtigem Vor-Tasten und zunehmend schnellen Läufen und Kaskaden auf dem Klavier, scheinen sich beide Akteure zu einer Klimax zu animieren mit immer neuen Wendungen und Einfällen, denen unbändige Energie zugrunde liegt bzw. die diese ventilieren. Taylor setzt immer wieder zu neuen An-Läufen an, stupende ist seine pianistische Technik über das gesamte Register. Perkussive Sequenzen werden von perlenden Läufen und wuchtig eruptiven Kaskaden abgelöst. Mit Clustern im Diskant und Bass, Parallelläufen, donnernden Ausbrüchen erlebt man einen wilden Ritt auf den Tasten, eine unbeirrt nach Freiheit ausbrechende orchestrale Wucht. Die freigesetzte Energie stellt beim Zuhörer hohe Anforderungen an die Fähigkeit, diese auszuhalten und sich dafür ein Ventil zu suchen. Der Applaus am Ende des letzten kurzen Tracks, der mit angedeuteten und rätselhaft modulierten Call-Response-Phrasen arbeitet, demonstriert dies deutlich. Der Live-Mitschnitt ist ein überragendes Vermächtnis einer unverkennbar originellen und wichtigen Stimme der improvisierten Musik, wir sind dankbar für diesen unglaublich energiegeladenen und höchst präzise gespielten Rausch der freien Musik.

Das andere prämierte Album stammt von Hans Lüdemanns Oktett TransEuropeExpress (T.E.E.) und trägt den Titel PolyJazz. Hinter dem Bandnamen verbirgt sich nicht etwa eine Reverenz an den stromlinienförmigen Designklassiker im Eisenbahnbau, dem grenzüberschreitenden Vorläufer des EuroCity und ICE. Grenzüberschreitend ist PolyJazz in der Tat als europäische Produktion mit der deutsch-französischen „Kern“-Gruppe, mit Hans Lüdemann (Piano, virtual Piano), Yves Robert (Posaune), Silke Eberhard (Altsax, Klarinette, Bass-Klarinette),
Alexandra Grimal (Tenor-, Sopran-Sax, Stimme), Théo Ceccaldi (Violine), Sébastien Boisseau (Bass) und dem Drummer Dejan Terzic aus Bosnien-Herzegowina und - in Vertretung des verhinderten T.E.E.-Mitglieds Ronny Graupe - Kalle Kalima aus Finnland. Die Musik entstammt einem Live-Mitschnitt in der Budapester BMC Concert Hall, die CD erscheint beim ungarischen Label BMC.

Musik als universelle Sprache entzieht sich bekanntermaßen nationalen Kategorien und geographischen Zuordnungen, „europäischer“ Jazz als Etikett für PolyJazz bezieht sich auch eher auf bestimmte Traditionen, Stilpräferenzen, „Dialekte“, die die einzelnen Musiker als individuelle Note ins Ensemblespiel einfließen lassen. In den Liner Notes beschreibt Hans Lüdemann die Musik seines Oktetts treffend in einer Aufzählung von Adjektiven mit dem Präfix Poly: „Die Musik ist polyphon, polyrhythmisch, polyharmonisch, polychrom und polystilistisch und lässt sich zusammengefasst in dem Begriff ‚PolyJazz’ ausdrücken.“ In der Tat entwickeln die Musiker in den zehn Tracks des Albums mit seiner eher ungewöhnlichen Instrumentierung und einer agilen Interaktion ein höchst interessantes fragiles Musikgespinst. In dem kaum merklichen Wechsel von komponierten und improvisierten Phasen steckt ein hohes Raffinement im stilistischen Ausdruck, in der Verschachtelung und Variation verschiedenster Elemente, in den teils poetischen, teils intensiv-expressiven Verdichtungen. Bis man Gelegenheit bekommt, T.E.E. live zu hören, hilft die CD mit einem echten Hörgenuss.

Beiden Labels einen herzlichen Glückwunsch zum verdienten Preis für zwei wirklich herausragende Neuveröffentlichungen, für uns Hörer und Jazzfans sind beide Alben eine echte Bereicherung.

Cecil Taylor: Conversations with Tony Oxley; jazzwerkstatt 198 (Jazzwerkstatt)

Hans Lüdemann, TransEuropeExpress: Polyjazz; BMC CD 246 (BMC Records)

KOMMENTAR: Mein ursprünglicher Text ging davon aus, dass beide Alben die begehrte Auszeichnung erhalten haben. Mein Versehen: Nominiert waren beide, allerdings wurde neben Cecil Taylor: Conversation with Tony Oxley das Album vom Brad Mehldau Trio: Seymour Reads The Constitution (Nonesuch 7559-79244-3) in der Sparte Jazz in die Bestenliste 3.2018 aufgenommen. Pardon.